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Americana vom Alpenrand

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Coming Soon.
Coming Soon. © Fred Mortagne

Die siebenköpfige Band Coming Soon aus Annecy steigt tief in die Folk- und Gospel-Geschichte ein.

Von Ulrike Rechel

Ein paar Wochen bloß ist es her, da musste einer von Berlins hippsten Party-Orte für immer die Pforten schließen: die Bar25 an den Ufern der Spree. Ein illustres Clubgelände mit Schaukeln im Geäst alter Bäume und einer kleinen Zirkusarena als Konzert-Bühne, die immer gut war für musikalische Begegnungen der schrulligeren Art.

Einen besseren Ort als unter dem bunten Zelt am Fluss hätten Coming Soon kaum finden können, als sie kürzlich eines ihrer ersten Konzerte in Deutschland spielten – und die illustre Bar ihrerseits keine passendere Band für ihren Abgesang.

Zu siebt tritt der teils verschwisterte Indiefolktrupp aus Annecy an, dem französischen Ort am Alpenrand, der im Wortschatz der Band aber auf den Fantasienamen „Kidderminster“ hört. Ihr eigener Name entsprang übrigens einer Verlegenheit. Als ein Veranstalter sie in einer Auftrittsanfrage per Fax danach fragte, antwortete die Band: „band name is coming soon“.

Jeder der Sieben beteiligt sich im Ringelreihen wechselnd als Songschreiber und Sänger – was dazu führt, dass sich mit der jeweiligen Frontperson auch das Klang- und Stimmungsbild der Formation verändert.

Wunderbare Kontrastfiguren geben dabei Band-Küken Leo Bear Creek ab sowie der Älteste des Trupps namens Howard Hughes: Namensvetter also des berühmten Flieger-Pioniers, dem Leonardo DiCaprio in „The Aviator“ sein Gesicht lieh. Doch auch der Geistesverwandte aus Frankreich füllt seinen leinwandgroßen Namen würdig aus: mit leidenschaftlich bebendem Cowboy-Timbre nach der rauen Spielart der Violent Femmes.

Schulbus-Inferno im Stil einer Marching-Band

Bei Coming Soon ist der Schlaks, der auf der Bühne gern einen Stetson trägt, für die bluesgefärbten Stücke im Sortiment zuständig, etwa dem von knarzenden E-Gitarren angepeitschten Garage-Blues „Walking“, Aufmacher des zweiten und jüngsten Albums „Ghost Train Tragedy“.

Legt dagegen Bandgefährte Leo Bear Creek die Drumsticks aus der Hand und rückt vor an die Rampe, dann erinnert der knuffige Teenboy mit seiner Windstoßfrisur an den heimlichen Dritten im Bunde der Moldy Peaches, New Yorks Antifolk-Begründern.

Ein paar Songs im Repertoire stammen aus der Gründungszeit der Band – zarte 15 war Leo da. Zwei Jahre später strahlen seine Songs immer noch die freche Naivität aus, die 2008 auch die Macher des Slacker-Kinofilms „Juno“ betörte. Sein drolliger „Vampire Song“ landete auf dem erfolgreichen Soundtrack des Films von Regisseur Jason Reitman, Seite an Seite mit Stücken der Vorbilder Kimya Dawson und der Moldy Peaches.

Auf „Ghost Train Tragedy“ tiriliert der 16-Jährige das schnodderige Sing-along „School Trip Bus Crash“: ein Lied, in dem er sich ein blutiges Schulbus-Inferno ausmalt, aus dem nur er und sein Mädchen lebendig herauskommen. Vielkehlig stimmt die Band in die romantisch-schwarze Story ein und klingt wie die Schulhof-Version einer Marching Band

Der Exkurs der Franzosen ins musikalische Herzland Amerikas führt live schon mal bis hin zum A-Cappella-Gospel. Dann zeigt sich der hagere Monsieur Hughes von seiner sonoren Seite nach Art eines Nick Cave. Der imaginäre Ort Kidderminster könnte dann ein Kaff in einem jener staubigen Roadmovies sein, für die Cave seine düsteren Soundtracks schreibt.

Coming Soon, 29.10. 21 Uhr, Hafen 2, Offenbach, Hafen 2a

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