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Anschlag auf Ahmed I.: „Keiner hat sich dafür interessiert“

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Von: Hanning Voigts

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Oberstaatsanwalt Dieter Killmer (rechts), hier bei Gericht, sieht keine schweren Fehler bei der hessischen Polizei. Foto: dpa
Oberstaatsanwalt Dieter Killmer (rechts), hier bei Gericht, sieht keine schweren Fehler bei der hessischen Polizei. © Boris Roessler/dpa

Im hessischen Untersuchungsausschuss zum Mord an Walter Lübcke zeigt das Anschlagsopfer Ahmed I. sich enttäuscht von der Polizei. Staatsanwalt Dieter Killmer sieht dagegen keine Fehler bei den Ermittlern.

Der irakische Flüchtling Ahmed I., der im Januar 2016 in der Nähe seiner Flüchtlingsunterkunft in Kassel-Lohfelden niedergestochen worden war, fühlt sich bis heute im Stich gelassen. „Von keiner der zuständigen Behörden habe ich auch nur die geringste Hilfe bekommen“, gab sein Dolmetscher die Worte des 28-Jährigen am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wieder. Vor allem die Polizei habe ihn direkt nach seiner Notoperation aggressiv befragt und ihm nicht geglaubt. „Man behandelte mich, als wäre ich der Schuldige“, sagte Ahmed I.

Er habe schon kurz nach dem Anschlag die Vermutung geäußert, der Täter müsse ein Nazi sein, berichtete I. weiter. „Keiner hat sich dafür interessiert.“ Wenn die Polizei auf ihn gehört und ihre Arbeit ordentlich gemacht hätte, könne Walter Lübcke seiner Ansicht nach noch leben. I. schilderte auch, wie die Folgen der Tat ihn bis heute beeinträchtigten: „Ich habe meinen Körper verloren, ich habe die Hälfte meines Lebens verloren.“ Er fühle sich um seine Zukunft und seine Träume betrogen.

Ein Messer mit schwacher DNA-Spur

Ahmed I. war am Abend des 6. Januar 2016 von hinten von einem Fahrradfahrer mit einem Messer schwer verletzt worden. Die Polizei hatte einen rassistischen Anschlag für möglich gehalten und bekannte Neonazis zu der Tat befragt. Unter ihnen war auch der spätere Mörder von Walter Lübcke, der einschlägig vorbestrafte Neonazi Stephan Ernst. Die Ermittlungen waren im Sande verlaufen. Erst als Ernst bei einer Vernehmung nach dem Mord an Walter Lübcke im Juni 2019 angab, an besagtem 6. Januar wegen sexueller Übergriffe auf Frauen durch junge Migranten in der Silvesternacht Köln wütend durch die Straßen gelaufen zu sein, wurden sie wieder aufgenommen.

Bei einer Durchsuchung in Ernsts Haus fanden die Ermittler ein Messer, an dem ein Spezialist schwache DNA-Spuren nachwies, die von Ahmed I. stammen könnten, die ihm aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten. Letztlich sprach das Oberlandesgericht Frankfurt Ernst vom Tatvorwurf des versuchten Mordes an Ahmed I. frei.

Oberstaatsanwalt sieht keine Fehler der Behörden

Ahmed I. sagte, er verstehe diesen Freispruch nicht: „Es ist nicht überzeugend zu sagen, die Beweise reichen nicht aus.“

Diesen Punkt betonte auch Dieter Killmer, Oberstaatsanwalt beim Generalbundesanwalt, der im Lübcke-Prozess die Anklage vertreten hatte und im Ausschuss vor Ahmed I. als Zeuge vernommen wurde. Er sei überzeugt, dass Stephan Ernst den Iraker angegriffen habe, und habe deshalb Revision gegen das Urteil eingelegt, sagte Killmer. „Ich wünschte mir, wir könnten das aufklären, und ich hoffe, wir schaffen das auch noch.“ Die in dem Fall ermittelnde Polizei nahm Killmer jedoch in Schutz. Allein aufgrund von Ernsts Vorstrafen und Gesinnung habe es 2016 keine Möglichkeit gegeben, dessen Haus zu durchsuchen.

Hessen: Eine „Radikalisierung im Privaten“

Auch in Bezug auf Stephan Ernst und dessen Weggefährten Markus H. sah Killmer keine schweren Versäumnisse der Sicherheitsbehörden. Beide seien als Mitglieder der rechten Szene bekannt, in den Jahren vor dem Lübcke-Mord aber wenig aktiv gewesen. Ihre Radikalisierung ab Herbst 2015 sei eine „Radikalisierung im Privaten“ und nicht von außen erkennbar gewesen, formulierte Killmer. Zur Frage, ob der Mord an Walter Lübcke durch Behörden hätte verhindert werden können, sagte er: „Aus meiner Sicht ein klares Nein.“

Auch der Leiter der 2016 gebildeten Soko betonte als dritter Zeuge, man habe 2016 alles Menschenmögliche unternommen, um den Angriff aufzuklären.

(Hanning Voigts)

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