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Ein Krokodil treibt sein Unwesen in der Siedlung Niedwiesenstraße am Niddaufer.

Zufallstreffer in Eschersheim

Wasser und Krokodile

Die FR wirft einen Dartspfeil auf den Stadtplan und schaut nach, wer und was da so in echt passiert. Diesmal trifft es Eschersheim, bereits zum zweiten Mal. Wirklich viel los ist in den Niddawiesen auf den ersten Blick nicht. Wir sind trotzdem hingefahren und haben Auskunftsfreudige, Wasser und ein Krokodil gefunden.

Von Grete Götze

Die FR wirft einen Dartspfeil auf den Stadtplan und schaut nach, wer und was da so in echt passiert. Diesmal trifft es Eschersheim, bereits zum zweiten Mal. Wirklich viel los ist in den Niddawiesen auf den ersten Blick nicht. Wir sind trotzdem hingefahren und haben Auskunftsfreudige, Wasser und ein Krokodil gefunden.

Oh, du hast den Pfeil an die Nidda geworfen, das ist doch schön. Wobei, eigentlich ist da … äh, nichts“, kommentiert der Kollege den morgendlichen Wurf des Dartpfeils auf den Stadtplan – und die nackte Angst der Frankfurterin vor der eigenen Stadt macht sich breit. „Grau, an einigen Stellen neblig-trüb, es kann nass werden“, lautet die Wettervorhersage. Also Eschersheim. Eine prima Tagesaufgabe.

Auf dem Weg zu den Dauerkleingärten passiert das Auto die Diskothek Batschkapp, wo vor Tagen alteingesessene Frankfurter ihren Weihnachtskummer heruntergespült haben. In der nächsten Kurve liegen zu Brei gewordene Reste von Silvesterraketen, im Radio werden Raucherentwöhnungs-Tipps gegeben. „Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht“, vermeldet das Navigationsgerät. Willkommen in der Niedwiesenstraße. Wohnhäuser reihen sich aneinander, nur wenige Menschen sind unterwegs.

Die innere Sorge, wen man wohl an einem Werktagmorgen hier antreffen kann, wird lauter. Doch um 11.13 Uhr biegt Achim Lotz um die Ecke. Der 48-jährige Biologe hat noch Urlaub, die Arbeit im Wiesbadener Landtag ruht. Die Mieten? Seien umso teurer, je näher die Wohnung an der Nidda läge. Doch seit acht Jahren habe es seitens der Wohnheim GmbH (der Tochtergesellschaft der städtischen ABG Frankfurt-Holding), keine Mieterhöhung gegeben.

Früher ein sozialer Brennpunkt

Tatsächlich, so lässt sich später nachlesen, verkauft die Gesellschaft bis heute keine Wohnungen, um mitzubestimmen, dass auch weniger Betuchte in die Siedlung einziehen. „Das war mal ein sozialer Brennpunkt“, erzählt der Umweltreferent der Linken. „Die Taxifahrer haben an der Einfahrt in die Straße gesagt: ,Ab hier läufst du.‘“ Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Stadt beschlossen, das Viertel mit den Barackenlagern aufzuwerten. Häuser wurden abgerissen, neue gebaut. Die letzten Altbauten kamen 1999 weg.

Heute stehen schräg gegenüber, Hausnummer 41 bis 51, drei Neubauten mit 64 Passivwohnungen. Die große Eröffnung war im vergangenen Jahr, die ersten Mieter ziehen jetzt im Februar ein. Das Manko sei die angrenzende Main-Weser-Bahn. Zwar gebe man vor, so den Nahverkehr zu beschleunigen, aber eigentlich gehe es um den Güterverkehr. Dort aber, wo Lotz und seine Frau wohnen, höre man das Rumpeln nicht so laut. Wenn sie abends auf die Platane blickten, sei das ein Vergnügen. Dass die Stadt aus versicherungstechnischen Gründen Bäume fälle, das ärgere ihn.

„Lauft noch mal in Richtung Fluss, vielleicht bekommt ihr eine Biberratte zu Gesicht“, meint der Passant. Geraten, getan. Hinter dem Haus liegen verwaiste Spielplätze, Maulwurfhügel und ein matschiger Pfad. Also geht es wieder zurück in Richtung Straße. Dort läuft gerade Elhassane Benhlima mit seiner Frau Bouchra und seinen Töchtern nach Hause.

Von Oujda nach Aachen

Die siebenjährige Yasmina trägt einen Zahnspiegel in der Hand und erzählt stolz, dass sie bald eine Zahnspange bekomme. Ihre Mutter hat offensichtlich gerade Zahnschmerzen, sie überlässt das Reden ihrem Mann. Der Marokkaner erzählt, er sei in den siebziger Jahren mit dem Bus im ostmarokkanischen Oujda losgefahren und zwei Tage später in Aachen angekommen. In der Nähe habe er dann im Bergwerk unter Tage gearbeitet, doch länger als ein Jahr sei das nicht gegangen. Heute ist Benhlima Rentner. Politik interessiere ihn nicht, er habe genug mit seiner Familie zu tun. Und die müsse jetzt mal weiter, sagt Benhlima. Tschüs, alles Gute. Da flitzt schon ein Jack-Russell-Terrier dem Reporterteam entgegen, begleitet von Andrea und ihrem Ehemann Hans. „Man muss das Leben nehmen, wie es kommt, sonst nimmt es einen mit“, stellt Andrea fest. Ihr Mann habe Alzheimer und Parkinson, stehe durch seinen gestörten Tages- und Nachrhythmus häufig um zwei Uhr nachts auf. „Aber hier kommen keine schiefen Blicke, wir haben nette Nachbarn.“ Hans möchte dann lieber weiterlaufen.

Die Nidda fließt trüb, am Ufer recken Gänse ihre Hälse. Die Füße werden kalt, der Rückweg steht an. „Kommen wir in die Zeitung, wenn wir mit Ihnen reden?“, fragt am Brückenübergang mit großen Augen der achtjährige Junis. Er ist mit dreien seiner Geschwister, seinem Vater Argham Mohktar und zwei Tennisschlägern auf dem Weg zum Sportplatz. Später möchte er Busfahrer werden, wie sein Vater. Der ist Rangierer bei der VGF, zieht Räder ab, prüft im Schichtdienst Licht und Ölstand der Fahrzeuge. „Vielen Dank“, beendet er das Gespräch.

Und dann, ganz am Anfang der Straße, fällt der Blick auf den Theaterkostüm-Verleih Jansen. Der feiert 2013 sein 100-Jähriges. Im ersten Stock steht Thomas Böhm und kleidet sich für eine 20er-Jahre-Mottoparty ein. Inhaberin Lydia Jansen führt durch das zweieinhalbtausend Quadratmeter große Gebäude. Knapp 100.000 Kostüme von der ersten menschlichen Bekleidung bis in die späten fünfziger Jahre lagern hier. Jansen verfertigt Kostüme in dritter Generation. Lydia Jansen würde sich freuen, wenn ihre Tochter den Betrieb übernähme. „Aber wir haben damit zu kämpfen, dass alles heute billig sein soll. Uns sind wenige Kunden, die Qualität schätzen, aber wichtiger.“ Bald beginne die Faschingszeit. Und übrigens auch die Mittagszeit. Die ungebetenen Gäste dürfen noch Fotos machen, dann ist der Spaß an der Niedwiesenstraße vorbei.

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