Mordfall Lübcke

Angeklagter im Mordfall Lücke übte sich in Camouflage und Konspiration

  • vonJoachim F. Tornau
    schließen

Markus H. gilt als Waffenfetischist mit tiefbrauner Gesinnung

Er gefiel sich in der Rolle als Mentor, als Stratege. Als im internen Onlineforum, das die Neonazi-Kameradschaft „Freier Widerstand Kassel“ in den Nullerjahren betrieb, jemand den Holocaust leugnete, griff Markus H. unter Verweis auf die Strafbarkeit mahnend ein: „Lasst das Thema einfach ruhen“, schrieb er. „Meinung dazu sollte allgemein bekannt sein!“

Immer wieder forderte er mehr Umsicht, nicht nur in der Wortwahl, sondern auch bei Aktionen gegen Gegner. Im Suff Schlägereien vom Zaun zu brechen, erklärte er, sei sinnlos und sorge nur für negative Schlagzeilen: „Wenn wir Anti Antifa Arbeit betreiben, dann soll diese effektiv sein.“ Der heute 44-Jährige, angeklagt wegen Beihilfe zum Mord an Walter Lübcke, ist wie Stephan Ernst schon seit Jugendtagen ein überzeugter Rechtsextremer. Zunächst aktiv in der militant-neonazistischen Kleinstpartei FAP – 1995 verboten – stieg er später zu einem der führenden Köpfe im Kasseler „Freien Widerstand“ auf. Doch anders als dem polizei- und gerichtsnotorischen Ernst gelang es ihm, nicht allzu sehr aufzufallen. Nur eine einzige Verurteilung ist bekannt, aus dem Jahr 2006, wegen Zeigens des Hitlergrußes in einer Kasseler Kneipe.

Polizeidokument bei markus h. gefunden

Im Mordfall Lübckehaben Ermittler bei dem mitangeklagten Markus H. ein vertrauliches Polizeidokument zum Thema Terrorfahndung gefunden. Dabei handelt es sich um ein abfotografiertes Papier der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung, das als „Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch“ eingestuft war, wie der „Spiegel“ am Freitag berichtete.

Nach den Informationen, die auch der dpa vorliegen, war die Datei auf dem Mobiltelefon von H. gespeichert.

Laut „Spiegel“ging es in der Schulungsunterlage für Polizisten um Fahndungen in Fällen „terroristischer Gewaltkriminalität von bundesweiter Bedeutung“. Wie das interne Dokument auf das Handy des Rechtsextremisten gelangte, sei noch unklar.

Der FDP-Innenpolitiker Benjamin Strasserforderte Aufklärung. „Eine mögliche Verbindung von Sicherheitsbehörden in rechtsterroristische Kreise darf nicht im Raum stehen bleiben“, teilte er mit. dpa

Dabei war Markus H. seinem Freund in der tiefbraunen Gesinnung mindestens ebenbürtig. Gegen die selbst geforderte strategische Zurückhaltung verstoßend, träumte er im Kameradschaftsforum von einer zweiten „Reichskristallnacht“, schimpfte über die angeblich „jüdische“ Justiz, zitierte Adolf Hitler. Und als sich eine linke Gruppierung dafür aussprach, auch Menschen ohne deutschen Pass die kommunalen Bürgerrechte zu gewähren, kommentierte er wütend, da helfe nur eines – gefolgt von einem Emoji am Galgen. Markus H. meinte es ernst.

In einem überregionalen Neonaziforum, das 2005 gehackt wurde, tauschte er sich aus über Waffen, Sprengstoff und die besten Anleitungen für den bewaffneten Kampf. Jenseits des kleinen Kreises Gleichgesinnter jedoch pflegte er Camouflage und Konspiration. „Werwolf muss man sein!“, erklärte er einem Forumsbeitrag. „Nach außen unscheinbar, aber in Wirklichkeit schlagkräftig bis zum gehtnichtmehr.“ Die Sicherheitsbehörden ließen sich davon übertölpeln.

Sie sahen tatenlos zu, als Markus H. in aller Offenheit begann, über den Internetmarktplatz „eGun“ mit Waffen und Zubehör zu handeln. Nicht weniger als 480 Geschäfte wickelte er ab, das letzte erst kurz vor dem Mord an Walter Lübcke. Niemand wurde auch nur stutzig, als sich der Neonazi nach dem NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel 2006 auffällig für die Ermittlungen interessierte.

Und sogar eine Waffenbesitzkarte konnte sich der bekennende „Waffenfetischist“ 2015 erstreiten. Die hessischen Verfassungsschützer hatten nicht mehr genug gegen Markus H. in der Hand. Gegen einen Mann, den sie in seinen jungen Jahren noch für so bedeutsam gehalten hatten, dass sie ihn laut einem NDR-Bericht als Spitzel anzuwerben versuchten. Allerdings vergeblich.

Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke jährt am 02.06.2020 sich zum ersten Mal. Während das Gedenken in Corona-Zeiten bescheiden ausfällt, wird der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter mit großer Spannung erwartet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare