René Sperlich ist einer von derzeit acht Azubis bei Kegelmann Technik. Er ist im ersten Lehrjahr.
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René Sperlich ist einer von derzeit acht Azubis bei Kegelmann Technik. Er ist im ersten Lehrjahr.

Offenbach

Ausbildung trotzt Corona

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Im Pandemiejahr bilanzieren Arbeitsagentur, IHK und Handwerkskammer in Stadt und Kreis Offenbach kaum weniger Berufsausbildungsstellen.

Ein Technologieunternehmen mit modernen, chipgesteuerten Maschinen und 100 hoch qualifizierten Mitarbeitern – aber trotzdem 40 Prozent Umsatzeinbruch seit März. Wenn man die Zahlen des Ausbildungsbetriebs Kegelmann Technik in Rodgau als Vergleich nimmt, verwundert es fast, dass die Ausbildungszahlen während des Pandemiejahrs in Stadt und Kreis Offenbach kaum abgenommen haben. Trotz Corona und Lockdown bildet die Mehrzahl der Unternehmen nach wie vor aus. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, diagnostiziert Thomas Iser, Chef der Offenbacher Arbeitsagentur.

Zusammen mit den Verantwortlichen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach und der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main zog er am Donnerstag eine erste Bilanz des neuen Ausbildungsjahrs, das mitten in der Pandemie begann. Das Trio präsentierte Zahlen: Die IHK Offenbach verzeichnet bisher 10,6 Prozent weniger Ausbildungsstellen als im Vorjahr, aber gleichzeitig wurden 138 neue Ausbildungsbetriebe gewonnen. Hotellerie, Gastronomie und Tourismusbranche seien jedoch von der Pandemie sehr stark betroffen, sagte IHK-Vizepräsident Hans-Joachim Giegerich, „und wer schließen musste, wird auch nicht ausbilden“.

Die Offenbacher Arbeitsagentur bekam in diesem Ausbildungsjahr 2059 freie Ausbildungsplätze gemeldet; im Vorjahr waren es noch 2388. Das entspricht einem Minus von 13,8 Prozent. Aktuell seien noch 103 registrierte Bewerber unversorgt, sagte Thomas Iser, 67 waren es zur gleichen Zeit im Vorjahr. Coronabedingt fanden in diesem Jahr mehrere Hundert Jugendliche weniger eine Ausbildungsstelle und besuchen weiterführende Schulen oder berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, um die Zeit zu überbrücken. „Ziel für 2021 muss es somit sein, zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen, damit diese Jugendlichen zum Zug kommen“, sagte Iser. 35 Ausbildungsplätze seien nicht besetzt worden – gegenüber 235 im Vorjahr.

Das Handwerk verzeichnete im gesamten Kammerbezirk bis September 18 Prozent weniger Ausbildungsverträge. Am Jahresende werde man wohl bei einem Minus von 10 bis 15 Prozent landen, sagte Florian Schöll, Leiter Berufsbildungspolitik bei der Handwerkskammer. „Die Handwerksbetriebe haben sich Anfang des Jahres sehr zurückgehalten. Erst jetzt hat die Nachfrage nach Lehrlingen angezogen.“ Trotzdem gebe es in den 130 Handwerksberufen derzeit 250 freie Lehrstellen. Aktuell überdächten viele Studenten im Kontext von coronabedingtem virtuellem Lernen ihre Studienwahlentscheidung und versuchten sich stattdessen im Handwerk. Gleichzeitig sind die Flüchtlingszahlen rückläufig; damit gebe es nicht mehr so viele Geflüchtete, die ein Handwerk erlernen.

Sowohl Arbeitsagentur als auch IHK und Handwerkskammer beklagten, dass es in Corona-Zeiten schwer sei, mit den jungen Menschen in Kontakt zu kommen. Ausbildungsmessen und Besuche an den Schulen seien kaum möglich, Themen wie Berufsorientierung seien im Unterricht in den Hintergrund gerückt, die Belegung von Praktikumsplätzen sei schwierig. Für das „Matching“, die passgenaue Besetzung von Ausbildungsstellen, werde man neue Formate an den Start bringen müssen – wie etwa das digitale Azubi-Speeddating, das derzeit läuft.

Dass eine gute duale Ausbildung alle Chancen für die Zukunft eröffnet, beweist Anton Honcharov, der bei Kegelmann Technik den Beruf des Feinwerkmechanikers, Fachrichtung Zerspanungstechnik, erlernt hat. Er wurde im Vorjahr dritter Sieger im Bundesleistungswettbewerb des Metallhandwerks.

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