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Stand up-Comedian Oschmann (Archivbild).

Ingo Oschmann

Warmes Herz in kalten Zeiten

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Eigentlich will der Komiker Ingo Oschmann auf der Bühne ohne Politik auskommen. Doch sein Programm in Aschaffenburg beginnt er mit Angela Merkel und einem Witz über US-Präsident Donald Trump.

Der 48-jährige Ingo Oschmann bezeichnet sich als Stand up-Comedian und ausdrücklich nicht als Kabarettist. Schließlich ist er in den vergangenen Jahren auch eher durch seine Komik, präsentiert vor allem in den kommerziellen Sendern, bekannt geworden. Doch was er seinem Publikum im Aschaffenburger Hofgarten am Sonntag bot, war ein leiser Humor ohne Haudrauf, ein durchaus kritischer Unterton, wenn auch nicht an Politik und Wirtschaft direkt gerichtet.

Der Bielefelder erinnert in seinem freundliche Nachfragen ohne erhobenen Zeigefinger ein wenig an den niederrheinischen Altmeister Hanns-Dieter Hüsch, statt an Polit-Polterer wie sein Fastlandsmann Wilfried Schmickler. Dabei sind diese Nachfragen durchaus von Bedeutung, bringen ihn etwa zu dem Satz des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, der beklagte, dass die Gesellschaft mittlerweile von allem den Preis kenne, aber von nichts mehr den Wert.

Unerforschte Welten

Da besitzen Kinder so viel Spielzeug, dass sie nicht mehr wissen womit sie anfangen sollen. Da wird der Geburtstag zur Daddelveranstaltung, bei der sich die Teilnehmer kaum noch wahrnehmen. Und wenn dann die Erwachsenen nach draußen, etwa zum Toben im Wald einladen, gerät ein solches Experiment, falls sich die Kleinen überhaupt darauf einlassen zu einer Art Raumfahrt in bis dahin unerforschte Welten.

Das bekennende „Kind der 80er“ sagt nicht, dass früher alles besser war. Aber er rät zur Selbstbescheidung. „Denn wenn man alles, was man haben will, gleich von Amazon geliefert bekommt, dann hat es auch keinen Wert. Wenn man sich für etwas anstrengen muss, dann jedoch umso mehr.“ Plastisch macht das Oschmann am Beispiel der ersten gekauften Schallplatte, von der jeder noch heute den Titel kennt. Wer aber erinnere sich an seinen ersten Download? Bestimmt aber an eine noch selbst vom Radio aufgenommene und zusammengefriemelte Musikkassette, zumal wenn sie als Geschenk an die erste Liebe bestimmt war.

Der Reiz des Unperfekten

In Zeiten der Digitalisierung sei kaum noch etwas greifbar, bedauert der Vater einer Fünfjährigen. Alles Bestreben sei auf Perfektion ausgerichtet, wo doch gerade das Unperfekte seinen eigenen Reiz besitze. Und redet dann noch dem Erwerben sozialer Kompetenz das Wort. So spricht eigentlich kein Comedian.

Da spricht der analysierende Kabarettist, als er die neue Jugendkrankheit ADHS ins Visier nimmt. Früher habe man so jemanden einen Zappelphilipp genannt und lakonisch konstatiert: „Das wächst sich raus.“ Inzwischen aber gebe es eine richtige ADHS-Industrie mit Präparaten und Therapien, wo „die Kinder mit harten Medikamenten abgeschossen werden“. Da sei es symptomatisch, dass der vorgebliche ADHS-Entdecker kurz vor seinem Tod in einem Interview zugegeben habe, dass er die Krankheit quasi erfand, um einem Pharmakonzern neue Märkte zu erschließen...

Gelegentlicher Hang zu Kalauern

Vom Standup ist Oschmann da Lichtjahre entfernt. Was ihm unterschwellig auch selbst klargeworden ist, wenn er bekennt, dass er sein Engagement bei den Quatschsendern reduziert hat, weil er nicht seine Seele verkaufen wollte. Immer aber ist der „Kleinkünstler“
mit einer Größe von 1,71 Metern ein freundlicher, ein humorvoller, warmer Mensch mit gelegentlichem Hang zum Kalauern („Einen grauenhaften Pyjama oder T-Shirt kann ich ausziehen, aber kein Elchgeweih.“), der die Herzen in kalten Zeiten erwärmen will. Der sein Publikum überrascht.

Und wenn Worte nicht reichen, dann bindet er die Zuhörer ins Geschehen ein oder gibt einen seiner erstaunlichen Zaubertricks zum Besten. Oder noch erstaunlichere Realiät wie das Zusammenbauen eines magischen Quadrats, das bereits vor 3000 Jahren in China erfunden wurde, aber noch heute Verwunderung hervorruft. Wie? Oschmann zeigt es.

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