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Dö van Volxem in ihrer Wohnung in Frankfurt-Sachsenhausen.  

Interview

Altern in Hessen: „Es ist nicht gut, so lange alleine zu sein“

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Dö van Volxen (78) lebt als Single in Frankfurt, hält sich mit Sport fit und leidet unter der Rücksichtlosigkeit im VerkehrDö Van Volxem (78) lebt als Single in Frankfurt, hält sich mit Sport fit und moniert Rücksichtslosigkeit im Verkehr.

Großmütter sind anders als die Großmütter ihrer Kinder. Sie mögen Jeans, eine flotte Frisur. So wie Dö Van Volxem, die offiziell einen anderen Vornamen hat, den aber so gut wie keiner kennt. Seit ihrer Kindheit ist sie die Dö und ist es bis heute geblieben. 79 Jahre wird sie im nächsten Monat. Das sei alt, da gibt’s nichts zu beschönigen. Sie selbst fühlt sich natürlich nicht alt, sagt die zurückhaltende Frankfurterin und lächelt. Aber selbstverständlich ist das Leben ein anderes als vor 40 Jahren, als die beiden Töchter noch klein waren.

Damals herrschte immer Trubel um sie herum. So wie in ihrem Elternhaus – Van Volxem hat acht Geschwister. Die permanente Geräuschkulisse ist weg. Die Stille, die sie jetzt in ihren eigenen vier Wänden erlebt, ist etwas Neues, sagt sie. Und manchmal, gibt sie zu, auch bedrückend. Nämlich dann, wenn daraus das Gefühl der Einsamkeit entsteht. Etwa an den Wochenenden, wenn die Freunde etwas mit ihren Partnern unternehmen. Oder im Winter, wenn es früh dunkel wird, manchmal den ganzen Tag künstliches Licht brennen muss. „Es ist nicht gut, so lange alleine zu sein.“

Die Stimmen fehlen manchmal. Den Fernseher nutzt Van Volxem häufiger als früher. „Ich schalte ihn aber erst am Abend an.“ Oder das Telefon. Mit Anrufen bei den Kindern hält sich die zweifache Mutter allerdings zurück. „Ich will nicht aufdringlich sein.“ Miteinander empfindet sie als etwas Schönes, Wertvolles. Schade, dass die neue Technologie mit Whatsapp und E-Mails diese Kulturtechnik zu verdrängen droht. „Alle brauchen doch verbale Kommunikation.“ Sie selbst ist da selbstbewusst altmodisch. Mailen auf dem kleinen Tabletcomputer – das muss reichen. Und wenn es irgendwelche wichtigen Informationen in der Whatsapp-Gruppe gibt, erfährt sie das telefonisch.

Dö Van Volxem hat es nicht schlecht getroffen. Nach dem Tod des Lebensgefährten musste sie zwar dessen Wohnung verlassen – seine Kinder hatten Anspruch darauf erhoben. Doch sie konnte sich eine Eigentumswohnung mitten in Sachsenhausen leisten. In einem gepflegten Haus aus der Jahrhundertwende, drei helle Zimmer mit vielen Pflanzen und kleinem Balkon. Knapp 20 Jahre lebt die gebürtige Düsseldorferin jetzt hier, in der Nähe des Schweizer Platzes. Die Wohnung liegt im dritten Stock. Altersgerecht sieht anders aus. Dessen bewusst, hat sie sich eine mögliche Strategie für den Fall überlegt, dass sie gesundheitliche Probleme bekommt. „Dann stelle ich in jedes Stockwerk ein Höckerchen zum Ausruhen.“ Auch das sagt die zurückhaltende Frau mit einem Lächeln. Man weiß nie, was kommt. „Aber das verdrängt man.“

Die Kinder, 52 und 49 Jahre alt, plant sie jedenfalls nicht als mögliche Unterstützung ein. Sie sollen ihr eigenes Ding machen, sich nicht verpflichtet fühlen. „Nichts ist schlimmer als eine Erwartungshaltung“, sagt Van Volxem. Die ältere Tochter mit den beiden Söhnen wohnt ohnehin weit weg, in Hannover. Die 49-Jährige, selbst Mutter einer Tochter, lebt nicht ganz so weit entfernt, in Oberursel. Manchmal kommt die Kleine ein paar Stunden zur Oma, wenn die Eltern etwas vorhaben. „Übernachten will sie hier aber nicht.“ Dö Van Volxem hat ihren eigenen Kreis, außerhalb der Familie. „Ich bin viel mit alten Freunden unterwegs.“ Da ist die Clique, die im Sommer zweimal pro Woche zum Schwimmen ins Stadionbad radelt. Fünf Euro kostet der Eintritt. Das ist happig, Seniorenermäßigung gibt es nicht. Als Rentnerin muss man schon mehr auf Geld schauen: „Man will ja damit auskommen.“ Der Besitz der Eigentumswohnung ist ein Riesenvorteil: „Ich muss keine Miete zahlen, die werden ja hier in Frankfurt immer höher.“

Die Sachsenhäuserin lebt von der Witwenrente. Gelernt hat sie Modezeichnerin, doch wie die meisten Frauen ihrer Generation hat sie ihren Beruf zugunsten der Familie an den Nagel gehängt. „Ich habe jung geheiratet und Kinder bekommen.“ Diese in eine Krippe abzugeben, sei damals für sie unvorstellbar gewesen. Stattdessen gab es die selbst organisierte Müttergruppe – Kontakte, die teils bis heute bestehen. „Sicher war es finanziell ein bisschen knapp.“ Bereut, scheint es, hat sie diese Entscheidung nicht. „Aber ich habe mich nach der Schule nicht weiterentwickelt.“ Wobei das so mit Sicherheit nicht stimmt. Hausfrau, zweifache Mutter und Ehefrau eines anspruchsvollen Manns ist auch ein Job.

Was ändert sich im Alter? „Die Knochen tun manchmal weh.“ Die Hochsommerhitze ist schwer zu ertragen. „Man wird apathisch.“ Neue Hobbys gibt es zu entdecken: „Ich bin erst spät zum Lesen gekommen.“ Im Alter von 50 Jahren brachte sie eine Bekannte zur Germania, bis heute rudert sie in dem Verein in der „Oldiegruppe“ – und ist bei weitem nicht die älteste. Es gibt mehr Abschiede als in jungen Jahren. „Im Umfeld stirbt häufiger jemand.“ Sie lebt mehr im Jetzt, denn die Zeit ist endlich, keiner weiß, wie lange die Gesundheit noch mitmacht: „Man arbeitet nicht mehr auf die Zukunft hin.“

Sich fitzuhalten ist eine der Maxime, mit der die 78-Jährige die Folgen des Alterns hinauszögert. Sie fährt auch Fahrrad, allerdings nicht mehr mit so viel Freude wie früher. Der Radverkehr ist aggressiver geworden, sagt sie. Die Menschen seien rücksichtsloser. Und sie selbst auch nicht mehr so reaktionsschnell wie ein junger Hüpfer: „Im Alter ist man schreckhafter, man sieht nicht mehr so gut.“ Zu den von hinten anrauschenden Radlern gesellten sich jetzt auch noch die unberechenbaren E-Scooter: „Die kommen lautlos auf dem Bürgersteig angerast, junge Leute, zu zweit auf einem Roller.“

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