Corey Robin

Angst dient als Politikersatz

Politik-Professor Corey Robin spricht im Interview über das Gefühl, das andere Werte dominiert.

In Teilen Deutschlands ist gerade Wahlkampf. Dieser wird beherrscht von einer Debatte über die Kriminalität jugendlicher Migranten. Viele Beobachter meinen, diese Debatte spiele mit den Ängsten der Bevölkerung. Ihr Buch "Fear" legt nahe, dass die politische Instrumentalisierung von Angst, die seit dem 11. September 2001 stark zugenommen hat, einer bestimmten Angstkultur entspringt. Worin besteht diese?

Drei Aspekte kennzeichnen diese Angstkultur. Erstens benutzen Politiker Angst als Negativfundierung für Politik immer dann, wenn es ihnen an positiven Gesellschaftsvisionen und -programmen mangelt - ich denke etwa an ein klares Bekenntnis zu Gleichheit und Umverteilung. Angst stellt Politikern eine Ersatzsprache für Politik bereit, eine Sprache, in der sie nicht sagen müssen, wofür sie eintreten, und warum sie für etwas sind, sondern nur noch wogegen sie sind.

Zweitens erlaubt es diese Kultur, das Angstobjekt, also das, wovor man Angst hat, außerhalb des Politischen zu verorten. Kriminelle, Einwanderer oder Terroristen werden so zu Personen, deren Herkunft und Handeln jenseits der politischen Sphäre liegt. Da heißt es dann, sie seien böse und fremd und ihre Motive (Verdorbenheit, religiöser Eifer) unterschieden sich grundlegend von unseren (Macht, Interessen, Geld).

Sobald nun - das ist der dritte Aspekt - eine Gesellschaft durch die negative Angst vor einem entpolitisierten Objekt zusammengehalten wird, muss sie bereit sein, der Regierung zum Schutz vor diesem Angstobjekt ein hohes Maß an Macht- und Gewaltausübung einzuräumen. Die gegenwärtige Angstkultur wird also bestimmt durch eine Kombination aus der Negativverankerung von Politik in Angst, der Entpolitisierung des Angstobjektes und großen Machtzugeständnissen an die Exekutive im Namen unserer Sicherheit und unseres Schutzes.

Wo liegen die geistesgeschichtlichen Wurzeln dieser Angstkultur?

Sie ist ein Phänomen der Moderne und kommt im 17. Jahrhundert auf. Ihr Vordenker war Thomas Hobbes. Hobbes schrieb in einer Zeit, die unserer Zeit in mancher Hinsicht sehr ähnlich war: die Meinungen über Moral klafften weit auseinander, die Bedeutung von Schlüsselkategorien wie gut und böse, gerecht und ungerecht war Gegenstand heftigster Auseinandersetzung.

Hobbes kam zu dem Schluss, dass sich die Menschen nicht auf eine gemeinsame Moral verständigen müssten. Wollten sie ihren unterschiedlichen Moralvorstellungen weiter nachgehen, so müssten sie sich nur auf den Erhalt des Lebens aller als höchstes Gut einigen. Das größte Übel sei der Tod, denn wer tot sei, könne seine Moralvorstellungen nicht mehr verwirklichen.

So wurde die Angst vor dem Tod zum alles beherrschenden Schlagwort - nicht, weil die Leute alle tatsächlich von Todesangst ergriffen worden wären, sondern weil die Angst vor dem Tod die Idee oder Emotion darstellte, auf die sich alle verständigen konnten. Sobald dieser Konsens erreicht war, würden die Menschen laut Hobbes auch nahezu alle Macht und Rechte dem Staat überantworten, denn ein allmächtiger, repressiver Staat stelle den besten Mechanismus dar, um den gewaltsamen Tod durch ihre Mitmenschen zu verhindern.

Wie könnte eine Angstkultur aussehen, in der Angst nicht entpolitisiert ist?

In einer solchen Kultur würde Angst nicht den politischen Diskurs beherrschen. Die Menschen könnten die Furcht zwar nicht ganz überwinden - das scheint mir unmöglich -, aber Angst würde ihren Status als dominierende, einende Sprache des öffentlichen Lebens verlieren. Andere Werte - Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit - würden dominieren.

Außerdem würden die Dinge, vor denen Menschen Angst haben, diese Werte widerspiegeln und bestärken. Während des New Deal in Amerika fürchteten sich die Menschen vor wirtschaftlicher Unsicherheit, weil Gleichheit und Gerechtigkeit als fundamentale Werte angesehen wurden. In den 1960er Jahren fürchteten sie sich vor rassistischer Gewalt, weil diese Gewalt die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit bedrohte.

Wie Ihre Frage andeutet, würde man schließlich die Ursachen der Angstobjekte - egal ob rassistische Gewalt, wirtschaftliche Ungleichheit, Arbeitslosigkeit oder gar Kriminalität - in der Politik suchen Man würde verstehen, dass Menschen arbeitslos oder zu Rassisten nicht wegen ihrer Boshaftigkeit oder Unzulänglichkeit werden, sondern wegen struktureller Eigenschaften des politischen Systems: der Geschichte der Sklaverei, der Verankerung rassischer Kategorien im Gesetz usw.

Interview: Jan Plamper

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