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Am Tag nach der Amokfahrt in Berlin steht Bad Arolsen unter Schock

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Von: Armin Haß

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Marko Lambion (M.), Bürgermeister von Bad Arolsen, mit Kultusminister Alexander Lorz (l.) und Ministerpräsident Boris Rhein (r.). Pförtner/dpa
Marko Lambion (M.), Bürgermeister von Bad Arolsen, mit Kultusminister Alexander Lorz (l.) und Ministerpräsident Boris Rhein (r.). Pförtner/dpa © dpa

Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein und Kultusminister Alexander Lorz (beide CDU) sprechen beim Schulbesuch ihr Mitgefühl aus. „Wir haben schwere Herzen“, sagt Rhein.

Vor der Kaulbach-Schule in Bad Arolsen ist es am Donnerstagmorgen sehr ruhig. Einen Tag nach der Autoattacke in Berlin auf eine Gruppe von Schüler:innen und Lehrer:innen der Schule, deren Abschlussfahrt in die Hauptstadt ein so schlimmes Ende nahm, findet der Unterricht wie gewohnt statt. Ein ganz normaler Tag ist es dennoch nicht. Vor dem gelb-weißen Gebäude der Real- und Hauptschule im Ortskern der nordhessischen Kommune stehen ein paar Kerzen und liegen Blumen im Gedenken an die getötete Lehrerin und die Verletzten. Außerdem sind Polizisten auf dem Schulgelände.

Die Schüler:innen und ihre Lehrkräfte aus der 16 000 Einwohner zählenden Kleinstadt waren am Mittwochvormittag in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche zu Fuß unterwegs, als das Auto in die Gruppe fuhr. Eine Lehrerin starb, ihr Kollege wurde schwer verletzt. Auch Schülerinnen und Schüler wurden verletzt.

Der Autofahrer – ein 29 Jahre alter, in Berlin lebender Deutsch-Armenier – wurde gefasst. In der Vergangenheit hatte die Polizei gegen ihn wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und Beleidigung ermittelt. Er soll psychische Probleme gehabt haben. Nun die Amokfahrt in der Tauentzienstraße, einer beliebten Flaniermeile in der Nähe des Kurfürstendamms, bei der er insgesamt 30 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Und eine Lehrerin tötet.

Am nächsten Morgen strömen die Schüler der Kaulbach-Schule meist still und beinahe andächtig in die Schule. „Es ist wichtig, dass die Schulgemeinde zur Ruhe kommt und das Geschehene verarbeitet“, sagt die Sprecherin des Schulträgers, des Landkreises Waldeck-Frankenberg, Ann-Kathrin Heimbuchner. Daher sei zunächst auch keine Stellungnahme der Schule geplant. Deren Internetseite ist offline.

„Es ist traurig“, sagt eine erschütterte Passantin. Sie ist eine der wenigen in Bad Arolsen, die sich an diesem Morgen überhaupt äußern wollen. Die meisten winken schon aus der Ferne ab. Die Tat bringe die Erinnerungen an die Amokfahrt in Volkmarsen zurück, berichtet die Frau. Im Jahr 2020 war ein Mann vorsätzlich mit seinem Auto in den Rosenmontagszug der nur knapp zehn Kilometer entfernten Kleinstadt gefahren und hatte mehr als 80 Menschen teils schwer verletzt, darunter zahlreiche Kinder. „Dort haben wir damals Leute gekannt. Vielleicht kennen wir hier auch welche“, sagt ihr Mann. Die Taten machten ihnen Angst, sagen beide. „Besonders jetzt, wo die Feste wieder anfangen.“ Sie habe Sorge, dass solche Taten in Zukunft häufiger vorkommen, meint die Frau. „Man hat so ein Gefühl.“

Am späteren Vormittag treffen in Bad Arolsen der hessische Ministerpräsident Boris Rhein und Kultusminister Alexander Lorz (beide CDU) in schwarzen Limousinen an der Schule ein. „Es ist für uns ein ganz schwerer Tag, und wir haben ganz schwere Herzen“, sagt Rhein. Er sei fassungslos. „Unser Mitgefühl ist bei allen Beteiligten, die diese Bilder nie aus dem Kopf bekommen werden“, sagt Lorz.

Nun würden alle psychologischen, seelsorgerischen, juristischen und finanziellen Hilfen gewährt, unterstreicht Rhein und verweist auf den Opferfonds des Landes Hessen. Der Ministerpräsident, der sich auch mit der Berliner Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) über den Anschlag ausgetauscht hat, dankt den Rettungskräften und Polizeibeamt:innen, aber auch der Schulleitung und dem Kollegium für die souveräne und besonnene Art, mit der sie der Schulgemeinde den nötigen Halt gäben. Aktuell seien acht Psychologen vor Ort, sagt Lorz. „Wir brauchen auf lange Zeit Betreuung und Versorgung und machen alles dafür möglich.“

Die getötete Lehrerin war als erfahrene und beliebte Lehrkraft bekannt. Die in Wolfshagen lebende 51-Jährige sei „ein ganz wichtiger Anker der Schulgemeinde“ gewesen, ganz Bad Arolsen sei schwer getroffen, berichten Landrat Jürgen van der Horst und Bürgermeister Marko Lambion (beide parteilos). Die Betroffenheit und Trauer in einer so kleinen Stadt, in der jeder jeden kenne, seien groß, Mitgefühl und Solidarität ebenfalls, sagte der Bürgermeister.

Sieben Schüler:innen und der Lehrer werden in mehreren Berliner Kliniken behandelt. Die anderen 17 wurden in der Nacht mit einem kurzfristig organisierten Bus nach Hause gebracht oder von ihren Eltern abgeholt. Seelsorger:innen, Psycholog:innen und Pädagog:innen stehen bereit, um sie zu betreuen, um ihnen zu helfen, irgendwie mit den Eindrücken fertigzuwerden.

Am Mittwochabend fand in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ein Gedenkgottesdienst für die Opfer der Amokfahrt statt. Unter den Gästen waren Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne), Franziska Giffey und Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) sowie Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei. Viele Bürger drückten ihre Anteilnahme aus.

Die Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Waldeck, Esther Dilcher (SPD) und Armin Schwarz (CDU), zeigten sich in einer Mitteilung fassungslos über das fürchterliche Ende der Klassenfahrt. „Unser tiefstes Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen der verstorbenen Lehrerin, den Verletzten und ihren Familien sowie der gesamten Schulgemeinde. Den Verletzten wünschen wir schnelle und vollständige Genesung“, schrieben sie. Sie dankten den Einsatzkräften in Berlin, die durch ihr schnelles und engagiertes Handeln wahrscheinlich Leben gerettet hätten, sowie dem Krisenstab. Die Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks Waldeck-Frankenberg, Daniela Sommer und Cord Wilke, sagten: „Lehrer sind geprägt von Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität und geben diese Werte an ihre Schüler weiter. Dass nun eine Lehrerin auf so brutale Art und Weise vor den Augen ihrer Schüler getötet wurde, macht uns fassungslos.“ mit dpa

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