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Pitt von Bebenburg

Gut gebrüllt

Ausgekocht

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Ein Promi verlässt den Landtag. Das müssen wir verdauen. Die Kolumne aus dem Landtag.

Im hessischen Landtag lauern viele Gefahren, aber eine jedenfalls nicht: Das Landtagsrestaurant hat keine Wurst der nordhessischen Firma Wilke, die wegen gefährlicher Keime in Verruf geraten ist, verkauft. Da geht es den Landtagsabgeordneten besser als den Kunden mancher Unimensen und Krankenhäuser, wo Salami und Putenschinken von Wilke aufgetischt wurden.

Der Mann, der für sichere und leckere Lebensmittel im Restaurant sorgt, ist der derzeit vielleicht prominenteste Vertreter des Landtags, noch vor Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir. Denn die Politiker schmücken kein Cover eines Hochglanzmagazins – der Glamourfaktor im hessischen Landtag hält sich in engen Grenzen.

Frank Nettlenbusch aber hat es auf die Titelseite geschafft – und das hat nicht im Geringsten mit Lebensmittelskandalen zu tun. Es sind allerdings weder Der Spiegel noch Focus oder Stern, die den Mann zum Landtagspromi machen, sondern eine Illustrierte, die bisher nicht zu unseren Informationsquellen zählte. „Küche“ heißt sie, Untertitel: „Fachmagazin für Profiköche“. Die Titelstory handelt vom „Betriebsrestaurant zum Wohlfühlen“. Gemeint ist das Landtagsrestaurant – und der Coverboy heißt Frank Nettlenbusch.

Der 50-jährige Koch sorgt mit seinem 25-köpfigen Team dafür, dass wir zwischen der Ausschusssitzung, dem Telefonat mit der Redaktion in Frankfurt und der nächsten Pressekonferenz nicht verhungern – ein nettes Gespräch über vegetarische Leckereien inklusive. Nettlenbusch bietet täglich drei verschiedene Menüs an, für die Abgeordneten, die Landtagsbeschäftigten, für Besucher und Journalisten, zum Glück täglich auch eine fleischlose Variante. Und manchmal, bei Großveranstaltungen wie dem „Parlamentarischen Abend“, erledigt er das Catering für 1000 Gäste.

Nettlenbusch ist schon wieder weg

Der Gastronomieleiter arbeitet für das Unternehmen „Genuss & Harmonie“, das seit drei Jahren das Restaurant übernommen hat. Der Kontakt zur Politik ist dem Mann nicht ganz fremd, hat er doch Anfang der 1990er Jahre schon im Lieblingsrestaurant des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl gearbeitet, dem „Deidesheimer Hof“ in der Pfalz. Außerdem ist Nettlenbusch Mitglied der CDU und engagiert sich im Vorstand des Wiesbadener Stadtbezirksverbands Nordenstadt.

Seit über 20 Jahren ist Nettlenbusch in Wiesbaden tätig, die meiste Zeit in der Domäne Mechtildshausen, einem Landwirtschafts- und Gastronomiebetrieb, der benachteiligte Jugendliche ausbildet. Nun bekocht er Abgeordnete. „An normalen Tagen kommen wir im Schnitt auf 195 Essen, in den Plenarwochen auf bis zu 350“, berichtet der Koch im Magazin „Küche“. Auf eine abwechslungsreiche Küche, die ohne Geschmacksverstärker und Fertigprodukte auskomme, dafür mit vielen frischen Zutaten von regionalen Erzeugern arbeite, lege er ebenso großen Wert wie die Verwaltung des Landtags. Kaum ist das Magazin erschienen, geht Nettlenbusch schon wieder weg. Er wechsele zur Hochschulgastronomie, berichtete der Koch der Frankfurter Rundschau – zur Lichtwiese der Technischen Universität Darmstadt.

„Ausgekocht“ hat er im Landtag. Gut, den Titel haben wir schon einmal verwendet für ein Buch, als Roland Koch sich aus der Politik verabschiedete. Aber heute trifft er wortwörtlich zu.

Denn Nettlenbusch wird an der Uni nicht mehr selber in der Küche stehen, sondern im Hintergrund organisatorisch wirken. Noch steht nicht fest, wer ihm folgt – weder als Restaurantleiter noch als Landtagspromi.

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