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Anschlag in Hanau: „Hatte große Furcht, dass das Morden weitergeht“

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Von: Yvonne Backhaus-Arnold

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Im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtages sagen leitende Polizeibeamte zum Einsatz während des rassistischen Anschlags in Hanau aus.

Wiesbaden - Wie hat er die Tatnacht erlebt? Welche Informationen lagen wann vor und was wurde angeordnet? Jürgen Fehler, seit 2018 Leiter der Polizeidirektion Main-Kinzig, war am Montag zum zweiten Mal vor den Hanau-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags geladen. Bei seiner ersten Aussage ging es um den nicht vorhandenen Notruf-Überlauf, diesmal um den Ablauf des Einsatzes in der Tatnacht.

Als Jürgen Fehler um 22.30 Uhr von der Wache am Freiheitsplatz aus angerufen wird, „war in keinem Fall erkennbar, dass es ein Terroranschlag solchen Ausmaßes war“, sagt der Zeuge. Sieben Minuten später ist der Hanauer im Büro. Da steht fest: Es gibt zwei Tote am Heumarkt, der Täter ist flüchtig. „Sonst waren die Informationen spärlich“, so Fehler.

Terrornacht in Hanau: Polizei „immer hinter der Lage“

Dann wird deutlich, dass es einen zweiten Tatort im Bereich des Kurt-Schumacher-Platzes gibt. Hinweise zum Täterfahrzeug liegen ebenfalls vor. Um 22.20 Uhr ist das Kennzeichen bekannt. Im Anschluss werden der Halter und die Adresse ermittelt. Unklar bleibt, ob es sich um einen Einzeltäter handelt. Das Reihenmittelhaus identifizieren die Beamten mit Google Earth, „eine Minimallösung“, wie Fehler einräumt. Seine größte Angst zu diesem Zeitpunkt: ein Täter, der vielleicht mit einem zweiten Fahrzeug flüchtig ist. Oder Mittäter, die weiter morden. Dann werden Rocker in der Nähe des Täterhauses angehalten, insgesamt sechs Personen. Sie könnten der Grund sein, weswegen das Fahrzeug seinen Standort änderte – eine Tatsache, die die von der Initiative und den Opferfamilien beauftragte Forschergruppe Forensic Architecture in späteren Untersuchungen kritisierte.

Es gibt Hinweise zu Schüssen im Lamboy. Auch in Bruchköbel soll es einen Vorfall geben. Fehler, der um 23.30 Uhr die Führung des Einsatzes übernimmt – zuvor war die Polizei vom Dienst in Offenbach verantwortlich –, geht von einer massiven Gefährdung der Öffentlichkeit aus. „Wir waren“, sagt er leise, „immer hinter der Lage.“ Es ist die Dramatik dieser Nacht.

Anschlag in Hanau: „Wir waren immer hinter der Lage“

Normalerweise gibt es neben dem Polizeiführer einen weiteren Beamten aus dem höheren Dienst. Normalerweise, denn es gibt seinerzeit nur am Wochenende eine Rufbereitschaft für Personen im höheren Dienst. Nach den Morden in Hanau wurde eine Führungsbereitschaft an sieben Tagen pro Woche eingeführt, so dass fünf bis sechs Kräfte die Lage vom Polizeipräsidium Offenbach aus übernehmen.

Den bereits angeforderten Hubschrauber schickt Fehler zur Lamboystraße. „Mir ging es dabei vor allem um Aufklärung“, räumt der Polizist ein. „Ich hatte große Furcht, dass das Morden weitergeht.“

Um 23.30 Uhr treffen rund 20 Beamte des SEK an der Wohnanschrift ein. Fehler drängt darauf, dass das Haus so schnell wie möglich gestürmt wird. 15 Minuten nach Mitternacht übernimmt das SEK den Einsatz am Täterhaus. „Können Sie erklären, warum es noch fast drei Stunden bis zum Zugriff dauerte, wollen verschiedene Abgeordnete wissen. „Es klingt dramatisch, lässt sich aus meiner Sicht, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte, aber nachvollziehen. Das SEK macht einen Plan, bewertet die Lage und entscheidet dann. Das kann so viel Zeit in Anspruch nehmen.“ Die Kontaktaufnahme ins Haus scheitert. Weder telefonisch noch über Lautsprecher sei jemand zu erreichen gewesen, schildert Dirk Fornhoff, heute Abteilungsdirektor im Polizeipräsidium Südosthessen. Um 3 Uhr werden die Versuche abgebrochen. Fornhoff gibt den Zugriff ins Haus frei. Die Eingangstür wird aufgesprengt.

Untersuchungsausschuss zum Anschlag in Hanau: nicht genug geschultes Betreuungspersonal

Das SEK trifft auf den Vater des Attentäters, der seine Hände zu einer Pistole führt. Er wird festgenommen und abgeführt. Die tote Mutter liegt mit Kopfschuss in einem Bett im Erdgeschoss. „Wir hatten also einen weiteren Tatort und mussten weiter mit großer Sicherheit vorgehen“, so der 50-Jährige. Die SEK-Beamten entschließen sich danach, das Obergeschoss zu untersuchen. Hier ist niemand. „In der Befehlsstelle wird es einem da schon komisch“, so Fornhoff, „der Täter hätte ja flüchtig sein können.“ Im Keller finden sie die Leiche von R. Er hatte sich mit einem Kopfschuss getötet.

Schon lange vorher stehen viele Menschen, augenscheinlich Verwandte der Ermordeten, an den Tatorten. Jürgen Fehler ordnet einen sogenannten Betreuungsabschnitt an. „Wir haben einen Bus organisiert, die Sporthalle der Polizeistation im Lamboy hochgefahren“, erklärt Fehler. Dass zu diesem Zeitpunkt nicht genug geschultes Betreuungspersonal vor Ort war – ein Punkt, der immer wieder zu Kritik der Angehörigen geführt hatte – räumt Fehler ein.

Um 6.15 Uhr unterrichtet er den Polizeipräsidenten und eine Vertreterin der Generalbundesanwaltschaft (GBA), ein Umstand, der später zu Verwerfungen mit dem Polizeipräsidium Frankfurt führt, weil die Lage zu diesem Zeitpunkt schon in Frankfurt geführt wurde.

Im Wiesbadener Landtag tagt der Hanau-Untersuchungsausschuss. Davor, auf einem Plakat, stehen die Namen der Opfer.
Im Wiesbadener Landtag tagt der Hanau-Untersuchungsausschuss. Davor, auf einem Plakat, stehen die Namen der Opfer. Renate Hoyer © Renate Hoyer

Attentat von Hanau: „Vor dem Anschlag war R. für mich kein Begriff“

Im Anschluss informiert Fehler die Mitglieder des Krisenstabs der Stadt Hanau. Der Name des mutmaßlichen Attentäters, und das wundert den leitenden Beamten, sei dort bekannt gewesen als „querulatorische Familie“. „Mir war der Name nicht bekannt“, sagt Jürgen Fehler, „ich hatte keine Aufzeichnungen zur Familie. Vor dem Anschlag war R. für mich kein Begriff.“

Dass der Fokus zu Beginn des Abends nicht auf der Dokumentation lag, sondern darauf, die Lage zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen, stellt Fehler deutlich heraus. Dass es bis heute keinen Abschlussbericht von GBA und Bundeskriminalamt gebe, sei nicht zufriedenstellend, so Fehler. Auch eine Evaluation oder Bewertung der Arbeit gebe es nicht. Vielleicht habe dies aber auch etwas mit der damaligen Corona-Lage zu tun, denn wenige Woche nach dem Attentat war das Land im Lockdown und auch die Polizei habe ihre Arbeitsweise anpassen und umsortieren müssen.

Jürgen Fehler zeigt sich jedoch offen und – anders als andere Beteiligte – gesprächsbereit. An die Angehörigen auf der Besuchertribüne gewandt, sagt er nach fast drei Stunden Aussage: „Wenn der Untersuchungsausschuss beendet ist und ich öffentlich und frei sprechen kann, bin ich gerne bereit, etwaige Fragen, die noch im Raum stehen oder für Unverständnis sorgen, zu beantworten.“ (Yvonne Backhaus-Arnold)

Ein „Witz“ über einen Notausgang nach einem Alarm während des Hanau-Untersuchungsausschusses sorgte kürzlich für Empörung. Die CDU und das Innenministerium wiesen Vorwürfe zurück.

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