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Über 80 Prozent der Menschen, die die Suchtambulanz der Caritas um Hilfe bitten, sind Alkoholabhängige. (Symbolbild)

Interview

„Alkohol ändert Gefühle“

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Ralph Eisele arbeitet bei der Suchtambulanz der Caritas. Hauptsächlich kümmert er sich dort um Alkoholabhängige. Im Interview spricht er über Alkoholkonsum, Kontrollverlust und Hilfsangebote.

Herr Eisele, wir befinden uns mitten in der Fastenzeit. Kommen eher mehr oder weniger Leute in die Beratungsstelle als in den tollen Tagen des Karnevals?
Es ist immer gleichbleibend viel. Früher hatten wir im Sommer weniger, im Winter mehr Klienten. Mittlerweile ist die Nachfrage das ganze Jahr über groß.

Mit welchen Problemen kommen die Leute zu Ihnen?
Das Hauptproblem ist Alkohol –– über 80 Prozent sind Alkoholabhängige. Aber wir haben auch Glücksspiel- und Medikamentenabhängige. Auch illegale Drogen, vor allem politoxer Konsum spielen eine Rolle. Viele trinken Alkohol und konsumieren zusätzlich Cannabis oder andere Drogen.

Welche Hilfen können Sie anbieten?
Wir bieten Beratungsgespräche einmal die Woche an. In dieser Beratungsphase klären wir, ob überhaupt eine Abhängigkeit vorliegt. Wenn ja, empfehlen wir eine Behandlung. Entweder eine ambulante Therapie bei uns in der Fachambulanz oder wir vermitteln in eine stationäre oder teilstationäre Fachklinik.

Wie funktioniert eine ambulante Therapie? Kann man die während der Arbeit, quasi nebenbei, machen?
Ja, das ist die Idee, dass man die Therapie einbindet in den normalen Alltag. Unsere Besucher sind oftmals berufstätig, soziale Kontakte bestehen häufig noch.

Wie lange dauert so eine ambulante Behandlung?
In der Regel ein bis eineinhalb Jahre.

Wie wird die Abhängigkeit definiert?
Das wichtigste Kriterium ist das Kontrollvermögen. Das äußert sich darin, dass ich selbst bestimmen kann, wann ich mit dem Konsum beginne und wann ich aufhöre. Und – habe ich ein großes Verlangen dem Alkohol gegenüber oder ist es mir egal, ob ich heute Abend eine Fanta oder ein Bier trinke.

Warum trinken die Leute überhaupt Alkohol?
In unserer Gesellschaft hat Alkohol eine sehr hohe Akzeptanz. Alkohol darf man trinken, auch in großen Mengen.

Das erklärt aber noch nicht, warum so viele Leute Alkohol trinken.
Der nächste Schritt ist die Verbindung zu den eigenen Emotionen. Man kann mit Alkohol Gefühle verändern. Zum Beispiel funktioniert die Nähe-Distanz-Regulierung anders.

Macht Alkohol glücklich?
In der Anfangsphase hellt Alkohol die Stimmung auf, beruhigt, entspannt. Es wird einfacher Kontakte aufzubauen, aktiver zu werden. Das Problem ist, dass Alkohol von vielen gezielt eingesetzt wird, etwa bei depressiven Verstimmungen oder einer Antriebsschwäche. Im Laufe der Zeit wirkt Alkohol depressionsverstärkend.

Dieser Verlauf ist ja für fast alle Drogen typisch.
Der Alkohol hat den Vorteil, dass man ihn sehr genau dosieren kann. Da ist immer das Gleiche drin. Bei illegalen Drogen ist das oft anders.

Ab wann wird der Konsum gefährlich? Sollte jemand, der jeden Abend zwei Gläser Wein trinkt schon zu Ihnen kommen?
Die Menge allein ist es nicht. Das innere Verlangen bestimmt darüber, wie gefährlich es wird.
Wo ist die Grenze zwischen einem gesundheitsschädlichen Konsum und dem psychologischen Phänomen Sucht?
Wenn ich negative Erfahrungen mit Alkohol gemacht habe und trinke trotzdem weiter, dann beginne ich, die Kontrolle zu verlieren.

Woher kommt die Erkenntnis, dass ich vielleicht Hilfe brauche?
Auslöser können gesundheitliche Probleme sein oder dass das morgendliche Aufstehen immer schwerer fällt. Vielleicht gibt es Schwierigkeiten mit der Familie oder am Arbeitsplatz. Manche haben den Führerschein verloren oder eine Partnerschaft ist zerbrochen. Die meisten kommen zu spät.

Können Sie trotzdem helfen? Oder gibt es Verhaltensgewohnheiten oder Persönlichkeitsveränderungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können?
Beim Alkohol geht man davon aus, dass mindestens zehn Jahre lang zu viel konsumiert wurde, bevor die ersten ernsthaften Schwierigkeiten auftreten. Die Motivation, etwas zu verändern ist dann besonders hoch, wenn die Einsicht vorliegt, dass es so nicht weitergehen kann, aber die Schäden noch reparabel sind.

Gibt es Schäden, die nicht wieder rückgängig gemacht werden können, wenn man abstinent lebt?
Es gibt circa 60 Folgeerkrankungen durch den Alkohol, zum Beispiel Leberschäden, Polyneuropathien, also Taubheitsgefühle in den Füßen oder Händen, so dass eine Tasse nicht mehr richtig gehalten werden kann, oder sich ein unsicheres Gangbild entwickelt.

Und wie sieht die Therapie aus?
Man sucht nach Alternativen: Was macht mir eigentlich Spaß? Wie kann ich ohne Alkohol entspannen? Und man guckt nach den Ursachen, fragt, warum es so weit kommen konnte und was man in seinem Leben verändern kann, um nicht mehr trinken zu müssen.

Gibt es Zahlen, wie viele den Ausstieg aus der Alkoholabhängigkeit schaffen?
Bei uns, nach einer ambulanten Therapie sind 86 Prozent abstinent, der Bundesdurchschnitt liegt bei 72 Prozent.

Es werden ja auch Kurse für das sogenannte kontrollierte Trinken angeboten – für wen sind die geeignet?
Wir bieten diese Kurse zwei Zielgruppen an. Zum einen den Menschen, die noch nicht abhängig sind. Die legen zum Beispiel ein Trinktagebuch an. Es werde Ziele vereinbart: Statt einer Flasche Wein am Abend nur noch vier Gläser in der Woche, zum Beispiel.

Wie kommen diese Kurse an?
Diese Kurse, die auf zwei Monate angelegt sind, müssen die Leute leider selbst bezahlen. Sie kosten 330 Euro. Dadurch ist die Zahl der Teilnehmer relativ gering. Es wäre schön, könnten wir die Kurse gratis anbieten, für die, die sie sich sonst nicht leisten können.

Und die zweite Zielgruppe?
Es gibt Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, abstinent zu leben. Da versuchen wir etwa in der Wohnungslosenhilfe, dass sie den Konsum reduzieren, um sie vor einer Verwahrlosung zu bewahren.

Interview: Friederike Tinnappel

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