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Attentat in Hanau: „Wir kämpfen dafür, dass es Konsequenzen gibt“

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Etris Hashemi und Newroz Duman im Gespräch mit Regisseur Nuran David Calis (r.).
Etris Hashemi und Newroz Duman im Gespräch mit Regisseur Nuran David Calis (r.). © Monika Müller

Die Veranstaltungsreihe „Der utopische Raum“ diskutiert über Gedenken, Vergessen und Verschweigen von Attentaten und ihren Opfern.

In Bezug auf den rassistischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 stellt sich immer wieder die Frage, wie an die Tat und ihre Opfer erinnert werden soll. Unter dem Titel „Erinnern heißt verändern!“ beschäftigte sich damit jetzt eine Veranstaltung der Reihe „Der utopische Raum“, eine Kooperation der Stiftung Medico international mit dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. Sie fand am Donnerstag, am 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und wenige Wochen vor dem Jahrestag des Attentats in Hanau, statt.

„Das Gedenken steht dabei vor der Herausforderung, nicht zu einer rein symbolischen Routinehandlung ohne Konsequenzen zu werden“, leitet Moderatorin Ramona Lenz von der Stiftung Medico die Gesprächsrunde ein. Extrem rechtes Denken und darauf gründende Gewalt seien immer Teil der deutschen Geschichte gewesen und bis heute habe sich das nicht verändert, wie etwa die Morde des NSU und das Attentat in Hanau zeigten.

Neben Lenz sitzt Said Etris Hashemi, ein Überlebender des 19. Februars, dessen Bruder bei dem Attentat ums Leben kam. Er ist Teil der Initiative 19. Februar Hanau und setzt sich gegen das Vergessen ein. „Wir kämpfen dafür, dass es kein sinnloser Tod war“, erklärt er auch im Hinblick auf seinen Bruder.

Gerade beschäftige ihn der Untersuchungsausschuss zum Attentat noch sehr, sagt Hashemi gefasst. Dabei muss er immer wieder schlucken, als er von der Februarnacht vor zwei Jahren spricht. Seitdem seien er und die Initiative vor allem damit beschäftigt gewesen, alles aufzuarbeiten, erzählt er und spricht von einer „Kette des Versagens“, die an dem Abend zu der Gesamtsituation beigetragen habe. „Wir werden dafür kämpfen, dass es eine Konsequenz gibt, damit sich endlich etwas ändert.“

Neben ihm sitzt Newroz Duman. Sie ist Aktivistin und von Anfang an Teil der Initiative 19. Februar Hanau. „Wir haben gemerkt, dass es einen Ort braucht, einen Raum, um an Hanau zu erinnern, der zugänglich ist für alle“, erklärt sie. Einen Monat nach der Tat habe sie zu diesem Zweck einen Raum in der Innenstadt eröffnet, der sich anschließend zu einem Treffpunkt für Angehörige und Überlebende entwickelt habe. Bis heute treffe sich die Gruppe an jedem 19. Tag eines Monats und gehe gemeinsam zu den Tatorten. Anschließend betont sie, wie wichtig es sei, dass Angehörige an der Erinnerung beteiligt und nicht über ihre Köpfe hinweg Entscheidungen getroffen würden.

Dem stimmt auch der dritte Gast zu. Es handelt sich um Theaterregisseur Nuran David Calis, der 2014 am Schauspiel Köln „Die Lücke – Ein Stück Keupstraße“ auf die Bühne brachte. Der Anlass war der 10. Jahrestag des Nagelbombenanschlags durch den NSU. Für das Stück sprach Calis mit Anwohner:innen über ihre Erlebnisse und brachte manche von ihnen später sogar zusammen mit Schauspieler:innen auf die Bühne. Wie Duman bemerkt auch Calis, dass Betroffene einbezogen werden wollten, wenn es um das Erinnern gehe. „Geh nicht mit uns um, als wären wir unberührbar“, habe er von den Menschen aus der Keupstraße gehört.

Mit seinem Stück wollte Calis außerdem die Frage in den Raum stellen „wie wir miteinander leben wollen“. Eine Frage, die auch Duman für zentral hält. Erinnern könne für jeden anders aussehen, aber es sei wichtig, sich mit solchen Taten „richtig auseinanderzusetzen“, sagt sie. Ein Mahnmal etwa sei nicht ausreichend: „Erinnern gehört in alle Räume, in alle Bereiche der Gesellschaft.“ (Kim Brückmann)

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