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Ausstellung in Frankfurt: Von Kassel nach Kalkutta

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Von: Meike Kolodziejczyk

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Am Anfang der Reise: Dirk Streitenfeld (sitzend), Erika Mignon-Jobel (auf dem Dach) und Juchan Reinard – und der Bulli. Foto: Dirk Streitenfeld (6)
Am Anfang der Reise: Dirk Streitenfeld (sitzend), Erika Mignon-Jobel (auf dem Dach) und Juchan Reinard – und der Bulli. © Dirk Streitenfeld

Vor 50 Jahren sind drei Kunststudierende mit dem Bulli nach Indien gefahren. Dirk Streitenfeld aus Oberursel war einer von ihnen. Zum Jubiläum der Reise hat er ein Fotobuch gestaltet. Einige Aufnahmen sind in Frankfurt ausgestellt.

Es war ein Traum, den in den 60er und 70er Jahren viele träumten und nicht wenige in die Tat umsetzten. Hippies, Sinnsuchende und Abenteuerlustige machten sich auf die Reise nach Indien, am besten im Bulli. Auch Dirk Streitenfeld, Erika Mignon-Jobel und Hans „Juchan“ Reinard, die damals in Kassel Kunst studierten, brachen Anfang Juli 1970 auf Richtung Morgenland. Vier Monate waren sie unterwegs, fuhren von Nordhessen durch Südosteuropa über die Türkei, den Iran, Afghanistan und Pakistan bis nach Indien und Nepal. Mit einem VW-Bus und ihrer Fotografie-Ausrüstung.

„Wir jagten einer Utopie hinterher in der Gewissheit, dass wir die richtigen Bilder dafür finden würden“, sagt Dirk Streitenfeld gut 50 Jahre später. Er sitzt am Tisch in seinem Haus in Oberursel und blättert in einem riesigen Buch mit Schwarz-Weiß-Fotos. Zum Jubiläum der Fahrt hat er sämtliche Negative, rund 5000 an der Zahl, erneut gesichtet und in Zusammenarbeit mit seinen damaligen Kompagnons eine Dokumentation mit etwa 350 Motiven erstellt und im Selbstverlag veröffentlicht, Titel: „Indien-Trip vor 50 Jahren“. Ausgewählte Bilder sind von heute an im Ausstellungsraum des Deutschen Werkbunds in Frankfurt zu bestaunen.

Ein Zebu-Ochsen-Gespann im Verkehr von Kalkutta.
Ein Zebu-Ochsen-Gespann im Verkehr von Kalkutta. © Dirk Streitenfeld

„Das ganze Projekt dient eigentlich nur dazu, diese Bilder vor dem Vergessen zu retten“, sagt Streitenfeld. Auch, weil es wegen Kriegen und Krisen heute kaum noch möglich sei, die einstige Route zu bereisen. Zwar dürfte die Tour auch vor einem halben Jahrhundert kein Wellnessurlaub gewesen sein, doch sie hätten dafür „kaum persönlichen Mut gebraucht“, sagt Streitenfeld. „Es war der Geist der 68er-Zeit, der uns beseelt und neugierig gemacht hat.“

Mutig war das Unternehmen dennoch. Allein das Vehikel, mit dem die drei Studierenden von Kassel bis Kathmandu und Kalkutta kurvten, war ein einziges Wagnis: Ein VW-Bus vom Schrottplatz, den ein Kommilitone etwas um- und aufrüstete, im Gepäck ein Ersatzmotor und sechs Reservereifen – die genauso schrottreif waren wie die montierten Räder. „Wir hatten quasi täglich einen Platten.“ Immerhin habe das ständige Reifenwechseln sie topfit gehalten.

Und auch der Bulli zog mit, selbst wenn er mitunter muckte, besonders im Gebirge. In den Alpen meisterte er den Reschenpass erst im zweiten Anlauf und mit Körpereinsatz, in Hindukusch und Himalaya schaffte er manche Steigung „nur mit Vollgas und schleifender Kupplung“, berichtet Streitenfeld. Trotzdem hätten sie nicht selten 500 Kilometer am Tag zurückgelegt.

Szene in einem Hof in Lahore, Pakistan.
Szene in einem Hof in Lahore, Pakistan. © Dirk Streitenfeld

„Im Grunde sind wir ohne große Vorkenntnisse und völlig überstürzt in dieses fremde Leben hineingesteuert.“ Mit dem Ziel, möglichst weit wegzukommen von zu Hause, von den Regeln ihrer durch die NS-Zeit geprägten Eltern. Sie wollten Eindrücke sammeln, ausbrechen, Grenzen überwinden, im geografischen wie im übertragenen Sinne. Ähnlich den Hippies, die dereinst in Scharen nach Indien wandelten – was die davon wenig begeisterte Regierung einzudämmen trachtete und mit dem Slogan „Hippie bye bye“ quittierte. Manchmal hätten Kinder ihnen diese Worte zum Abschied zugerufen. „Aber wenn sie das im Chor intoniert haben, war das einfach nur süß.“ Sie seien oft regelrecht hofiert worden, „wie Gesandte von einem anderen Stern“. Überhaupt hätten sie „unheimlich viel Freundlichkeit“ erlebt in Indien. „Es gab nur zwei, drei merkwürdige Situationen, als wir auf militante Hindus gestoßen sind.“

Anders jedoch als die Hippie-Touristen suchten Dirk Streitenfeld, Erika Mignon-Jobel und Juchan Reinard nicht nach Spiritualität. Sie wollten weder im Ashram zu sich selbst finden, noch war „die Sinneserweiterung durch Kiffen eine tragende Idee von uns“. Genauso wenig seien sie am Abhaken kultureller Highlights interessiert gewesen. „Wir wollten offen sein und auf die Menschen zugehen, das normale Leben und ihren Alltag kennenlernen und abbilden.“

Fotobuch und Ausstellung

„Indien-Trip vor 50 Jahren. 68er Kunststudenten bereisen Nordindien auf der Suche nach Bildern und sich selbst“ lautet der Titel des Fotobuchs, das Dirk Streitenfeld Ende 2021 mit einer Auflage von 100 Stück im Selbstverlag veröffentlicht hat. Es ist im Buchhandel unter der ISDN-Nummer 978-3-00070-067-5 erhältlich und kann über seine Homepage zum Preis von 46 Euro bestellt werden.

Die Ausstellung zum Fotobuch eröffnet am Freitag, 28. Januar, 19 Uhr, beim Deutschen Werkbund Hessen in Frankfurt, Weckmarkt 5, und kann dort bis zum 18. Februar dienstags, mittwochs und donnerstags sowie samstags und sonntags von 15.30 bis 18.30 Uhr besichtigt werden. Das Buch ist in der Ausstellung für 40 Euro zu haben. myk

www.dirk-streitenfeld.de

Bewusst haben sie sich gegen Farbfotos entschieden, „um nicht blumenkindliche Heiterkeit unter demonstriertem Baghwan-Lächeln zu suggerieren“, formuliert es der Kunsttheoretiker und emeritierte Ästhetikprofessor Bazon Brock im Geleitwort zum Buch. Für die Ausstellung nutzt Streitenfeld Fotos, die er direkt nach der Rückkehr auf Industriepapier abgezogen hat. Außerdem legt er in der Schau den Fokus etwas mehr auf Afghanistan, zum einen wegen der aktuellen Lage, zum anderen, „weil erst dort das Gefühl aufkam, endlich in der Ferne gelandet zu sein“.

Atemraubende Landschaften und Bauten in Schwarzweiß gibt es zu entdecken, allerlei Getier wie Hanuman-Languren, Rhesusaffen, heilige Kühe, aasende Geier, Ziegen, Kamele, Schlachtvieh. Doch vor allem handeln die Fotos von den Menschen und ihrem üblichen Tun, ob in Indien oder Afghanistan, in Nepal oder Pakistan. Und fast jedes Bild erzählt eine Geschichte.

Auf einem Hausboot schöpft eine Frau Wasser aus dem Jhelam.
Auf einem Hausboot schöpft eine Frau Wasser aus dem Jhelam. © Dirk Streitenfeld

„Das Leben in diesen Ländern hat sich weitestgehend auf der Straße abgespielt“, sagt Streitenfeld. Auf den Basaren in Kabul oder Lahore, an den Tee- und Imbissstuben nahe Delhi, im Verkehr von Kalkutta und in den Dörfern Nepals. Der Monsun überflutet Wege bei Srinagar, Männer pilgern in Kaschmir auf 4000 Meter Höhe zu einer Höhle, eine Menge erwartet in Kathmandu die Ankunft des Königs.

Es sind analoge, unbearbeitete Momentaufnahmen, nichts ist gestellt, nichts geschönt. Manche Szenerien wirkten schon „sehr martialisch“, räumt Streitenfeld ein. Die Metzgereien auf offener Straße zum Beispiel, wo Kinder zwischen Hammelhälften und Fleischbrocken hervorlugen. Oder die junge Frau, die in düsterem Verschlag abwesend auf einem Schemel hockt, neben sich am Boden einen halbverwesten Rinderschädel und einen greisen Gatten.

Kinder an einer Teestube in Patna, Indien.
Kinder an einer Teestube in Patna, Indien. © Dirk Streitenfeld

Sie seien keineswegs auf „Armutsbilder“ aus gewesen, betont Streitenfeld. „Wir suchten nach Beweisen für ein Glück in Bescheidenheit.“ Leider hätten sie in ihrer „Naivität“ lange nicht erkannt, dass sie allein wegen ihres VW-Busses als reich angesehen wurden. Dabei hätten sie bescheiden gelebt auf der Fahrt, an deren Ende sie „blitzeblank“ waren. „Diese Brüche in der internen Auseinandersetzung zu erkennen, war ein Ergebnis, das wir mit nach Hause brachten.“ Zurück in Kassel, wurden die Fotos für Examina ausgewertet – und verschwanden in der Schublade.

Fünf Dekaden später hat Streitenfeld sie wieder herausgekramt. Zum einen wegen des Jubiläums, vor allem aber, weil ihm solche Projekte am Herzen liegen. Erst 2020 hat er mit seiner Frau Regina, Künstlerin und pensionierte Lehrerin, ein Buch über historische Humorpostkarten veröffentlicht.

Mädchen in einer Metzgerei in Afghanistan.
Mädchen in einer Metzgerei in Afghanistan. © Dirk Streitenfeld

Jenseits des aktiven Berufslebens könne man sich sowas erlauben, zumal in der Pandemie, befindet der 77-Jährige, der früher hauptsächlich als Grafiker und Plakatgestalter gearbeitet hat. Von 1992 bis 2014 betrieben die Streitenfelds in ihrem Haus in Oberursel eine Galerie für Komische Kunst, die bekannt und einzigartig war in der Region, wenn nicht gar in der ganzen Republik.

Zwar nicht komisch, aber durchaus einmalig ist nun auch die Dokumentation der 50 Jahre zurückliegenden Fahrt nach Indien. Auch für Dirk Streitenfeld, der seitdem nicht mehr dort war, ist sie ein Trip in die Ferne und Vergangenheit. „Und alle, die so eine Reise nicht erleben durften, laden wir mit unseren Fotos dazu ein, an ihr teilzuhaben.“

Im Innenhof eines Affentempels in Nepal.
Im Innenhof eines Affentempels in Nepal. © Erika Mignon-Jobel

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