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Der Mönch am originalen Schauplatz der dramatischen Ereignisse: „Der Name der Rose“ wird jedes Jahr in der Basilika gezeigt.

Drehorte in Hessen

Als Sean Connery trotz Zipfelmütze fror

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Vor 30 Jahren wurde der Bestseller „Der Name der Rose“ von Umberto Eco im Kloster Eberbach gedreht. Der Ruhm wird bis heute beispielsweise mit speziellen Führungen vermarktet.

Am Ende des Cabinetkellers unter dem mächtigen Kreuzgratgewölbe kriecht die Kälte in die Hosenbeine. Es ist düster und feucht, ein muffiger Geruch hängt in der Luft. „Hier lag der Mönch“, sagt Günter Ringsdorf und deutet in die hintere Ecke, „der mit der schwarzen Zunge, der im Badezuber ertrunken ist“.

30 Jahre ist das her, doch die Ereignisse, die damals einen Monat lang das Kloster erschütterten, sind noch lebendig im Gedächtnis des weißhaarigen Mannes. Eine Filmcrew, es mag ein Tross von fast 500 Männern und Frauen gewesen sein, hatte das mittelalterliche Gemäuer vier Wochen lang auf den Kopf gestellt. In dieser Zeit entstanden fast alle Innenaufnahmen für die Verfilmung des 1980 erschienenen Bestellers „Der Name der Rose“ von Umberto Eco.

Die ehemalige Zisterzienserabtei bei Eltville im Rheingau bot mit ihren intakten romanischen und frühgotischen Gebäudetrakten die perfekte Kulisse. Regisseur Jean-Jacques Annaud, der mit Produzent Bernd Eichinger in ganz Europa lange nach einem passenden Kloster gesucht haben soll, erzählt Ringsdorf, sei begeistert gewesen, als er zum ersten Mal die Basilika betrat: „Ich dachte, der fängt gleich an, den Boden zu knutschen.“

Die Dreharbeiten, so scheint es im Rückblick, waren der Höhepunkt im Berufsleben des 77-Jährigen, der damals gerade ein paar Jahre Betriebsleiter der Anlage war. Noch heute ist seine Begeisterung zu spüren, wenn der weißhaarige Mann ohne Punkt und Komma von den ereignisreichen Wochen erzählt, wie er etwa in seinem kleinen Büro mit den Stars Wein und Käse teilte, das Sprachgewirr durch das Kirchenschiff schallte, und Sean Connery, der lieber Whisky als Rheingauer Wein trank, so erbärmlich fror, dass er fast immer eine Zipfelmütze trug.

Es war klirrend kalt draußen, ein richtiger Winter. Selbst im Keller mit dem Badezuber wurde nicht geheizt, sagt Ringsdorf, und man mag es sich drei Jahrzehnte später an diesem milden Novembertag gar nicht vorstellen. In dem Raum musste einiges umgeräumt werden. Die historischen Weinfässer zum Beispiel, die an den Kellerwänden aufgereiht sind, wurden ausgelagert und draußen ständig bewässert, damit ihnen der Raumklimawechsel nicht an die Substanz ging.

Denn trotz aller Faszination für die Verwandlung der Abtei in ein lebendiges Kloster des Jahres 1327 – beim Schutz der Bausubstanz kannte Ringsdorf keinen Spaß. Einmal, sagt er, musste er einschreiten, weil zwei Mitarbeiter mit Hammer und Meißel eine der wunderschönen roten Säulen im Hospital passend für ein Eisenband zurechtstutzen wollten.

Relikte der Filmarbeiten

Wer sich auskennt, findet heute noch Relikte aus der aufregenden Zeit. Zwei große Kerzenhalter, die die Basilika stimmungsvoll ausleuchten, waren im Refektorium zu sehen, sagt Michael Palmen, Pressesprecher der Stiftung Kloster Eberbach, die sich seit 1998 um Erhalt und Nutzung des bedeutenden Bau- und Kulturdenkmals kümmert.

Auch die dekorative Pflanzschale im Hof, ein drei Meter großes Blechbecken, in dem jahrelang Blumen wuchsen, war von den Filmarbeiten geblieben. Inzwischen ist das Gefäß, das als Film-Feuerstelle gedient hatte, durchgerostet und – wie die meisten anderen Requisiten auch – verschwunden. Hätte man geahnt, dass der Dreh Jahrzehnte nachhallen würde, sagt Palmen, hätte man vielleicht mehr Zubehör behalten.

Zumindest eine Säule steht seit 30 Jahren auf ihrem angestammten Platz im vorderen Teil der Basilika. Klosterführer machen ihre Scherze. Wenn sie dagegen pochen, sorgt das dumpfe Geräusch für eine kurze Schrecksekunde, weil Pappmasché inmitten der steinernen Riesen nicht zu erwarten ist.

Günter Ringsdorf hat diesen Scherz etliche Male gemacht. Für spezielle Gäste macht er Führungen, die die Dreharbeiten wieder aufleben lassen, zeigt das Schreibpult, das im Film zu sehen ist, und schöpft aus seinem Fundus an Anekdoten, zu denen auch dressierte Ratten, frische Schweinehälften und echter Gestank aus einem Dreckhaufen in der Klosterküche gehören, die so originalgetreu wie möglich eingerichtet wurde.

Die mittelalterliche Bausubstanz hat darunter nicht gelitten. Treppengeländer aus Stahl, die für die Aufnahmen abgesägt wurden, sind wieder angeschweißt, braune Spezialfarbe an den Wänden hat sich bald nach Gebrauch unter Lufthauch aufgelöst. Geblieben ist außer den wenigen Requisiten sehr viel Ruhm.

Obwohl Kloster Eberbach als Drehort weiter gefragt sei, hat keine andere Produktion die Anlage so bekannt gemacht. Auch heute noch, sagt Martin Blach, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Kloster Eberbach, kommen Besucher, die sehen wollen, wo Sean Connery als Mönch William von Baskerville jene geheimnisvolle Mordserie hinter Klostermauern aufklärte. „Der Imagegewinn ist unbezahlbar“, sagt Blach.

Das bringt auch Geld. Seit 13 Jahren wird „Der Name der Rose“, zuletzt auch in Originalversion, jedes Jahr im September am Drehort in der Basilika gezeigt. Die Veranstaltung, sagt Palmen, hat Kultcharakter, zu den inzwischen zwei Vorführungen kommen inzwischen regelmäßig etwa 1000 Besucher.

Kein Wort zum Geld

Filmaufnahmen, sagt Blach, seien eine Einnahmequelle für den Erhalt des Klosters, etwa alle zwei Jahre gebe es eine größere Produktion. So drehte unter anderem Margarethe von Trotta Szenen für ihren Film über Hildegard von Bingen, Ottfried Fischer war als Pfarrer Braun unterwegs, es entstehen Werbespots. Im Trailer für die amerikanische Fantasy-Fernsehserie „Game of Thrones“ flattert ein Drache durch die Basilika. Ein größeres Filmprojekt sei derzeit wieder im Gespräch, sagt Blach.

Was die Filmproduzenten von „Der Name der Rose“, der angeblich 17 Millionen US-Dollar gekostet hat, für die vierwöchige Klosterbesetzung an die Verwaltung zahlen mussten, will oder kann Ringsdorf heute nicht mehr sagen. Er habe nur zwei Bedingungen für die Genehmigung gestellt, sagt der ehemalige Betriebsleiter. Das Kloster musste offen für Besucher bleiben, die in dieser Zeit die Filmmönche live sehen konnten, und: „Ihr dürft es nicht anzünden“, hatte er der Crew gesagt.

Am Ende brannte es dann doch, allerdings nicht im Rheingau. Für die Außenaufnahmen des Klosters wurde auf einem Hügel im Norden von Rom eines der größten Sets der Filmgeschichte aufgebaut. Zur Kulisse gehörte auch der 30 Meter hohe Bibliotheksturm, der im großen Finale samt dem verbotenen Buch von Aristoteles in Flammen aufgeht.

„Und hier war der Eingang, den die Mönche nahmen“, sagt Ringsdorf und deutet auf die Tür gleich links hinter dem Treppenaufgang im Mönchsdormitorium, die heute als Brandschutztür dient. Der 77-Jährige kennt jedes Detail, nicht nur aus der Erinnerung. Er hat den Film schon mehr als 30 Mal gesehen.

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