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Bereit auf Sendung zu gehen: Pfarrerin Erdmuthe Jähnig-Diel mit ihrem Team Jessica Spelten, Joshua Alberti, Tess Maurus, Jonathan Casimir und Annika Söder.

Weihnachten

Beim Segen sehen eine Million Menschen zu

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Das Fernsehen überträgt die Christvesper aus der Langener Stadtkirche bundesweit. Pfarrerin Erdmuthe Jähnig-Diel ist schon ein wenig mulmig bei dem Gedanken an das Millionenpublikum. Immerhin weiß sie, wo sie Hilfe bekommt.

Natürlich wird die Kirche voll besetzt sein. Schließlich ist Weihnachten. „Da ist das Haus immer voll“, sagt Erdmuthe Jähnig-Diel. Dieses Mal wird die evangelische Pfarrerin am Heiligen Abend aber ein noch weitaus größeres Publikum haben.

Die ARD überträgt die Christvesper aus der Langener Stadtkirche bundesweit im Fernsehen. 800 000 Menschen werden dann zusehen, vielleicht sogar eine Million. „Oh Gott, reden Sie nicht davon“, entfährt es Pfarrerin Jähnig-Diel.

Es ist Stellprobe an diesem Montagabend. Das heißt, die Leute vom Fernsehen sind da und üben mit Jähnig-Diel schon mal, wo diese bei der Eröffnung des Gottesdienstes stehen wird und von wo aus sie am Ende den Segen spricht.

Auch die fünf Jugendlichen, die Stellen aus der Weihnachtsgeschichte vortragen werden, sind gekommen. Und der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Volker Jung, der die Predigt halten wird.

„Ich liebe es, Gottesdienste zu feiern“, erzählt Jähnig-Diel. Deshalb hat sie auch nicht gar zu lange überlegt, als im Februar die Frage kam, ob die ARD „ihre“ Christvesper übertragen dürfte. „Aber jetzt habe ich doch ein bisschen Schiss“, gibt sie zu.

Schließlich muss alles einer strengen Regie folgen. Überall werden Kameras stehen, Scheinwerfer, Mikrofone. Und dazu rund 40 Leute vom Fernsehen, die all das bedienen. Vor allem aber muss der Zeitplan eingehalten werden, denn die Sendung dauert exakt 45 Minuten.

„Improvisieren geht da nicht, da muss alles passen“, sagt Jähnig-Diel. Und die „liturgische Präsenz“ muss stimmen. „Wenn ich sage: Fürchtet euch nicht!, dann muss das auch noch im Fernsehen glaubhaft rüberkommen“, erklärt sie. Da kann es nicht schaden, noch ein bisschen zu proben. „Ein bisschen ist das wie Theaterspielen“, findet sie. Wobei sie am meisten irritiert, dass sie immer in die Kamera wird gucken müssen, statt zu den Gottesdienstteilnehmern. „Und bevor es losgeht, schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel, da können Sie sicher sein“, sagt sie.

„Die Stadtkirche hat genau die richtige Größe, hier gibt es Platz für Kamerawege, und die Gottesdienstbesucher fühlen sich trotzdem geborgen“, sagt Heidrun Dörken, die evangelische Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk. Dass der neugotische Bau mit seinem markanten, 54 Meter hohen Turm auch einen blau-goldenen Sternenhimmel überm Kirchenschiff hat, auf dem sogar der Stern von Bethlehem zu sehen ist, der die drei Könige zur Krippe führte, spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Pfarrerin Dörken war es, die ihre Kollegin im Februar anrief und ihr den Vorschlag unterbreitete, das Langener Gotteshaus bundesweit ins Fernsehen zu bringen.

Fühlt man sich da ein bisschen wie ein Star? „Nein“, sagt Annika und lacht. „Aber ich freu mich schon drauf.“ Die 16-Jährige wird eine der Stellen aus der Weihnachtsgeschichte interpretieren. Das Outfit ist schon ausgesucht: Blazer, lachsfarbene Bluse, schwarze Hose. „Keine Muster, hat man uns gesagt, das flimmert sonst auf dem Bildschirm.“

Jonathan hat Erfahrung mit Auftritten, war schon mehrmals beim Krippenspiel dabei. „Aber mit Fernsehen ist das natürlich noch mal was anderes“, sagt der 18-Jährige. Für den Notfall, ein Black-Out, gibt es eine Karte mit dem Text, die wird in den Jackenärmel gesteckt. „Aber da gucke ich nicht drauf, ich lerne meinen Vortrag so gut auswendig, dass ich ihn bestimmt nicht vergesse“, sagt er.

Zusammen mit Joshua, Tess und Jessica proben Jonathan und Annika ihren Auftritt, jedenfalls den Teil davon, in dem es darum geht, wo sie stehen und welche Wege sie gehen werden. Heidrun Dörken will außerdem noch einmal alle Texte mit der Uhr stoppen. Der Zeitplan! „Es kommt auf Sekunden an“, sagt sie.

Ein bisschen Puffer gibt es. Die Sendung wird zeitversetzt ausgestrahlt, „am Ende können wir noch den Auszug aus der Kirche zeigen, oder, wenn die Zeit knapp wird, auch schon früher ausblenden“, erklärt Dörken.

Aber alles Schneiden hat seine Grenzen. „Der Segen, der muss unbedingt gesendet werden“, sagt Dörken. Bei fast einer Million Zuschauern. Schließlich wollen die am Bildschirm Weihnachten mitfeiern, und dazu gehört ganz zwingend der Segen am Ende. Aber ist der, übertragen von Fernsehkameras und zeitversetzt gesendet, überhaupt gültig? „Wir vertrauen da ganz auf die Kraft des Wortes“, sagt Kirchenpräsident Jung, dessen Amt dem eines Bischofs entspricht. TV-Gottesdienste hat er schon mehrere bestritten, „aber natürlich bereitet man sich darauf ganz besonders gründlich vor“, sagt er. Auch er muss sich an den strikten Zeitplan halten, hat achteinhalb Minuten für seine Predigt.

„Die Vorgabe ist gar nicht schlecht, man muss sich fokussieren, um in der kurzen Zeit alles sagen zu können, was man sagen will.“ In seiner Predigt will Jung auch auf die politische Weltlage eingehen, ohne das Weihnachtliche außer Acht zu lassen. „Aber wie will man von Jesus als Kind in der Krippe sprechen, ohne etwa an die Kinder in Aleppo zu denken?“, fragt er.

Für die Mitglieder der Stadtkirchengemeinde bringt die Fernsehübertragung auch ein paar Unannehmlichkeiten mit sich. Wer an der Christvesper teilnehmen will, muss gegen 13 Uhr an der Kirche sein. Bis 13.45 Uhr sollen alle auf ihren Plätzen sitzen, damit die Aufzeichnung pünktlich um 14 Uhr beginnen kann.

Wegen der Abbauarbeiten entfallen in der Stadtkirche die Familiengottesdienste am Nachmittag und ein weiterer Gottesdienst am frühen Abend. Aber dann werden viele Gemeindemitglieder wohl ohnehin vor dem Fernseher sitzen und sich die Christvesper aus ihrer Kirche ansehen.

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