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Ausstellungen 2023 in Hessen: Von der Steinzeit bis zur Gegenwart

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Von: Andreas Hartmann

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Oskar Zwintschers Selbstporträt begeisterte einst Rainer Maria Rilke. Bild: Kunsthalle Bremen
Oskar Zwintschers Selbstporträt begeisterte einst Rainer Maria Rilke. Bild: Kunsthalle Bremen © Museum Wiesbaden/Marcus Meyer

Hessens Museen holen in diesem Jahr wegen Corona verschobene Ausstellungen nach und entdecken große Kunst neu

Rainer Maria Rilke überschlug sich fast vor Begeisterung. „Ein wundervolles Bild“ sei das Selbstporträt des Malers Oskar Zwintscher, das er in einer Ausstellung in Bremen gesehen hatte. Und so schreibt der berühmte Dichter an den Maler: „Wie freue ich mich einmal, bis ich viel mehr kenne, über Ihr Werk zu schreiben!“ Rilke gilt heute als einer der ganz großen Lyriker des 20. Jahrhunderts, sein Zeitgenosse Zwintscher ist fast unbekannt – was wirklich schade ist, wie eine am 3. März beginnende Ausstellung im Museum Wiesbaden beweisen will.

In seiner sächsischen Heimat war der 1916 verstorbene Künstler nie ganz vergessen – seine „Frau mit Zigarette“ von 1904 ist einer der Publikumslieblinge des Dresdner Albertinums –, aber dem hervorragenden Porträtisten und großen Landschaftsmaler gebührt sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Das Wiesbadener Museum besitzt ein schönes „Bildnis mit gelben Narzissen“ Zwintschers aus der Stiftung des Jugendstilsammlers Ferdinand Wolfgang Neess und hat die Ausstellung gemeinsam mit dem Albertinum organisiert.

In Wiesbaden, wo im Frühjahr dieses Jahres endlich auch das spektakuläre Museum Reinhard Ernst mit abstrakter Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts eröffnen soll, ist es nicht die einzige große Ausstellung im neuen Jahr. Noch bis zum 2. Februar gibt es im Museum Wiesbaden, dem ehemaligen Landesmuseum, eine Retrospektive von Ernst Wilhelm Nay, und vom 22. September bis zum 18. Februar 2024 sind die in den 1960er und 70er Jahren äußerst populären Holzschnitte des Künstlers HAP Grieshaber zu sehen. Spannend verspricht die Gegenüberstellung von Skulpturen des Bildhauers Stephan Balkenhol mit Gemälden alter Meister aus der Sammlung zu werden, zu sehen vom 10. November bis zum 2. Juni 2024.

Seit der Pandemie waren viele geplante Ausstellungen gar nicht zu sehen, andere kaum oder nicht zugänglich – bitter für die Museumsleute etwa in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, die teils sogar schon die Werke gehängt hatten und nun nicht zeigen konnten. 2023 setzen Hessens Museen nun wieder auf große Ausstellungen. In der Schirn hat die große Retrospektive des Werks von Lyonel Feininger (27.10. bis 18.2.1924) mit internationalen Leihgaben das Zeug zum „Blockbuster“, zur Schau, die ein deutschlandweites Publikum anzieht. Auch die Bildhauerin Niki de Saint Phalle begeistert viele Menschen mit ihren bunten Figuren – die Werkschau (3.2. bis 21.5,) dürfte ebenfalls ein großes Publikum anziehen. Dem Material der Moderne, Kunststoff, widmet sich schließlich die Schirn-Ausstellung „Plastic World“ (22.6. bis 1.10.) – für Restaurator:innen übrigens ein Alptraum, weil Plastik weit weniger beständig ist als traditionelle Werkstoffe.

Im Frankfurter Skulpturenmuseum Liebieghaus experimentiert der umtriebige Kurator Vinzenz Brinkmann, der aktuell mit seiner Rekonstruktion antiker Farbigkeit von Skulpturen, den „bunten Göttern“, in New York Furore macht, mit antiken Automaten, die fast ausnahmslos nur durch Beschreibungen überliefert sind. „Maschinenraum der Götter. Wie unsere Zukunft erfunden wurde“ lässt vom 8. März bis 10. September ahnen, wie raffiniert und weit fortgeschritten die Ingenieurskunst in den antiken Kulturen Europas, Afrikas und Asiens bereits war.

Blockbuster plant auch Hessens wichtigstes Kunstmuseum, das Frankfurter Städel, Skulpturen und Reliefs mögen vielleicht nicht so populär sein wie Gemälde, wenn aber Meisterwerke von Rodin, Matisse oder Picasso zu sehen sind wie in der Ausstellung „Herausragend!“ (24.5. bis 17.9.), kann das auch ein breites Publikum begeistern, das die klassische Moderne liebt. Alte Meister hat das Museum in den vergangenen Jahren immer wieder beleuchtet, Cranach, Tizian und Botticelli erwiesen sich als absolute Publikumsmagneten. Mit „Diesseits. Renaissance im Norden“ beschäftigt sich das Städel vom 2. November bis zum 18. Februar 2024 wieder mit zwei hervorragenden, wenngleich nicht so bekannten Künstlern des 16. Jahrhunderts, Hans Holbein d. Ä. und Hans Burgkmair d. Ä., und ihrer Epoche. In deren Lebenszeit erreichte Kolumbus Amerika und Luther stieß die Reformation an – mal schauen, ob die Ausstellung wieder Rekorde bringt.

Im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, einem der letzten großen Universalmuseen Europas, wird so ziemlich alles gesammelt, was mit Wissenschaft und Kunst zu tun hat, und auch die Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehntausende wird umfassend dargestellt. Für das neue Jahr plant das Landesmuseum die außergewöhnliche Schau „Urknall der Kunst. Moderne trifft Vorzeit“, vom 24. März bis zum 25. Juni. Zu sehen sind dann Exponate, die eigentlich gar nicht bewegt werden können, nämlich prähistorische Felsbilder aus Europa, Afrika und Asien. Sie werden Kunstwerken der Moderne gegenübergestellt, etwa von Beuys, Miró oder Picasso, die sie beeinflussten. Der deutsche Ethnologe Leo Frobenius engagierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler:innen, die seine Expeditionen zu den teils Zehntausende Jahre alten Malereien begleiteten und diese originalgetreu kopierten. Die teils riesigen Bilder lagern heute im Frobenius-Institut der Frankfurter Universität und sind nur selten zu sehen – was sehr bedauerlich ist, denn die Ausstellungen der Bilder etwa im Museum of Modern Art in New York 1937 war spektakulär und die (Wieder-)Begegnung mit der Kunst der Moderne ist verblüffend.

Der Kontrast zur zweiten Ausstellung des Darmstädter Landesmuseums, die von September bis Dezember gezeigt werden soll, könnte da kaum größer sein: „Into the Future! Visionen und Design der 50er und 60er Jahre“ mit damals schicken Anspielungen auf die Atom- oder die Weltraumtechnik, etwa in der Mode oder im Spielzeug.

Kassel wird in Nicht-Documenta-Jahren zu wenig wahrgenommen, obwohl es stets viel Kultur zu bieten hat. 2023 wird die Ernennung des Bergparks Wilhelmshöhe zum Unesco-Welterbe mit einer Ausstellung gefeiert. „Bergpark Reloaded“ soll von Mai an im Schloss Wilhelmshöhe zu sehen sein.

Und dann holt Kassel in der Neuen Galerie noch eine Ausstellung nach, die in der Corona-Zeit aufgebaut und dann nie eröffnet wurde. Zu entdecken ist vom 20. November bis 28. Januar 2024 einer der interessantesten deutschen Künstler der 1950er Jahre. „Fritz Winter. Documenta-Künstler der ersten Stunde“ ist dann hoffentlich doch noch ungestört zu genießen.

Der Kasseler Bergpark wurde vor zehn Jahren Welterbe. Bild: Museumslandschaft Hessen-Kassel
Der Kasseler Bergpark wurde vor zehn Jahren Welterbe. Bild: Museumslandschaft Hessen-Kassel © S. Kaulbarsch/Museumslandschaft
Hans Holbeins Auferstehungsszene entstand einst für eine Frankfurter Kirche. Bild: Städel-Museum
Hans Holbeins Auferstehungsszene entstand einst für eine Frankfurter Kirche. Bild: Städel-Museum © Städel Museum Frankfurt
Der Afrikaforscher Leo Frobenius beauftragte vor 100 Jahren Künstlerinnen wie Elisabeth Pauili mit dem Kopieren steinzeitlicher Felsbilder, hier im Wadi Sora im ägyptischen Gilf Kebir. Bild: Frobenius-Institut Frankfurt
Der Afrikaforscher Leo Frobenius beauftragte vor 100 Jahren Künstlerinnen wie Elisabeth Pauili mit dem Kopieren steinzeitlicher Felsbilder, hier im Wadi Sora im ägyptischen Gilf Kebir. Bild: Frobenius-Institut Frankfurt © Frobenius-Institut Frankfurt

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