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Mit A fängt das Lernen an. Was sollen Kinder in der Schule sonst noch erfahren? Darüber gehen die Ansichten auseinander.

Interview

"Schulen für Arbeitswelt öffnen"

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Die Schülerin Naina ist kürzlich für eine alltagsnahe Bildung in der Schule eingetreten. In unserem Interview spricht der Geschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände über den Zweck des Lernens und der Steuererklärung.

Herr Feuchthofen, kürzlich hat ein Mädchen namens Naina gefordert, sie wolle in der Schule nicht nur Gedichte analysieren, sondern auch lernen, wie sie ihre Steuererklärung auszufüllen habe. Geht es beim Bildungsgipfel auch um solche Themen?
Direkt bisher nicht. Es hat noch niemand den Versuch unternommen, die heutigen Inhalte und Fächer schulischer Allgemeinbildung infrage zu stellen. Mittelbar wird das Thema aber diskutiert, etwa im Feld Lebens- und Berufsorientierung oder bei der Verbesserung des individuellen Lernens. Dahinter steht die Frage, wie zweckbezogen Bildung sein soll oder darf.

Die Wirtschaft ist mit drei Organisationen beim Gipfel vertreten. Anders als Eltern, Schüler und Lehrer haben Sie bislang öffentlich keine Kritik geäußert. Sind Sie also zufrieden?
Das können wir erst bewerten, falls konkrete Ergebnisse im Juli auf dem Tisch liegen sollten. In den ersten drei Monaten waren der Gipfel und die vielen Arbeitsgruppen erst einmal mit sich selbst beschäftigt. Wie geht man vor, was sind die Themen? Fragen des Verfahrens und der Beteiligung dominierten.

Teilen Sie die Kritik, dass wichtige Fragen wie die soziale Gerechtigkeit noch gar nicht richtig angepackt wurden?
Nein. Wenn fast 30 Institutionen mit unterschiedlichsten Auffassungen nach gemeinsamen Entwicklungslinien suchen, kam man nicht gleich mit abstrakten Kampfthemen aus der Politik starten. Die Suche nach Gemeinsamkeiten funktioniert dort bereits recht gut, wo es um handfeste Dinge geht. Dazu gehören eine stärkere Berufs- und Studienorientierung, die Unterstützung von Leistungsschwächeren und die Reform des Übergangssystems von Schule in Berufsausbildung.

Ein erstes Ergebnis des Bildungsgipfels ist die Forderung nach mehr Berufsorientierung. Soll das Ihrer Ansicht nach auch für das Gymnasium gelten?
Ja, das haben auch fast alle Gipfelteilnehmer bis auf die Vertreter des Gymnasiums betont. Die Philologen sind der Auffassung, die Abdeckung durch das Fach Politik-Wirtschaft reicht. Wir selbst, aber auch andere wollen mehr: Wie die hohen Zahlen der Studienabbrecher zeigen, wäre es im Interesse der Schüler, eine möglichst individuelle Beratung wie Hinführung zu Berufsausbildung oder Studium zu erhalten.

Wie könnte eine solche Berufsorientierung aussehen?
Praktika allein reichen nicht. Notwendig ist die Verbindung zwischen der Förderung individueller Potenziale im Schulunterricht und Angeboten zu berufsbezogenen Praxiserfahrungen. So würde Berufsorientierung tatsächlich zu einer Brücke von der Schule in Ausbildung oder Studium.

Sie machen sich seit Jahren für den Ausbau der ökonomischen Bildung stark. Was haben Sie bisher erreicht?
Es könnte mehr sein. Immerhin wurde Berufsorientierung als verpflichtender Gegenstand des Unterrichts in das Schulgesetz aufgenommen. Ansonsten ist der Sachstand in der Politik seit Einführung des Faches Politik und Wirtschaft eingefroren. Bundesländer wie Baden-Württemberg, das soeben mit grüner Regierungsbeteiligung ein Fach Wirtschaft und Berufsorientierung eingeführt hat, sind da weiter. So können wir als Wirtschaft derzeit nur Angebote und Anreize von außen an Schüler wie Lehrer setzen, von Wettbewerben bis hin zu Betriebserkundungen.

Sollte es an den Schulen mehr lebenspraktischen Unterricht geben, also die Anleitung für die Steuererklärung?
Lebenspraxis ja, aber kein Formularwissen. Es ist nicht Aufgabe der allgemeinbildenden Schulen, lebenspraktische Instrumente zu lehren. Sie haben Schüler auf die Teilnahme an der Gesellschaft vorzubereiten.

Was ist dafür wesentlich?
Alle Fächer und Inhalte dienen dem Bildungszweck, Fantasie und analytisches Denken anzuregen, bis hin zur Freude am zweckfreien Lernen für sich selbst. Eine einseitige Überbetonung der Inhalte führt dazu, dass Lernprozesse zum Befolgen eines vorgegebenen Algorithmus verkommen. Das beste Heilmittel neben der modernen Kompetenzorientierung ist hier, Schulen noch mehr für die Lebenswirklichkeit zu öffnen, von der Arbeitswelt bis hin zu Kunst und Kultur. Dabei könnte der Gipfel nicht nur Positionen abgleichen, sondern auch kreative Vorschläge machen.

Interview: Peter Hanack

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