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Arbeit für Flüchtlinge

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Von: Marie-Sophie Adeoso

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Anna Basse (links) und Maren Hartauer (rechts) haben Dunya Majboor geholfen, einen Praktikumsplatz zu finden.
Anna Basse (links) und Maren Hartauer (rechts) haben Dunya Majboor geholfen, einen Praktikumsplatz zu finden. © Peter Jülich

Der Königsteiner Freundeskreis Asyl engagiert sich erfolgreich für die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt.

Um in Deutschland anzukommen, ist Dunya Majboor schon weite Wege gegangen. Wenn bei Schnee der Bus nicht fuhr in den Ortsteil von Königstein, in dem die Afghanin mit ihrem Mann und zwei Töchtern wohnt, ging sie kurzerhand zu Fuß zum Integrationskurs in Oberursel. Sie macht ihren Führerschein, spart Fahrstunde um Fahrstunde zusammen, die Theorieprüfung hat sie schon bestanden, „null Fehler“, sagt sie stolz. „Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um hier nur zu Hause zu sitzen. Ich will arbeiten und ein ganz normales Leben führen, wie andere Frauen hier auch. In Afghanistan habe ich zwar auch gearbeitet, konnte aber aus politischen Gründen nicht frei leben.“

Dass die 33-Jährige, die vor fünf Jahren nach Deutschland kam, nun als Teil ihres berufsbegleitenden Deutschkurses ein Praktikum in der internationalen Wirtschaftskanzlei „Clifford Chance“ in Frankfurt absolviert, hat sie aber neben ihrem Ehrgeiz und der rund zehnjährigen Arbeitserfahrung bei US-amerikanischen und japanischen Organisationen in Kabul auch der Unterstützung zweier engagierter Flüchtlingshelferinnen zu verdanken.

Anna Basse und Maren Hartauer sind Personalberaterinnen und Coaches. Und sie engagieren sich ehrenamtlich im Freundeskreis Asyl in der Hochtaunusgemeinde – eine Schnittstelle, an der sie sich für die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten engagieren. „Wir haben schon mehr Menschen in Arbeit gebracht, als alle Dax-Unternehmen zusammen“, schätzt Basse. Sie zählt ein Beispiel nach dem nächsten auf, von 1-Euro-Jobbern im Treff der Flüchtlingshilfe bis hin zur Vermittlung von Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplätzen oder Praktika, so wie bei Majboor, die nun vier Wochen lang in der Buchhaltung der Kanzlei arbeitet.

„Von engagierten und motivierten Menschen wie Dunya gibt es eine ganze Reihe, das müsste deutsche Unternehmer begeistern“, meint Basse. Sie sagt aber auch: „Wenn ein Unternehmen einmal die Tür aufgemacht hat, braucht es jemanden, der das Potenzial der Geflüchteten auch fördert, etwas mehr Arbeit und Zeit investiert, als ein Unternehmen selbst leisten kann, sonst schließt sich eine Tür schnell wieder.“

So vereinbarte sie beim Erstkontakt mit der Kanzlei gleich ein gemeinsames Abschlussgespräch, damit die Praktikumszeit eine qualifizierte Basis für die weitere berufliche Entwicklung von Majboor ist. Schließlich solle gemeinsam mit dem Jobcenter anschließend eine passende Stelle gefunden werden, die ihren Fähigkeiten und Wünschen entspricht.

Viele Betriebe seien bereit, Geflüchtete zu beschäftigen, aber sie wüssten oft nicht, wie sie es umsetzen sollten, Hartauer: „Wir wollen die Unternehmen sensibilisieren: Welche Menschen in welcher Lebenssituation kommen da eigentlich?“ Schon allein, um Missverständnisse zu vermeiden, denn wenn es beim ersten Versuch nicht klappe, unternähmen Arbeitgeber oft keinen zweiten.

Anna Basse erzählt von einem Somalier, der seinen neuen Job in einer Gärtnerei fast wieder verloren hätte, weil er bei Regen nicht zur Arbeit erschienen war – nicht aus Faulheit, sondern weil er es aus seiner Heimat nicht anders kannte. Ein anderer Flüchtling habe in einer Lehrwerkstatt ohne Schutz an der Stanzmaschine gestanden – bis der Meister sich zwischen Mensch und Maschine warf und aufgeregt rief, „hau sofort ab!“ Der geknickte Lehrling packte seine Sachen und verließ die Werkstatt in dem Glauben, seine Arbeit verloren zu haben – und der Meister zeigte sich fassungslos von der vermeintlichen Undankbarkeit des Mannes, den er gerade vor schweren Verletzungen bewahrt hatte.

Damit der Integrationsversuch an einem solchen Punkt nicht scheitert, dringen Hartauer und Basse auf Beratung und Begleitung beider Seiten. Erfassen die Vorerfahrungen, Ziele und Erwartungen der Geflüchteten und gleichen sie mit der deutschen Realität ab. Erläutern, was ein Arbeitsvertrag beinhaltet und warum deutsche Chefs so viel Wert auf Pünktlichkeit legen. Umgekehrt bereiten sie aber auch Unternehmer auf die neuen Beschäftigten vor, schlagen interne Mentoringbeziehungen vor, klären über kulturelle und rechtliche Besonderheiten auf. Der Blick der Jobcenter-Arbeitsvermittler ende ihrer Aufgabe gemäß dort, wo ein Arbeitsvertrag unterschrieben wird, sagt Basse. „Aber wir wissen: Da fängt die Arbeit am langfristigen Erfolg erst an.“

Kontakt: www.fa-koenigstein.de

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