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Alfred Dorfer.

Alfred Dorfer

Körnerpickender Kabarettist

Vielleicht liegt es daran, dass Österreich eben doch ganz anders ist. Die Satire des Wieners Alfred Dorfer ist auch ganz anders als die der meisten deutschen Kollegen. Dabei aber nicht weniger vergnüglich.

Von Wolfgang Heininger

Die lauten Schenkelklopfer sind seine Sache nicht. Auch nicht das politische Tagesgeschäft, das der Kabarettgänger gerade in diesen Wochen erwartet. Schulz statt Gabriel, die täglichen Irrsinns-Volten des Donald Trump: ein gefundenes Fressen für jeden Satiriker. Doch davon kein Wort von Alfred Dorfer im Aschaffenburger Hofgarten.

Die aktuellen Themen hebt er sich auf für seine Gastauftritte in Rundfunk und Fernsehen. Dort beschreibt der Wiener auch vergnüglich die ewige Hassliebe zwischen seinen Landsleuten und den Deutschen: „Der Österreicher denkt, dass der Deutsche alles besser kann und weiß. Das trifft sich gut, denn der Deutsche denkt das auch.“

Der promovierte Theaterwissenschaftler und Schauspieler irrlichtert in seinen Ein-Mann-Stücken durch das Leben – auch sein eigenes. Pickt sich wie ein Freilandhuhn von den hingeworfenen Körnern das eine oder andere heraus. Scheinbar wahllos und unzusammenhängend. Die Gründe dafür, dass das eine aufgenommen, das andere verschmäht und das dritte wieder ausgespuckt wird, bleiben rätselhaft.

Telefonieren als Dadaismus

Wenn es überhaupt einen roten Faden gibt, dann ist es seine Beschäftigung mit der Menschen derzeit liebsten Beschäftigung: dem Handy. Damit tritt er demonstrativ auf, erklärt seinen Zuhörern, er sei „gleich bei ihnen“, um dann belanglose Gespräche am Smartphone zu führen, wie sie den gerade nicht telefonierenden oder chattenden Mitmenschen in beinahe allen Lebenslagen zuteil werden und ärgern. „Ich bin hier – wo bist du?“ Für Dorfer die neue Form des Dadaismus.

Der 55-Jährige versagt sich in seinem neuen Programm mit dem passenden Titel „und...“ dem Verharren, hupft von der griechischen Mythologie und Platons Höhlengleichnis zur französischen Revolution und der Politikphilosophie eines Jean-Jaques Rousseau, erzählt hier von Kindheit und Mutter, gibt da Anleitungen, kleinen Monstersprösslingen auch ohne autoritäre Erziehung beizukommen.

Immer wieder entspringen diesem Panoptikum zumindest bemerkenswerte, wenn nicht gar weise Aphorismen. Er nennt sich einen Bankangestellten: Schließlich macht er seine Überweisungen selbst, wie er auch die anderen Dinge erledigt, für die früher die Bediensteten der Geldinstitute zuständig waren. Er müsse nicht wegfahren, sagt Dorfer über sich: „Ich bin mir selbst fremd genug.“ Und weist darauf hin, dass Tattoos schon immer ein Zeichen von Sklaverei und Gefangenschaft gewesen seien – bis heute.

Vergiftete Sätze

Und noch so ein vergifteter Satz über die Verfechter von allzu viel direkter Demokratie: „Sokrates und Jesus kamen durch einen Volksentscheid ums Leben.“ Die naheliegenden Schlussfolgerungen zieht er indes nicht selbst. Die überlässt er dem Publikum.

Unstet wie seine Stücke verlief auch Dorfers Leben. Aus einer Lehrerdynastie stammend wollte er auf keinen Fall eine solche Laufbahn ergreifen und ist doch auf der Bühne irgendwie zum Pädagogen geworden. Das Studium brach er zunächst ab, um Mime zu werden. Dann beendete er es doch und lieferte schließlich mit 49 Jahren eine Doktorarbeit ab, die sich mit der Satire in Zeiten der Diktaturen des 20. Jahrhunderts beschäftigt.

Der Österreicher hält sich bei seinen Tourneen öfter in Deutschland auf als in seiner Heimat und sahnt hier seit Jahren Preise ab, wie den „Deutschen“ Kleinkunstpreis und zuletzt vor zwei Wochen den „Deutschen“ Kabarettpreis. Er ist politisch, will sich aber nicht mit seinen Zuhörern gegen einen Dritten, der nicht anwesend ist, verbünden. Also gibt es – zumindest in der gestrigen Vorpremiere – keinen Gabriel, keine Merkel und keinen Trump. Allenfalls eine Binsenweisheit für den Nachhauseweg: „Im Wald kann keine daneben brunsen.“

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