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Arztpraxen geschlossen: Mediziner warnen vor Kollaps

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Von: Claudia Kabel

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Odenwälder Ärzte protestieren gegen schlechte Bedingungen.
Odenwälder Ärzte protestieren gegen schlechte Bedingungen. © Privat

Ärztinnen und Ärzte in Hessen haben am Mittwoch ihre Praxen zugemacht. Im Odenwald berichten Praxisinhaber von finanziellen Nöten, Arbeitsüberlastung und den Fehlern im Gesundheitsystem.

Wer am Mittwochmorgen in einer Arztpraxis anrief, hatte gute Chancen, statt dem üblichen Besetztzeichen eine Ansage zu erhalten, dass die Praxis wegen eines Ärztestreiks geschlossen ist. So wie die Hausarztpraxis von Bernhard Wagner und Jan Brunn in Oberzent im Odenwald.

Etwa 160 Patientinnen und Patienten durchlaufen im Schnitt täglich die Praxis, sagt Bernhard Wagner der Frankfurter Rundschau. Er ist Vorsitzender des Hausärzteverbands Bezirk Odenwald und arbeitet in der Woche mindestens 50 Stunden, wovon 35 Stunden die Praxis offen sei, wie er sagt. An diesem Mittwoch stehen seine Patient:innen vor verschlossenen Türen. Denn die Ärzte und Ärztinnen sind stinksauer und haben zum landesweiten Protesttag aufgerufen.

Ärzteprotest: Demos in Gießen und Fulda

Während in Gießen und Fulda Kundgebungen laufen, haben zwölf Praxen im Odenwald geschlossen. Internisten, Radiologen und Hausärzte aus Erbach, Beerfelden und Michelstadt haben sich in der Gemeinschaftspraxis Schiener/Rothe/Treusch in Michelstadt zusammengefunden und erörtern der Presse ihre Kritik an der Politik. Es sind vor allem die aktuell geplanten Neuerungen, die die Ärzteschaft auf die Palme treiben. „Uns wird es bald nicht mehr möglich sein, den Praxisbetrieb aufrecht zu erhalten“, sind sie sich einig.

Ärzteprotest: Abschaffung der Neupatientenregelung sorgt für Ärger

Es sind viele Punkte, die zusammenkommen: Die geplante Abschaffung der Neupatientenregelung etwa. Für neue Patient:innen wurden bisher die vollen Kosten übernommen, um für Praxen Anreize zu schaffen ihnen Termine zu ermöglichen. Denn gezahlt wird nach Pauschalen. So bekommt Wagner zum Beispiel für 3600 Personen im Quartal jeweils eine Pauschale von 36 Euro – egal wie häufig und weswegen jemand zu ihm kommt. Für alle weiteren Patient:innnen bekommt er von der Kasse weniger oder gar nichts. Die Neupatientenreglung soll nun durch eine Prämie für schnelle Terminvermittlung ersetzt werden. Doch das sei kein Ausgleich, so die Ärzteschaft. Auch die „uns aufgezwungene Bürokratie und IT“ ärgert die Ärzte, wie sie berichten. Allem voran eine Praxissoftware, die von der Nationalen Agentur für Gesundheitswesen Gematic, einer Tochter des Bundes, entwickelt und betrieben wird. „Vergangenes Jahr musste ich für die Installation 30 000 Euro zahlen“, sagt Wagner. Dadurch könne er jedoch nicht mehr Patienten heilen, sondern habe nur mehr Arbeit. Denn es gehe dabei vor allem darum, Daten für die Kassen zu sammeln, damit diese leichter abrechnen könnten.

Ein Schild informiert über den landesweiten Ärztestreik.
Ein Schild informiert über den landesweiten Ärztestreik. © privat

Zudem habe das für das Einlesen der Karten vorgeschriebene Gerät nach fünf Jahren automatisch neu gekauft werden müssen. „Eine Unverschämtheit!“ ärgert sich Marius Prealle, Hausarzt in Erbach. Dies sei nun glücklicherweise auf Initiative der Ärzteschaft abgewendet worden. Dennoch leide man sehr unter der Bürokratie. Es bleibe immer weniger Zeit für die Menschen.

Ärzteprotest: Aufwändige Dokumentation belastet Ärzteschaft

Allein für jede Covid-Impfung gebe es 68 verschiedene Ziffern von denen bis zu vier pro Patient eingetragen werden müssten, plus Charge für den Impfstoff plus tagesaktuelle Meldung ans Robert Koch-Institut, berichtet Michael Schiener, seit 2001 Hausarzt in Michelstadt.

Auch die gestiegenen°Energiekosten werden Praxen – vor allem radiologischen – zum Verhängnis Hier seien die Energiekosten bei manchen von 40 000 auf 150 000 Euro jährlich gestiegen. Röntgenbilder und CT-Aufnahmen seien sehr energie-intensiv, so Wagner. Für großen Ärger sorgt deshalb, dass Krankenhäuser angesichts der hohen Inflation und Energiekosten bis zu acht Milliarden Euro vom Staat zur Verfügung gestellt bekommen sollen. Dabei hätten die Niedergelassenen während der Pandemie die Krankenhäuser vor Überlastung geschützt und 90 Prozent der Corona-Patientinnen und - Patienten versorgt.

Dass die kassenärztliche Vereinigung aber bei ihren Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen eine Nullrunde für 2023 und 2024 gefordert habe, „hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, schimpft Schiener. Das bedeute auch „null Wertschätzung für uns“. Zwar habe man sich jetzt auf zwei Prozent höhere Honorare geeinigt, aber auch dies sei bei einer Inflation von zehn Prozent nicht ausreichend. „Damit können wir den Betrieb nicht aufrecht erhalten.“ Nicht nur Personalkosten und Energiekosten seien gestiegen auch die Gebührenordnung sei noch auf dem Stand von 1996. Es reiche deshalb bald nicht mehr, um die Gehälter für die Medizinischen Fachangestellten zu zahlen, dadurch würde Personal abwandern. Keine neuen Ärzte und Ärztinnen wollten sich unter solchen Bedingungen niederlassen. Schlechte Aussichten für Patientinnen und Patienten.

Ärzte kritisieren geplante Gesundheitskioske

Die Krönung sei jedoch die angedachte Einführung von sogenannten „Gesundheitskiosken“. Das Bundesministerium plant rund 1000 Gesundheitskioske in ganz Deutschland zu schaffen. Sie sollen ein niedrigschwelliges Angebot in sozial benachteiligten Regionen bieten und auch individuelle Beratung zu gesundheitsförderlichem Lebensstil bieten und medizinische Routineaufgaben wie Blutdruck und Blutzucker messen, Verbandswechsel, Wundversorgung und subkutane Injektionen vornehmen. Tätig sollen dort Pflegefachkräfte sein.

Schon die Bezeichnung „Kiosk“ findet Wagner despektierlich und herabwürdigend sowohl für die Kranken als auch für die Ärzteschaft. „Wenn ich gut essen gehen will, gehe ich auch nicht zum Kiosk, sondern in ein Restaurant.“ Auch die Medizin sei eine Kunst und lebe von der Erfahrung. Hausärzte würden die Menschen, die in ihre Praxis kommen, nach einiger Zeit kennen und könnten sie deshalb besser behandeln. Wie solle eine Pflegekraft in einem solchen Kiosk das schaffen? Und woher solle dafür das Personal kommen, wo es doch schon andernorts fehlt?, fragen die Ärzte. Ein niedrigschwelligeres Gesundheitsangebot als die Hausarztpraxen gebe es nicht, ist Wagner überzeugt. Man brauche keine Gesundheitskioske, sondern bessere Bedingungen für niedergelassene Ärzte.

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