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Mit Computerspielen die Wirtschaft verstehen? Thomas Schmidt sagt, das funktioniert.

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"Jugendliche wissen nicht, was sie kosten"

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Thomas Schmidt arbeitet daran, junge Menschen für den sicheren Umgang mit Geld fit zu machen. Im FR-Interview erläutert er, wie er das macht.

Wenn es darum geht, Schülern das Wirtschaftsleben beizubringen, lässt er sie auch schon mal wochenlang das Computerspiel Minecraft spielen. Mit erstaunlichen Ergebnissen, wie der gelernte Lehrer findet. Die meisten Jugendlichen, sagt Thomas Schmidt, seien auf den selbstständigen Umgang mit Geld und Verträgen kaum vorbereitet.

Herr Schmidt, Kinder und Jugendliche wachsen mit digitalen Medien auf. Können sie deshalb auch ganz selbstverständlich und sicher mit den vielen Möglichkeiten umgehen, im Internet und per Handy einzukaufen?
Könnte man meinen, aber leider sind sie da eher unsicher, machen Fehler. Ihnen fehlt sehr häufig das Alltagswissen, das man zum sicheren Umgang mit Finanzen, Geldausgeben, Sparen und so weiter braucht.

Warum ist das so?
Finanzbildung spielt ebenso wie Medienerziehung in der Schule nur eine sehr kleine Rolle.

Was lernen Jugendliche über Finanzen und das Wirtschaftswesen?
Das funktioniert oft fächerübergreifend. In der Mathematik lernt man Zins- und Zinseszinsrechnung. In Zeiten, in denen es so gut wie keine Zinsen gibt, ist der Alltagsbezug da eher gering. In Geschichte oder in Politik und Wirtschaft geht es um Inflation, Wirtschaftscrashs, Wirtschaftssysteme im Allgemeinen und solche Dinge.

Warum genügt Ihnen das nicht?
Kinder und Jugendliche nehmen viel früher am Wirtschaftsleben teil als vielleicht noch vor zehn Jahren. Und Konsum ist etwas ganz Tolles, macht glücklich und bringt ein Land voran. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Waren oder welche Apps kaufe ich mir? Kann ich mir das leisten,
sollte ich vorher sparen oder auf Raten kaufen? Was viele junge Menschen auch nicht wissen: Was koste ich eigentlich?

Was meinen Sie damit?
Kinder, die in Familien leben, wo sie sehr gut aufgehoben sind, müssen sich keine Gedanken machen, was das Essen kostet, die Miete oder die Kreditraten, was für Heizung oder Telefon ausgegeben wird. Sie sind dann sehr unvorbereitet, wenn sie ausziehen. In Familien, wo das Geld knapp ist, ist den Kindern das schon eher bewusst, aber einen sicheren Umgang erlernen sie meist trotzdem nicht.

Welche Folgen hat das?
Na ja, sie rechnen eben nicht. Häufig bedeutet das zum Beispiel, dass sie sich nach einem Auszug erst mal ihr Essen in der Pizzeria, bei McDonalds oder am Döner-Imbiss holen. Bis sie nach der Hälfte des Monats merken, dass ihr Geld weg ist. Bei vielen keimt dann der Gedanke auf, man könne ja vielleicht einfach mal selbst kochen.

Was schlagen Sie vor?
Es wäre wichtig zu erforschen, wie viele Klicks ein Youtuber wirklich braucht, um davon leben zu können. Das würde die Kids motivieren. Oder wir haben im Rahmen der Wirtschafts-Werkstatt, einer Bildungsinitiative der Schufa, zehn junge Menschen drei Monate lang ein Haushaltsbuch
führen lassen. Nicht altmodisch auf Papier, sondern auf dem Handy. Aber der Effekt war sehr klassisch: Sie haben plötzlich gesehen, wie teuer das Leben sein kann und wo das Geld bleibt und haben sich dann umgestellt.

Da ist ein digitales Medium, das schnell alles zusammenrechnet, ja vielleicht sehr hilfreich.
Ja sicher, es ist eben ganz nah dran an den anderen Apps auf dem Smartphone. Gleichzeitig gibt es aber eben auch immer mehr digitale Bezahlsysteme, Online-Shops und Ähnliches. Man sieht oft im wörtlichen Sinn gar nicht mehr, was man ausgibt. Ich habe mir früher selbst am Anfang des Monats mein bisschen Geld abgeholt und wusste ziemlich genau, was ich im Portemonnaie hatte. Und wenn das weniger Scheine wurden, habe ich auch weniger ausgegeben.

Sind Jugendliche in der Lage, wirtschaftliches Geschehen einzuschätzen? Etwa die Rolle der Europäischen Zentralbank bei der Preisstabilität? Oder die Auswirkungen der Geldpolitik auf Länder wie Griechenland?
Ich denke, dass sie oft die Fachbegriffe nicht kennen und auch die Zusammenhänge nicht klar vor Augen haben. Die Frage stellt sich allerdings, wie viel sie von dem kalten Faktenwissen benötigen? Auch hier haben wir ein Experiment gemacht, haben 30 Jugendliche sechs Wochen lang mit
dem Computerspiel Minecraft eine eigene Welt bauen lassen, in der es auch virtuelles Geld gab. Gewonnen hatte nicht der, der am meisten Geld eingesackt hatte, sondern der, der auch sozial gut gehandelt hat. Die Jugendlichen haben da wirklich ganz toll agiert und sich viel sozialer verhalten,
als vielleicht zu erwarten war.

Ist das Verständnis dieser großen Zusammenhänge in Ihren Augen gar nicht so wichtig? Zum Mündigwerden gehört doch, auch die politischen Folgen einschätzen zu können. Es geht beim Konsum ja nicht nur ums Private.
Zuerst einmal muss man die Folgen des eigenen Handelns und das von anderen einschätzen können. Das ist wichtig. Dazu gehört natürlich Wissen, das in der Schule vermittelt werden sollte. Gleichzeitig aber ist es ganz wichtig, für das Leben zu ertüchtigen, auf den selbstständigen Umgang
mit Geld vorzubereiten. Das geschieht sicher viel zu wenig. Für eine politische Dimension, die leider im Bewusstsein der Jugendlichen nicht so ausgeprägt ist, gibt es dann bessere Anknüpfungspunkte.

An was denken Sie da?
Beispielsweise hat ein nachhaltiger Konsum, ökologisch und fair, für viele junge Leute eine große Bedeutung. Das gilt auch etwa beim Einrichten einer Wohnung, wo viele darauf setzen, alte Dinge schön zu machen und weiter zu verwenden. Das Bewusstsein für den Wert verantwortlichen Handelns ist also vorhanden. Vielleicht muss man da nur ein bisschen helfen, auch den Bogen zu den großen Linien in Wirtschaft und Politik zu schlagen.

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