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Auge in Auge mit Alligator Jack

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Von: Thomas Stillbauer

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Alligator Jack in den Everglades, Florida, USA.
Alligator Jack in den Everglades, Florida, USA. © Ingo Arndt

Der gebürtige Hesse Ingo Arndt hat für seinen neuen Bildband auf der ganzen Welt Grasland fotografiert – und seine Bewohner. Es sind faszinierende Aufnahmen in faszinierender Landschaft.

Stiefmütterlich behandelt, sagt Ingo Arndt, werde das Grasland oft. Aber nicht mit ihm. Wenn der Mann aus Langen sich dem Grasland nähert – und das tut er regelmäßig, denn als Naturfotograf ist er sozusagen von Natur aus nah dran am Grasland auf allen Kontinenten –, dann erwächst daraus mehr als Stiefmütterchen. Dann wird es mal bunt, mal bizarr, oft spektakulär. Dann steht dem Betrachter schon mal vor Staunen der Mund offen.

Oder dem Alligator. Jack, so heißt das kapitale Krokodil, ist ein Star in Ingo Arndts unlängst erschienenem Fotoband „Grasart“. Und Jack war dem Fotografen ganz, ganz nah.

„Das Foto hatte ich schon lang im Kopf“, sagt Ingo Arndt. Ein Bild, Auge in Auge mit dem Alligator, halb über Wasser, halb darunter. Moment – Wasser? Was hat das mit Grasland zu tun? Viel. Jedenfalls in den Everglades im US-Bundesstaat Florida, wo die Alligatoren leben. Die Ureinwohner haben die Gegend „Fluss aus Gras“ genannt, und dass der Begriff passt, weiß jeder, der die Propellerboote in Fernsehserien wie „Flipper“ oder „Gleitbootpatrouille“ durchs Grün rauschen sah.

„Ich wollte mit einem Unterwassergehäuse ein Porträt aus nächster Nähe machen – und mit einem Weitwinkelobjektiv, damit ich auch die Graslandschaft aufs Foto bekomme“, schildert Arndt. Aber zuerst einmal muss man einen Alligator finden, der das mitmacht. „Die lassen einen normalerweise nicht näher heran als 30 Meter.“

Also begab sich der Hesse mit der Hilfe eines Einheimischen auf die Suche, und nicht viel später war der Kontakt hergestellt: zu Jack, der unter einem Steg bei einem Airboat-Verleih lebt.

Na gut – und wie kommt man dem Koloss jetzt so nahe, ohne gefressen zu werden? „Im Baumarkt in Florida habe ich eine fünf Meter lange Stange für die Kamera gekauft und erst einmal im Pool ausprobiert“, erzählt der Fotograf. Bei den Proben half ein gutmütiges Double für Jack: Ingo Arndts Ehefrau Silke. Sie spielte den Alligator.

Aber wie es so ist im Leben, echte wilde Tiere sind dann doch noch ein wenig anders, irgendwie eigenwilliger im Umgang. Jack erschrak wohl anfangs vor der Apparatur, Marke Eigenbau, und haute ab. In den folgenden zwei Wochen verlor er aber nach und nach seine Scheu. „Vielleicht hat ihn die Box auch genervt. Er wollte reinbeißen. Dabei ist das Foto entstanden.“ Jack verkratzte bei seinem Angriff Teile der Kamera, ein Schaden von mehreren Hundert Euro. „Aber das hat sich gelohnt.“ In der Tat – das Bild mit dem dreieinhalb Meter langen Alligator, der dem Betrachter praktisch in die Nase beißt, ist eine Sensation. „Meine Frau war auch froh, als das Foto von Jack endlich gelungen war“, sagt Arndt. Nicht nur, weil sie von ihren Pflichten als Double entbunden war. „Wenn ich auf dem Steg lag, und Jack schwamm drunter durch, waren keine 70 Zentimeter dazwischen.“

So hautnah begegnet der Weltreisende seinen Objekten nicht immer. Löwen zum Beispiel. „Löwen fotografiert man normalerweise aus dem Jeep heraus. Das ist kein großes Ding. Spannender ist es beim Puma – dem habe ich gegenübergestanden. Mit Pumas passiert in Amerika auch schon mal ein Unfall, aber meist laufen sie weg.“

Wie kommt Ingo Arndt auf seine Themen? „Mir fällt oft etwas im Flugzeug ein, wenn ich gerade keine Kamera und keinen Computer vor der Nase habe“, sagt er. Bei einer dieser Gelegenheiten wurde ihm bewusst, wie häufig er während seiner Reisen auf Gras stößt. „Es gibt tolle Formen, die Blüten sind vielfältig. Wiesen sind recht bunt, wenn man sie sich mal genau anschaut.“ Und Grasland sei neben den Wäldern und dem Ozean das wichtigste Ökosystem. „Es wird oft unterschätzt“, wie gesagt: stiefmütterlich behandelt. „Man hört keinen Aufschrei, wenn eine Wiese umgebrochen wird – ganz anders als etwa beim Wald.“

Geduld wichtig

Bitter: In den Great Plains in Nordamerika fand der Fotograf nur noch ganz wenig von der ursprünglichen Prärie. Das Grasland dort ist eigentlich geschützt, es war unter anderem Kulisse des Films „Der mit dem Wolf tanzt“. Auf der Ranch des Medienmultis Ted Turner nahm Arndt die Bisons für sein Buch auf. Der Ort war einer der Schauplätze, die Kevin Costner vor fast 30 Jahren für seinen Film auswählte.

Aber Grasland ist ja nicht einfach nur Gras; es leben auch Tiere darauf. Man muss sie nur finden. „Ich habe viel Zeit investiert in die Suche nach den Pumas in der Pampa“, sagt der Fotograf. „Wir standen mit vier Ortskundigen über eine Bergkette verteilt, per Funk miteinander verbunden. Dann muss man schnell genug sein, aber gut getarnt. Das metallische Geräusch, wenn etwa Teile des Kamerastativs aneinanderschlagen, mögen sie gar nicht. Dann sind sie weg.“

Krokodile. Pumas. Gefahr geht bei dieser Arbeit aber gar nicht so sehr von den großen Tieren aus. „Am gefährlichste sind die kleinen Tiere, die man nicht so leicht sieht, Mücken etwa. Malaria ist aber im Grasland nicht sehr verbreitet.“ Doch es kann einem unterwegs vieles begegnen. „Nachts in South Dakota habe ich den Sternenhimmel über den Badlands fotografiert – und irgendwann gemerkt: Da sind Klapperschlangen auf der noch warmen Straße. Das waren relativ kleine Exemplare. Die großen habe ich gesehen, als ich mit Schlangenfängern unterwegs war.“

Alte Weisheit: Wer tolle Fotos will, muss Geduld mitbringen. Es kommt zwar vor, dass Arndt nach einer halben Stunde ein perfektes Bild im Kasten hat, aber für den nächsten Auftrag ist er dann wieder sehr lange unterwegs. „Zwei Wochen haben wir gebraucht, um Mongoleigazellen zu finden. Bis dahin nichts, auch keine Menschenseele – und dann eine Herde von 30 000 Tieren.“

Anschließend wieder zurück in die Heimat. Was für ein Gegensatz. Und wichtig fürs Gleichgewicht. Der gebürtige Mörfelder, 1968 auf die Welt gekommen, sieht sich fest verwurzelt im Frankfurter Raum und ist froh, hier eine Basis zu haben. „Es gibt auch hier Natur“, sagt er. Als Junge beobachtete er mit seinem Vater Vögel. „Samstags, während meine Mutter gekocht hat, sind wir immer im Wald gewesen. Später habe ich dann den Eisvogel beobachtet und angefüttert – das war mein Einstieg in die Naturfotografie.“ Es war wie ein Virus. „Ich wollte nichts anderes mehr machen in meinem Leben.“ Mit dem Geld, das er für seine ersten Fotos bekam, reiste er los in die weite Welt.

Heute ist Ingo Arndt das halbe Jahr auf Reportage, am liebsten begleitet von seiner Frau, und die andere Hälfte der Zeit sitzt er daheim vor dem Computer. „Die Leute denken ja immer, wenn er nicht unterwegs ist, schafft er nix“, sagt er lachend. „Von wegen!“ Meist fotografiert Arndt für die Zeitschrift GEO.

Wer sich für Grasland interessiert, dem empfiehlt er, ruhig einmal nachzusehen, wo Wiesen stehengelassen werden – und wie sich das Gras dort verändert. „Im April und im Mai mal genau darauf achten: die tollen Strukturen. Und die schönen Blüten!“

„Grasart“, der großformatige Fotoband von Ingo Arndt, ist erschienen im Knesebeck-Verlag, 256 Seiten mit 200 farbigen Abbildungen, 49,95 Euro. Die Texte schrieb der Verhaltensforscher und Soziobiologe Jürgen Tautz, das Vorwort steuerte Ruth Eichhorn bei, ehemals Director of Photography beim Magazin GEO.

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