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Es ist nicht nur ihr gewinnendes Lächeln, das Krankenschwester Julia Plentz bei den Demenzkranken und den Kolleginnen beliebt macht.

Rödermark

Für wertschätzende Pflege geehrt

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Julia Plentz betreut Demente in Wohngruppen im Franziskushaus in Rödermark mit viel Hingabe. Der Empathie-Preis der AOK ist nun der Lohn aller Mühen.

Zeitdruck, Unfreundlichkeit, ja sogar Misshandlungen – Schlagzeilen, die in der Pflege immer wieder für Wirbel sorgen. Es geht aber auch anders. Die 39-jährige Julia Plentz, die im Franziskushaus Rödermark zwei Demenz-Wohngruppen betreut, ist das beste Beispiel dafür. Tagtäglich profitieren die dementen Mieter davon, dass sie ihren Beruf lebt und liebt, dass sie neben Professionalität auch Wärme und Geduld an den Tag legt. Dafür hat die gelernte Krankenschwester nun den Empathie-Award erhalten, den die AOK Hessen erstmals ausgelobt hat. Damit wollte die Krankenkasse aufzeigen, was in der täglichen Praxis an Emotionen zwischen der Pflegefachkraft und dem Patienten möglich ist. Plentz hat sich gegen 75 Konkurrentinnen durchgesetzt.

Was macht Julia Plentz anders als die anderen? Die Preisträgerin selbst hat auf diese Frage keine Antwort. „Ich mache es so, wie es mir mein Bauchgefühl sagt“, meint sie. Körperpflege, Kompressionsstrümpfe anlegen, Windeln wechseln, Medikamente verabreichen können andere auch, aber vielleicht macht dieser Satz der 39-Jährigen den Unterschied: „Dem Bedürftigen das Würdevolle ermöglichen, ihn wertschätzen, ihm das Gefühl geben, dass er genauso, wie er ist, ein besonderer Mensch ist.“

„Sie besitzt besondere menschliche Qualitäten“, sagt ihre Kollegin Julia Jedlicsek, die sie ohne ihr Wissen für den Empathie-Preis vorgeschlagen und ihr somit zu 3000 Euro Preisgeld verholfen hat. Durch ihre ruhige, entspannte Art schaffe es Plentz, dass in den zwei Wohngruppen des Caritasverbands Offenbach „alles rund läuft“. „Sie hat ein Naturtalent“, pflichtet ihr Ute Kern-Müller, Bereichsleiterin ambulante Pflege, bei.

Dort, wo die Geduld auf eine harte Probe gestellt wird, schaffe Plentz durch Empathie den Zugang zu den Menschen. Vormittags bietet sie den Demenzkranken 15 Minuten Aktivierung an. Das könne Gymnastik sein oder Spiele wie Memory und Mensch ärgere dich nicht oder einfach nur Gespräche über die Vergangenheit. „So bekomme ich die Tür zu den Menschen auf“, sagt sie. Es sei ihr wichtig, diese Eingangstür für jeden Einzelnen zu finden – und zwar jeden Tag neu.

Weiterbildung im Bereich Gerontopsychiatrie

Die gelernte Krankenschwester war früher von Haus zu Haus in der ambulanten Pflege unterwegs, arbeitet seit eineinhalb Jahren im Franziskushaus mit Demenzkranken, hat berufsbegleitend von Januar bis November eine Weiterbildung im Bereich Gerontopsychiatrie belegt. Sie merke die Anstrengung gar nicht, sagt die Mutter einer elfjährigen Tochter. „Ich komme in die Wohngruppen und entspanne mich.“

„Wenn man mit der Seele dabei ist, ist die Belastung nebensächlich in dem Beruf“, erklärt Kern-Müller. Sie ist froh, dass die Krankenkasse diesen Empathie-Preis geschaffen hat. Schließlich werde Pflege meist einseitig dargestellt, nur selten komme zur Sprache, was man mit Pflege bewirken könne. „Menschen werden nicht durch eine gute Operation gesund, sondern durch die Pflege danach.“ Es werde Zeit, dass Altenpfleger oder Krankenschwestern mehr Ansehen und Wertschätzung bekommen. Die Haltung zu diesen Berufen müsse sich gesellschaftlich ändern, dann könnten auch junge Menschen dafür motiviert werden. Nicht die Bezahlung sei das große Problem – auch wenn es schwarze Schafe gebe, die unter Tarif bezahlten –, sondern die Wertigkeit. In Ländern wie Norwegen oder Schweden seien die Berufe hoch angesehen, doch in Deutschland sei die Wichtigkeit in den Köpfen noch nicht angekommen. Im übrigen gelte es, die Stärken der Mitarbeiter zu finden, ihnen Weiterbildungen zu bezahlen, sie an die richtige Stelle zu setzen – genau so, wie es Julia Plentz beim Caritasverband widerfahren ist.

Die Preisträgerin stört es nicht, dass ihr Name für die meisten Mieter nur Schall und Rauch ist. „Wie oft habe ich schon gehört: Dich kenne ich, du bist nett“, lacht sie. Eine Demenzkranke habe sich noch nach zehn Tagen an ihren Namen erinnert. „Das war wie Weihnachten und Silvester auf einmal für mich.“ Und sie erzählt von der 88-Jährigen, die glaubt, dass sie schwanger ist, aber Verstopfung hat, oder von der Mieterin, die ein Kurzzeitgedächtnis von einer Minute hat und 200-mal am Tag die gleiche Frage stellt. Man müsse Demenzkranke nicht mit Samthandschuhen anfassen, sagt sie, aber immer respektvoll. „Genauso, wie ich sie reflektiere, reflektieren sie mich. Da überlegt man sich, wie man ihnen gegenübersteht.“

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