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Anschlag von Hanau: Kontroverse um Notausgang

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Von: Pitt von Bebenburg, Yağmur Ekim Çay

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Forensic Architecture zeigte die Zeittafel der Hanauer Terrornacht im Sommer im Kunstverein.
Forensic Architecture zeigte die Zeittafel der Hanauer Terrornacht im Sommer im Kunstverein. © Renate Hoyer

Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft beschäftigt am Freitag den Hanau-Untersuchungsausschuss. Laut der Rechercheplattform Forensic Architecture hätte ausgereicht, dass fünf der sieben Personen in der Arena-Bar es zum Notausgang geschafft hätten - wenn die Tür offen gewesen wäre.

Die Staatsanwaltschaft Hanau muss sich erneut gegen Kritik verteidigen, weil sie die Ermittlungen wegen des verschlossenen Notausgangs in der Hanauer Arena-Bar in der Terrornacht des 19. Februar 2020 eingestellt hat. Robert Trafford von der Rechercheplattform Forensic Architecture bat den Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags bei seiner Aussage am Freitag in Wiesbaden darum, sich nicht so zu verhalten wie die Ermittlungsbehörde. Diese habe mit Hilfe einer psychologischen Erklärung vermieden, „unangenehme Ermittlungen“ führen zu müssen, urteilte Trafford.

Staatsanwalt Martin Links widersprach als Zeuge im Untersuchungsausschuss am Freitagabend vehement. Er bekräftigte seine Entscheidung, die Ermittlungen gegen den Betreiber der Bar einzustellen.

Er sei nicht zu der Überzeugung gelangt, dass die späteren Opfer mit Sicherheit in Richtung des Notausgangs gelaufen wären, wenn die Tür offen gewesen wäre, sagte Links. Vielmehr sehe er die Möglichkeit, dass sie anders oder nicht rechtzeitig reagiert hätten, weil sie die Art der Bedrohung nicht hätten einschätzen können – ob es sich etwa um einen Raubüberfall handele. Er stehe in der Verantwortung, nicht Anklage gegen jemanden wegen fahrlässiger Tötung zu erheben, der voraussichtlich nicht dafür verurteilt werden könne. Am Abend des 19. Februar hatte ein Täter aus rassistischen Gründen neun Menschen getötet. Darunter waren Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtovic, die in der Arena-Bar im Stadtteil Kesselstadt erschossen wurden. Dort gab es einen Notausgang, der jedoch häufig verschlossen war.

Nach einem Gutachten von Forensic Architecture, das in der Sitzung des Untersuchungsausschusses als Video eingespielt wurde, hätte die Zeit ausgereicht, damit fünf der sieben in der Arena-Bar anwesenden Personen durch den Notausgang hätten fliehen können – auch Hashemi und Kurtovic. Wären sie im gleichen Tempo Richtung Tür gelaufen statt hinter die Theke, dann hätten sie es schaffen können.

Die hessische Generalstaatsanwaltschaft hatte die Verfahrenseinstellung überprüft und die Entscheidung der Hanauer Staatsanwaltschaft gebilligt, wonach kein hinreichender Tatverdacht einer fahrlässigen Tötung bestehe. Der Ausschussvorsitzende Marius Weiß (SPD) wies darauf hin, dass der Generalstaatsanwaltschaft bei dieser Überprüfung die Untersuchung von Forensic Architecture vorgelegen habe.

Trafford machte im Ausschuss auch darauf aufmerksam, dass sich ausweislich der Aufnahmen der Überwachungskameras im Laufe des Tattages mehrere Personen in Richtung des Notausgangs bewegt hätten und schnell wieder zurückgekehrt seien – offenbar weil die Tür verschlossen war. Zum letzten Mal sei dies eine halbe Stunde vor den tödlichen Schüssen geschehen und von Hamza Kurtovic beobachtet worden. Als der Täter gegen 22 Uhr kam und schoss, habe Kurtovic daher gewusst, dass eine Flucht Richtung Notausgang sinnlos sei. Die Obleute von CDU und FDP im Ausschuss, Jörg Michael Müller und Jörg-Uwe Hahn, zweifelten die Relevanz des Forensic-Gutachtens an. „Da sind Brüche in Ihrem Gutachten“, urteilte Müller. Der CDU-Politiker wandte – ähnlich wie die Staatsanwaltschaft – ein, es sei ungewiss, ob die Menschen wirklich zum Notausgang gerannt wären, wenn er offen gewesen wäre. „Sie setzen sich mit Fluchtverhalten überhaupt nicht auseinander“, warf er Trafford vor. Trafford entgegnete, dies sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen – sondern die Frage, ob die Zeit ausgereicht hätte, zur Tür zu gelangen.

Der Ausschuss

Der Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags arbeitet den Terroranschlag von Hanau auf, bei dem am 19. Februar 2020 neun Menschen aus rassistischen Gründen getötet wurden: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Für 31. Oktober ist die nächste Sitzung angesetzt, im November und Dezember folgen vier weitere Termine. pit

Die Berliner Polizeipsychologin Birgitta Sticher wurde in der Sitzung dazu befragt, wie Menschen darauf reagieren, wenn sie bedroht werden. Sie sagte aus, dass die Betroffenen wohl zum Notausgang gerannt wären, wenn sie davon hätten ausgehen können, dass er offen war. Zugleich wies sie darauf hin, dass Menschen nicht auf die Gefahr zu, sondern von ihr weg liefen.

Staatsanwalt Links zeigte ein Bild der Überwachungskamera. Es belegt aus seiner Sicht, dass die Betroffenen erst kurz in Richtung des Täters hätten laufen müssen, um direkt danach zum Notausgang abbiegen zu können. Es blieben Zweifel bei ihm, ob die Menschen trotz dieser Lage den Fluchtweg zum Notausgang gewählt hätten, wenn die Tür offen gewesen wäre.

Im Untersuchungsausschuss ging es am Freitag auch um die Frage, wer dafür verantwortlich war, dass der Notausgang verschlossen war. Dazu sollten eigentlich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und Oliver Preiß von der Hanauer Bauaufsicht gehört werden. Doch weil sich Traffords Befragung stundenlang hinzog, vertagte der Ausschuss ihre Vernehmung.

Als weitere Zeugen sagten am Freitag zwei Männer aus, die jahrelang in der Arena-Bar verkehrt hatten - einer auch als Bediensteter. Beide berichteten, dass der Betreiber stets darauf gedrungen habe, den Notausgang geschlossen zu halten. Er habe signalisiert, dass er dies aufgrund einer Absprache mit der Polizei tue.

Staatsanwalt Links bestätigte, dass es Zeugenaussagen in dieser Richtung gebe. Es gebe dafür aber keinerlei Belege. Im Gegenteil spreche das Verhalten von Polizei und Ordnungsbehörden nach seiner Einschätzung gegen eine Kooperation mit dem Betreiber. Gegen ihn seien mehrere Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet worden, bis hin zum Entzug der Gaststättenkonzession.

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