+
Astrid Hoffmann-Daimler (Mitte) mit den Azubis Madline Müller (l.) und Hasiba Atbaie.

Offenbach

Chance für junge Mütter und Väter

  • schließen

Die Lehrerkooperative unterstützt Eltern bei einer speziellen Teilzeitausbildung.

Madline Müller will es schaffen. Die 23-jährige Offenbacherin hat im November eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten begonnen – „Refa“, wie sie sagt. Es ist ihr Traumberuf, auf den sie zusteuert. Und dass sie das tut, ist alles andere als selbstverständlich: Noch im letzten Jahr dachte die Mutter einer dreijährigen Tochter, dass sie auf keine ihrer Bewerbungen je eine positive Rückmeldung bekommen werde – ihr Hauptschulabschluss sei nicht gut genug, vermutete sie. „Irgendwann gibt man auf“, sagt Müller. Zumindest kennt sie Leute in ihrem Alter mit kleinen Kindern, die in puncto Beruf mit Anfang 20 aufgegeben haben. „Das ist meine Welt“, sagt sie.

Besser: Es war ihre Welt. Denn die junge Frau mit dem langen, blonden Zopf hat nicht aufgegeben, sondern sich an die Lehrerkooperative des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) gewandt. Die bietet seit vorigem Jahr als ein weiterer Träger in Offenbach jungen Eltern wie Müller, die Sozialleistungen beziehen und eine Ausbildung in Teilzeit machen wollen, Unterstützung an. In Teilzeit deshalb, damit sie Familie und Weiterbildung unter einen Hut bekommen können. 

„Wir passen die Ausbildung der Lebenswelt an“, sagt Astrid Hoffmann-Daimler von der Lehrerkooperative. Die Teilzeitauszubildenden sind je zwei Tage im Betrieb und in der Berufsschule sowie einen Tag bei der Lehrerkooperative, wo sie von einem kleinen Team betreut werden. Während die Berufsschule zu den regulären Unterrichtszeiten besucht werden muss, kann die restliche Arbeits- und Ausbildungszeit mit allen Beteiligten passend zur Kinderbetreuungszeit vereinbart werden.

Der Mittwoch ist Madline Müllers Tag bei der Lehrerkooperative in einem Bürokomplex im Offenbacher Nordend. In der geräumigen Geschäftsstelle kann sie in Ruhe lernen, erhält Förderunterricht und sozialpädagogische Betreuung. „Hier kriegt man extra Kraft, die unterstützen einen richtig“, sagt sie wertschätzend. Außerdem könne sie hier viel besser lernen als zu Hause. 

Ihre Tochter könnte sie zwar auch mitbringen – aber die alleinerziehende Mutter ist froh, für die Kleine einen Kitaplatz und selbst beim Lernen den Kopf etwas freier zu haben. „Wir würden aber auch dabei helfen, einen Kindergartenplatz zu finden, wenn sie keinen hätte“, sagt Hoffmann-Daimler. 

Hilfe in allen Lebenslagen gibt es bei Trägern wie der Lehrerkooperative also. Es seien meist junge Eltern mit „Päckchen“ auf dem Rücken, mit Lücken im Lebenslauf oder mit schwierigen familiären Verhältnissen, die vom kommunalen Jobcenter diese Art Ausbildung ermöglicht bekommen, führt Hoffmann-Daimler aus. Ein Problem sei jedoch, dass viele derer, die dafür infrage kämen, nichts von dem Angebot wissen – zum Beispiel, weil schon das Öffnen von Briefen des Jobcenters für manche eine Hürde darstellt.

Der amtsdeutsche Begriff „Ausbildungsmaßnahme“ ist es, an dem sich Müller stört – hätte sie nicht über andere Wege von dem Programm erfahren, wäre sie wahrscheinlich nie vorbeigekommen. Eine „Maßnahme“, das klinge doch eher abschreckend. Aber jetzt, wo sie dabei ist, will sie mit aller Kraft dranbleiben: „Mir war klar, das ist meine Chance, und die will ich jetzt nutzen“ – auch ihrer Tochter zuliebe. Sie fühlt sich besser als vorher, als sie noch auf Hartz IV angewiesen war: „Es ist stressig, aber ich gehe jetzt viel ruhiger ins Bett.“

Madline Müller ist eine von fünf Auszubildenden bei der Lehrerkooperative, zwei Plätze sind noch unbesetzt. Dabei hilft Hoffmann-Daimler mit ihrem Team in einer Art Vorbereitungszeit sogar konkret bei den Bewerbungen für die Ausbildung. „Wir schauen in dieser Phase erst mal, wo jemand steht“, sagt sie. Für die Betriebe hat eine Bewerbung über das von Land und Kommunen geförderte Programm einen klaren Vorteil: Ihnen entstehen keine Lohnkosten, und sie haben auch nicht allzu viel Stress, sagt Hoffmann-Daimler: „Wenn etwas nicht läuft, rufen sie einfach bei uns an.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare