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Anschlag von Hanau: Opfer als mögliche Gefahr gesehen

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Der Ausschuss füllt viele Aktenordner und versucht so auch Unklares zu klären.
Die nächste Sitzung des Untersuchungsausschusses ist für den 31. Mai angesetzt. © Michael Schick

Der Untersuchungsausschuss zum Anschlag in Hanau beleuchtete am Montagabend, wie die Polizei nach der Tat die Überlebenden betrachtete.

Der „Umgang mit den Angehörigen und Hinterbliebenen des Anschlags“ stand auf der Tagesordnung des Hanau-Untersuchungsausschusses im Hessischen Landtag am Montagabend. Ein 32-jähriger Polizeidirektor des Landeskriminalamts (LKA) sagte aus; er hatte nach dem Anschlag im Führungsstab der Behörde gearbeitet, der sich unter anderem mit dem Vater des Täters befasste.

In den vergangenen Monaten wurde im Ausschuss unter anderem thematisiert, dass sich Überlebende und Angehörige nach dem Anschlag als „Täter“ und nicht als Opfer behandelt fühlten und dass es an Sensibilität beim Umgang mangelte – unter anderem beim Thema „Vater des Täters“. Überlebende des Anschlags, wie Piter Minnemann, kritisieren, dass sie einige Tage nach dem Anschlag eine Gefährderansprache der Polizei erhalten haben. Grund sei die Entlassung des Attentäter-Vaters aus der Psychiatrie gewesen.

Anschlag von Hanau: „Sensibilisierungsgespräche“ mit den Angehörigen

Auch der 32-jährige LKA-Direktor bestätigt, dass es eine Gefährderansprache gab. Allerdings handele es sich dabei um einen „polizeitechnischen Begriff“. Das bedeute, „jemandem zu sagen, wir haben ein Auge auf dich“, es sei aber auch ein „Sensibilisierungsgespräch“, um Konfliktsituationen zu vermeiden. Das sei kurz nach dem Anschlag der Fall gewesen, man habe „Sensibilisierungsgespräche“ mit den Angehörigen der Opfer geführt.

Dabei ginge es vor allem darum, die Angehörigen darauf vorzubereiten, dass der Vater des Täters R. aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wieder nach Hanau komme und an die Öffentlichkeit gehen könnte. Dies habe die Polizei im Rahmen einer Szenarienbildung als Möglichkeit gesehen. Unter anderem habe die Polizei es für möglich gehalten, dass er öffentlich seine Ansichten zu der Tat äußert, die nichts mit dem eigentlichen Geschehen zu tun haben.

FR-Podium zum rassistischen Anschlag

Bereits zum vierten Mal setzt sich die FR während eines Diskussionsabends mit dem rassistischen Terror von Hanau auseinander. Auf dem Podium diskutieren Armin Kurtovic, dessen Sohn Hamza am 19. Februar 2020 ermordet wurde, sowie Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Vanessa Gronemann (Grüne), Obfrau im Hanau-Untersuchungsausschuss, und Newroz Duman von der Initiative 19. Februar. Die Veranstaltung beginnt am Freitag, 26. Mai, 19 Uhr, im Panoramasaal der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9.

FR-Chefreporter Pitt von Bebenburg und FR-Landtagskorrespondent Hanning Voigts moderieren. Die Diskussion wird im Livestream übertragen, auf www.fr.de/eventvideo. Weitere Texte und die Videos der bisherigen FR-Events gibt es auf www.fr.de/terror-hanau. gh

Einige Mitglieder des Ausschusses sehen das kritisch. Im Polizeibericht vom 23. Februar 2020, der dem Ausschuss vorliegt, stehe nicht, dass es um die Sensibilisierung der Angehörigen gehe, sagte Saadet Sönmez (Linke). „Die Opferfamilien wären hier potenzielle Gefährder für den Vater, es müsste eine Art Gefährderansprache gemacht werden“, zitiert Heike Hofmann (SPD) aus dem Bericht und fragt den Zeugen, was darunter zu verstehen sei. Worauf der 32-Jährige betonte, dass es sich um einen Fachbegriff handele.

Hanau-Ausschuss: Kritik an die Polizeiarbeit

„Haben Sie keine rechtsextreme Gesinnung erkannt?“ fragt Sönmez den Direktor. Aus dem Bericht könne sie dies nicht herauslesen. Bei den „Beratungen aus verschiedenen Richtungen“ habe der Stab auch „festgestellt, dass grundsätzlich nicht auszuschließen ist“, antwortet der Zeuge. Allerdings habe man sich vor allem damit beschäftigt, dass der Vater des Täters an die Öffentlichkeit gehen könnte.

Eine Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Südosthessen sagte am Montagabend ebenfalls aus. Die Tage nach der Tat beschreibt sie als „chaotische Phase“, weil die Strukturen und ihre Aufgabe unklar gewesen seien. „Wir hätten gerne eine Informationsliste mit den Namen der Verstorbenen gehabt, um die Angehörigen anzurufen“ sagt sie. Doch die Liste sei ihr nicht zur Verfügung gestellt worden. „Es war unklar, wer welche Informationen weitergeben kann.“

Ausschussmitglieder hielten ihr eine interne E-Mail vor, die sie einige Wochen nach dem Anschlag verschickt hatte. Darin machte sie darauf aufmerksam, dass die Angehörigen darauf hinzuweisen seien, dass „es bei einem Zusammentreffen mit dem Tätersvater zu keinen konfliktverschärfenden oder strafbaren Handlungen kommen darf“. Diese E-Mail sei ihr von ihrem Vorgesetzten diktiert worden, sagt die Opferschutzbeauftragte, sie selbst finde sie auch „komisch“. Und ergänzt, sie sehe inzwischen Fehler im Umgang mit den Angehörigen. Seit dem Anschlag habe die Polizei daher das Personal der Opferschutzeinheit aufgestockt und wolle in der Zukunft durch externe Schulungen und Opferschutzseminare „professioneller und besser“ mit solchen Fällen umgehen.

Im Auschuss am Montag davor hatten Robert Trafford von Forensic Architecture und der Leiter des eigesetzten SEK ausgesagt. Die nächste Sitzung des Untersuchungsausschusses ist für den 31. Mai angesetzt. (Yagmur Ekim Cay)

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