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Homeoffice und Kinderbetreuung in einem: Corona verlangt den Familien einiges ab.
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Homeoffice und Kinderbetreuung in einem: Corona verlangt den Familien einiges ab.

Corona - was kommt, was bleibt?

„Arbeit, Familie und Freizeit finden fast gleichzeitig statt“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder über die grundlegende Veränderung der Arbeitswelt in der Corona-Krise.

Professor Schroeder, wo hat Corona die Arbeitswelt am sichtbarsten verändert?

Wie unter einem Brennglas zeigt sich der Wandel am deutlichsten beim Homeoffice. Noch nie zuvor gab es so viele Menschen, die zeitgleich von Zuhause aus gearbeitet haben. Das wird von den einen begeistert gefeiert, die damit das Ende der Präsenzkultur gekommen sehen. Anderen sehen dagegen eine Gefährdung für den sozialen Zusammenhalt in der Belegschaft und den fachlichen Austausch. Vermutlich sind diese genannten Chancen und Risiken aber nur eine Fußnote in der Geschichte, die es über den Wandel der Arbeit insgesamt zu erzählen gibt. Darin geht es nämlich um eine grundlegendere Neujustierung, die bereits seit längerer Zeit läuft.

Was meinen Sie damit?

Wir erleben unter den Bedingungen von Corona einen beschleunigten Prozess der Transformation von Arbeit. Dazu gehört mehr als nur die Verlagerung des Arbeitsortes ins Homeoffice, womit das Individuum stärker auf sich alleine gestellt und kollektive Schutz geschwächt ist.

Erklären Sie uns bitte diese Transformation.

Die industrielle Moderne ist durch eine klare Trennung von Arbeit, Familie und Freizeit gekennzeichnet. Wir erleben nun quasi das Wiederaufleben der vorindustriellen Situation, in der all das an einem Ort und mitunter nahezu gleichzeitig stattfindet.

Kann man diesen Prozess in eine Reihe mit der Industrialisierung und Digitalisierung stellen, hat das diese Dimension?

Das würde ich sagen, auch weil wir es mit einer ebensolchen ambivalenten Entwicklung zu tun haben. Wir haben viele Studien ausgewertet und sehen, dass es einerseits eine hohe Akzeptanz für diese Art der Arbeit im Homeoffice bei den Beschäftigten gibt, manchen Unternehmer sind da noch nicht so weit. Wobei diese natürlich nur für einen begrenzten Teil der Arbeitsplätze möglich ist, womit durchaus die Gefahr eine Spaltung der Belegschaften einhergehen kann.

Homeoffice funktioniert eben nicht, wo jemand an der Drehbank steht, Haare schneiden oder ein Dach gedeckt werden muss.

Eben. Wir gehen von etwa 45 Prozent der Arbeitsplätze aus, die sich verlagern ließen. Tatsächlich sind es um die 20 Prozent der Beschäftigten, die während Corona im Homeoffice arbeiten. Dadurch, dass der Großversuch des Homeoffices während Corona gut funktioniert, steigt jedoch nicht nur die Bereitschaft von Unternehmen, optional Homeoffice anzubieten. Es existieren auch Überlegungen, einen Teil ihrer Arbeitsplätze nur noch als Homeoffice-Beschäftigungsverhältnisse auszuschreiben – nicht zuletzt mit der Absicht, damit teuren Büroraum einsparen zu können.

Das hat ja auch für Beschäftigte durchaus Vorteile. Man spart den Weg zur Arbeit, muss sich nicht in S-Bahnen quetschen oder in den Stau stellen, kann außerhalb der Metropolen im Grünen wohnen, kann die Spülmaschine zwischendurch ausräumen und nachsehen, ob das Kind die Hausaufgaben macht. Gleichzeitig fehlt doch aber der Kontakt zu Kolleg:innen.

Tatsächlich ist die Ambivalenz groß. Den von Ihnen beschriebenen Vorteilen stehen aber auch Nachteile gegenüber. Manche Menschen verfügen gar nicht über genug Platz in der eigenen Wohnung und haben kein Arbeitszimmer. Oder sie stehen unter größerem Druck, weil sie bei der Kinderbetreuung oder der Pflege Älterer mehr gefordert sind, wenn sie zu Hause arbeiten. Wir haben Befunde, wonach die Arbeit zu Hause stärker belastet, weil weniger Pausen gemacht werden und der soziale Austausch vermisst wird.

Man hat ja schnell das Bild vor Augen, wo Menschen im Familienverbund in der Manufaktur oder auf dem Bauernhof gemeinsam ihrer Arbeit nachgehen. Das hat doch auch was.

Ja, aber die Realität ist doch vielfach eher, dass Familienmitglieder um Arbeitsräume, Aufmerksamkeit und Zeitslots konkurrieren beziehungsweise erhebliche familiäre Koordinationsleistung abverlangen. Dennoch werden wir künftig diese hybride Arbeitswelt mit Präsenz und Homeoffice haben, weshalb sich umso dringlicher die Frage stellt, unter welchen Bedingungen diese neue Arbeitswelt stattfindet und wie wir diese mitgestalten können.

Die Serie

Wie verändern sich Arbeitswelt und Mobilität durch die Krise? Wie werden unsere Kinder künftig unterrichtet, wie verändern sich die Innenstädte? Diese Fragen beleuchten wir in der FR-Serie „Corona – was kommt, was bleibt?“. Zur Übersicht über die Serie.

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Hundert Prozent Homeoffice sollte es nicht geben. Der Arbeitsschutz muss auch auf den heimischen Arbeitsplatz angewendet werden. Dazu gehört, dass der Schreibtisch und der Bürostuhl ergonomisch in Ordnung sind und es einen abgetrennten Bereich gibt, wo konzentriert gearbeitet werden kann. Es muss geklärt werden, wie die Pausen geregelt sind, wie und wo es virtuelle Räume gibt, in denen man sich mit Kolleg:innen treffen oder zusammenschalten kann. Ganz wichtig erscheint mir, dass wir nicht nur über das Recht auf Homeoffice reden, sondern genauso über das Präsenzrecht. Mitarbeitende müssen einen Anspruch darauf haben, jederzeit wieder in den Betrieb auf ihren eigenen Arbeitsplatz zu kommen, um sich dort als Teil der arbeitsteiligen Kultur wahrnehmen und einbringen zu können. Jedenfalls dann, wenn man Mitbestimmung ernst nimmt.

Sie haben von Risiken gesprochen. Worin liegen diese Risiken? Sie haben ja gerade die Mitbestimmung erwähnt. Wird die nicht viel schwieriger zu organisieren?

Homeoffice hat häufig dort gut funktioniert, wo Betriebs- und Personalräte vorhanden sind und an der Ausgestaltung beteiligt waren. Auf der anderen Seite geht damit jedoch eine intensive Herausforderung für Betriebsräte und Gewerkschaften einher. Zum einen, weil diese ganz besonders auf den persönlichen Kontakt und Austausch angewiesen sind. Es geht dabei um direkte Begegnungen. Zum anderen kann die Dezentralität der Arbeit eine ganz massive Einschränkung der Mitwirkungsmöglichkeiten durch den Betriebsrat und die Gewerkschaften bedeuten. Und wenn die persönlichen und direkten Kontakte fehlen, wird es auch für die Gewerkschaften schwieriger, Mitglieder zu gewinnen und zu binden. Im Ergebnis wird der Organisierungsgrad schwinden.

Aber was sollen sie denn machen, die Gewerkschaften, wenn die Beschäftigten gar nicht mehr im Unternehmen anzutreffen sind?

Sie müssen das schon erwähnte Präsenzrecht ganz stark machen. Außerdem müssen sie als Ansprechpartner sichtbar sein, eben auch im Internet. Dort müssen sie Räume schaffen, wo Beschäftigte sich hinwenden können. Arbeitnehmer brauchen gerade im Homeoffice kompetente Ansprechpartner, weil ja die vielfältigsten Probleme auftreten können: mit Qualifikationen, Gesundheit oder auch hinsichtlich der geforderten Arbeitsleistung, digitaler Kontrolle und Überwachung.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass Unternehmen die Dezentralität verstärkt nutzen, um sich global Arbeitskraft möglichst billig einzukaufen?

Das haben wir jetzt schon und das wird weiter zunehmen.

Also nicht nur bei Callcentern oder IT-Unternehmen, sondern das könnte ja auch die Buchhaltung eines Mittelständlers betreffen.

Durchaus. Gleichzeitig gibt es aber auch Chancen, im ländlichen Raum zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. Etwa indem man Co-Working-Spaces anbietet, die eine gewisse Infrastruktur wie schnelle Internetanschlüsse, Drucker und Teeküche besitzen. So könnten Menschen etwa in Mittel- oder Nordhessen zwar für Unternehmen im städtischen Raum arbeiten, aber ihr soziales Arbeitsumfeld und ihren Lebensmittelpunkt im ländlichen Kontext haben. Diese Möglichkeiten der Arbeit der Zukunft zeigen sehr deutlich, dass es nicht nur auf ein gutes Zusammenspiel zwischen Beschäftigten und Unternehmen, sondern auch mit den Kommunen und den politisch Verantwortlichen ankommt, die den regionalen Raum strukturieren. Man könnte sich ja auch vorstellen, dass zu solchen Co-Working-Einrichtungen auch eine Kinderbetreuung und andere Dienstleistungen gehören könnten.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer dieser von Ihnen beschriebenen Transformation?

Gewinner:innen sind jene, die zu Hause über gute Bedingungen verfügen, gut ausgebildet sind, Raum und Ruhe haben, gute soziale Kontakte und die Fähigkeit, mit den Bedingungen der dezentralen Tätigkeit wie Selbstorganisation und -strukturierung gut zurechtzukommen. Verlierer:innen sind jene, denen eben genau diese Eigenschaften oder das entsprechende Umfeld fehlen. Und genau für diese Gruppe brauchen wir Angebote und Perspektiven, die durch das Zusammenspiel zwischen Unternehmen und Kommunen geschaffen werden können. Insofern ist die Transformation der Arbeit eben auch Teil einer kommunalen Infrastruktur- und Mobilitätspolitik.

Interview: Peter Hanack

Leben in der Krise - seit 15 Monaten Homeoffice. Mario S. (39) erzählt.

Wolfgang Schroeder (61) ist Politikwissenschaftler und Professor für das politische System der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Kassel. Er leitet dort den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften.

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