1. Startseite
  2. Rhein-Main

Anschlag in Hanau: Opfer hatten aufgrund gezielter Schüsse kaum Überlebenschancen

Erstellt:

Von: Gregor Haschnik

Kommentare

Im Hanau-Untersuchungsausschuss hat ein Rechtsmediziner zu den Verletzungen der Opfer ausgesagt. Nach eigenen Angaben stand er nach dem Attentat für Gespräche mit Angehörigen zur Verfügung. Doch das Angebot wurde offenbar nicht weitergegeben.

Der rassistische Attentäter von Hanau habe sehr gezielte Schüsse auf die Opfer abgegeben, auf Kopf, Herz und andere Organe, und ihnen dadurch so massive Schäden zugefügt, dass keines von ihnen eine realistische Überlebenschance gehabt habe.

Das hat Mattias Kettner vom Frankfurter Institut für Rechtsmedizin am Montagabend im Untersuchungsausschuss zum Hanauer Anschlag ausgesagt. In der Sitzung im Landtag beschäftigte sich das Gremium vor allem mit dem Vorgehen der ersten Polizeikräfte an den beiden Tatorten sowie mit der Versorgung der Opfer.

Ferhat Unvar, der im Kiosk vor der Arena-Bar in Kesselstadt erschossen und von Einsatzkräften zunächst offenbar übersehen wurde, habe nach den Schüssen höchstens noch ein paar Minuten gelebt, so Kettner. Der Blutverlust sei so groß gewesen, dass ihn auch eine Reanimation nicht gerettet hätte. Medizinisch wäre dies „nicht machbar“ gewesen. Zudem hätte man ihn auch nicht transportieren können.

Darüber hinaus verteidigte Kettner den Umfang der Obduktionen, der von Hinterbliebenen kritisiert worden war. Dabei waren zum Beispiel alle inneren Organe gewogen und Gewebeproben entnommen worden.

Das sei „absolute Routine“. Eine umfassende Basisuntersuchung, wie es die Leitlinien vorsähen, müsse aus medizinischen und rechtlichen Gründen immer durchgeführt werden. Am Ende müsse zum Beispiel rechtssicher geklärt sein, wer die Taten mit welchen Waffen verübte. Das Gewebe werde auch deshalb eine Zeit lang einbehalten, weil die Staatsanwaltschaft manchmal Monate später weitere Untersuchungen in Auftrag gebe.

Doch die Kritik der Angehörigen hatte sich weniger an der Obduktion an sich, sondern vor allem an der Tatsache entzündet, dass sie vorher nicht gehört wurden und zum Teil etwa eine Woche lang nicht wussten, wo die Leichname ihrer getöteten Angehörigen waren und was mit ihnen passierte.

Kettner erklärte, im Institut hätten sie eine neutrale Umgebung geschaffen, in der sich die Hinterbliebenen von ihren Verwandten hätten verabschieden können. Außerdem habe er sich nach den Obduktionen für Gespräche zur Verfügung gestellt, um Fragen zu beantworten. Dies habe er nicht direkt den Betroffenen gesagt oder geschrieben, weil er dies gar nicht dürfe, sondern nach seiner Erinnerung Vertretern von Polizei und Bestattungsinstituten mitgeteilt. Doch das Angebot hat zumindest die Angehörigen, mit denen die FR gesprochen hat, nicht erreicht. Saadet Sönmez, Obfrau der Linken, kritisiert das Versäumnis. Ihrer Ansicht nach hätte die Polizei sicherstellen müssen, dass die Hinterbliebenen die Gelegenheit bekommen, mit der Rechtsmedizin zu sprechen und Fragen zu stellen. Es brauche eine polizeiliche Koordinierungsstelle, damit solche Informationen in Zukunft weitergegeben werden.

Vor Kettner hatten unter anderem zwei Polizisten und ein Rettungssanitäter im Ausschuss ausgesagt. Sie wiesen Kritik an ihrem Handeln sowie an der Versorgung der Opfer zurück und gaben an, trotz der Extremsituation und einer aufgeheizten Stimmung alles getan zu haben, was möglich gewesen sei.

Auch interessant

Kommentare