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U-Ausschuss zum Anschlag von Hanau: Zweifel an Glaubwürdigkeit von Barbetreiber

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Von: Gregor Haschnik

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Hinweise zum versperrten Notausgang gab es direkt nach der Tat. Sie wurden lange nicht verfolgt.
Hinweise zum versperrten Notausgang gab es direkt nach der Tat. Sie wurden lange nicht verfolgt. Schick © Michael Schick

Der Ex-Betreiber der Arena-Bar sagt im Untersuchungsausschuss zum Anschlag von Hanau aus. Er sieht sich als Sündenbock und bestreitet alle Vorwürfe. Der Ausschuss hat Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.

Heike Hofmann (SPD) sprach von erheblichen Zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Zeugen, Jörg Michael Müller (CDU) von Lügen und Märchen. Der Notausgang in seiner Bar sei stets offen gewesen, hatte der Wirt zuvor gesagt. Wer behaupte, er habe ihn abgeschlossen oder Mitarbeitende dazu angewiesen – und das auch noch, weil die Polizei es verlangt habe –, lüge, sei eine Schande. Er habe der Polizei auf Anfrage nur ein- oder zweimal Videos der Überwachungskamera gegeben.

Im Untersuchungsausschuss zum Anschlag von Hanau hat am Montag der frühere Betreiber und Eigentümer der Arena-Bar, dem zweiten Tatort, Vorwürfe zurückgewiesen und selbst welche erhoben: Er solle für alle die Rolle des Sündenbocks übernehmen.

Türkischsprachige Beobachter:innen kritisierten die Übersetzung bei dem Zeugen. Es sei weder alles noch wörtlich übersetzt worden. Zudem habe die Dolmetscherin mitunter kommentiert.

Bei dem Anschlag am 19. Februar 2020 ermordete ein 43-Jähriger neun Menschen aus rassistischen Motiven. Dann tötete er seine Mutter und sich selbst. Der Notausgang der Bar mit angrenzendem Kiosk ist wichtig, weil Opfer nicht zu der Tür flüchteten, sondern hinter einer Säule Schutz suchten. Laut Überlebenden und weiteren Zeug:innen war bekannt, dass die Fluchttür versperrt war, mutmaßlich auf Anweisung der Polizei, damit sie es bei Razzien leichter hatte. Die Polizei weist den Vorwurf zurück.

Die Abgeordneten sahen viele Widersprüche in den aktuellen Aussagen: Müller, der den Bogen teilweise überspannte und sehr scharf auftrat, fragte etwa: Wie könne der Wirt sich erklären, dass Stammgäste und ein Ex-Mitarbeiter – der entgegen den Angaben des Betreibers nachweislich monatelang für ihn tätig war – von einem verschlossenen Notausgang berichteten und dies bei mehreren Kontrollen auch festgestellt wurde? Darüber hinaus verwies er auf eine Aussage des Gastronomen bei der Polizei, nach der dieser die Fluchttür teils selbst abgeschlossen habe, damit niemand zum Rauchen hindurchging. Der Wirt entgegnete, er erinnere sich nicht und habe das Vernehmungsprotokoll nicht richtig gelesen.

Grundsätzlich, so der Zeuge, habe sich der Notausgang leicht öffnen lassen, auch weil Beschäftigte ihn regelmäßig genutzt hätten, um den Müll rauszubringen. Nur wenn dies länger nicht geschehen sei, habe die Tür „geklebt“ und mit etwas mehr Druck geöffnet werden müssen. So wie bei einer Durchsuchung Ende 2020, bei Ermittlungen zum Notausgang. Deren Einstellung begründete die Staatsanwaltschaft nicht zuletzt damit, dass die Tür während des Anschlags womöglich lediglich „geklemmt“ habe.

Das sei damals vielleicht falsch verstanden worden, erklärte der Gastronom. Bei dem Ortstermin sei zwar ein türkisch sprechender Polizist dabei gewesen, aber kein Dolmetscher; man habe sich zum Teil „mit Händen und Füßen“ verständigt.

Kaum Hilfe für Schwangere

Die zweite Zeugin, die Überlebende Kim Schröder, widersprach dem Gastronomen. Dieser habe wie fast jeder im Stadtteil gewusst, dass der Notausgang verschlossen gewesen sei. Bargäste, die sich ungestört unterhalten und rauchen wollten, hätten nicht den kurzen Weg durch die Fluchttür, sondern den langen durch den Eingang gewählt.

Zum Zeitpunkt des Anschlags war Schröder im vierten Monat schwanger. Sie schilderte, wie der Attentäter im Kiosk „versuchte, mir gezielt in den Kopf zu schießen“ und sie ausweichen und sich und ihr Kind retten konnte. Wie sie ihre Freundin Mercedes Kierpacz sterben sah. Wie sie durch ein Fenster sprang und vergeblich um Hilfe schrie, bis sie ein Polizeiauto anhielt.

Sie kritisierte, dass die Polizei spät gekommen sei und sich nicht für ihre Situation interessiert, sondern sie schreiend gefragt habe, wo die Arena-Bar sei. Auch habe sie nach dem Anschlag – abgesehen von der Beratungsstelle Response – kaum Hilfe bekommen. Sie leide weiterhin unter dem Anschlag, wache oft schweißgebadet auf und müsse sich ins Leben zurückkämpfen.

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