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Das Vorgehen von RWE bleibt hochumstritten.

Interview

Aktivist Ralf Peters aus Hessen: „Es ist nicht unser Atommüll“

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Der Aktivist Ralf Peters aus Hessen protestiert gegen Castor-Transporte nach Biblis. Er fürchtet: Aus dem Zwischenlager in Biblis könnte eine Dauereinrichtung werden.

Atommüll soll in den nächsten Wochen aus dem britischen Sellafield ins hessische Zwischenlager Biblis gebracht werden. Ralf Peters und seine Mitstreiter von „Castor stoppen“ wollen gegen den Transport demonstrieren.

Herr Peters, die Antiatombewegung hat ihren zentralen Erfolg geschafft, den Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland. Gibt es die Bewegung trotzdem noch?

Ja, natürlich gibt es die noch. Wir haben den Ausstieg noch nicht geschafft, denn noch laufen in Deutschland sechs Reaktoren. Außerdem gehen gerade Diskussionen los, diese Reaktoren noch weiterlaufen zu lassen. Außerdem werden in Gronau Brennelemente produziert. Dafür gibt es überhaupt keine Befristung. Unsere Forderung war immer der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie. Der ist noch nicht erfüllt.

Wie gut können Sie mit dem Thema Atomtransporte mobilisieren?

Wir hoffen natürlich, an die Mobilisierungserfolge bei den Castortransporten nach Gorleben anknüpfen zu können. Es wird sinnlos Atommüll durch die Gegend geschippert. Es geht ja nicht nur gegen den Castortransport an sich, der alleine schon eine Gefahr darstellt. Der Atommüll wird nach Biblis gebracht. Er wird dort sicherlich länger bleiben als das Zwischenlager genehmigt ist. Wir hoffen, über den Castortransport hinaus Druck zu machen in Richtung „kein Weiterbetrieb von Atomanlagen“. Es geht um eine möglichst unschädliche Aufbewahrung des Atommülls für die nächsten Jahrhunderte.

Atommüll: Energiekonzerne haben sich von ihren Verpflichtungen freigekauft

Deutschland hat Atommüll produziert und ist verpflichtet, ihn aus dem Ausland wieder zurückzunehmen. Kann man das als Atomkraftgegner verweigern?

Es ist ja nicht so, dass die deutsche Bevölkerung den Atommüll produziert hätte. Es waren Energiekonzerne, die damit einen Haufen Geld verdient haben. Sie haben sich jetzt von ihren Verpflichtungen freigekauft. Es ist nicht unser Atommüll, sondern der Atommüll beispielsweise von RWE, die sich darum jetzt aber nicht mehr kümmern müssen, weil die Politik ihnen diese Verantwortung abgenommen hat.

Wo soll der Atommüll nach Ihrer Auffassung hin?

Ich bin kein Geowissenschaftler. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand wird es aber nirgendwo auf der Welt einen Ort geben, wo Atommüll wirklich sicher gelagert werden kann, wenn man das Wort sicher ernst nimmt. Für uns als Anti-AKW-Bewegung sehe ich die Aufgabe, dass wir die Standortsuche kritisch begleiten und der am wenigsten gefährliche Ort gefunden wird.

Welche Rolle kann das Zwischenlager Biblis dabei spielen?

Es gab vor einigen Jahren ein ziemliches Gehacke, wo denn nun dieser Müll hinkommt. Da wurde nach Proporzgründen eine Verteilung vorgenommen. Ausgewählt wurden Biblis, Philippsburg, Isar und Brokdorf aus politischen Gründen, nicht aus Sicherheitsgründen.

Atommüll: „Ich bin nicht mit den Grünen zufrieden“

Zur Person

Ralf Peters hat 1982 in Kalkar erstmals an einer Anti-Atomkraft-Demonstration teilgenommen. Seit dem Atomunfall von Tschernobyl 1986 engagiert er sich regelmäßig. Der 57-jährige IT-Fachmann ist in der Anti-AKW-Bürgerinitiative atomkraftENDE.darmstadt aktiv und im bundesweiten Bündnis „Castor stoppen“.

Die Grünen haben das Thema Atomausstieg einst in die Parlamente und Regierungen getragen. Wie sehen Sie die Grünen heute?

Ich bin nicht mit den Grünen zufrieden. Der Rückbau des AKW Biblis lief ja unter der Maßgabe des grünen hessischen Umweltministeriums. Da wurde in ziemlich unverantwortlicher Weise agiert. Das hat dazu geführt, dass beim Erörterungstermin alle Einwenderinnen und Einwender außer den Kommunen ausgestiegen sind. Wir sehen seitens der hessischen Grünen keinen verantwortungsbewussten Umgang. Es geht darum, das Thema still zu halten. Das kann es unserer Meinung nach nicht sein.

Bekommen Sie von anderer Seite Unterstützung?

Der BUND hat sich zu Wort gemeldet und Widerspruch gegen die Einlagerung angemeldet. Es gibt kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich klar positioniert haben. Und es ist für uns gut, dass sich ein bundesweites Bündnis „Castor stoppen“ gebildet hat. Da stoßen gerade Leute aus der Klimabewegung dazu, also von „Ende Gelände“ und „Fridays for Future“.

Wie jung oder alt ist diese Bewegung?

Von um die 20 bis über 60. Das spiegelt die Erfahrung der Anti-AKW-Bewegung wider und andererseits, dass das Thema nicht vom Tisch ist.

Atomkraftwerke keineswegs CO2-frei

Atomkraft wird immer wieder als klimaschonende Energie ins Spiel gebracht, etwa aus den Reihen von CDU, FDP und AfD. Befürchten Sie eine Renaissance der Atomkraft?

Ich befürchte, dass das eher aus ideologischen Gründen passiert. Aus Klimaschutzgründen ergibt es keinen Sinn. Der Bau von AKWs würde viel zu lange dauern und wäre viel zu teuer. Mit Photovoltaik und Windkraft ließe sich sehr viel schneller und günstiger ein Effekt erreichen. Außerdem sind Atomkraftwerke im Produktionsprozess keineswegs CO2-frei. Es hat also keine Klimaschutzgründe, sondern ideologische Gründe, dass Leute auf diese Technologie abfahren.

Also braucht es noch lange eine Anti-AKW-Bewegung?

Ich fürchte ja. Alleine schon wegen der ungeklärten Frage der Entsorgung des radioaktiven Mülls.

Interview: Pitt von Bebenburg


Biblis-Chronik


1974 geht Block A des Kraftwerks Biblis in Betrieb, zwei Jahre später Block B. Die Anlage ist der weltweit erste Druckwasserreaktor.

Im August 2011 tritt die 13. Atomgesetznovelle in Kraft. Die Anlage verliert ihre Berechtigung zum Leistungsbetrieb.

Im März 2017 erhält RWE Power vom hessischen Umweltministerium die Genehmigungen für die Stilllegung und den Abbau der Blöcke A und B des Kraftwerks Biblis.

Im Juli 2017 fällt der offizielle Startschuss für den Rückbau. „Das ist ein historischer Moment: Die Ära der Atomenergienutzung in Hessen ist endgültig beendet. Jetzt beginnt eine neue Zeit“, sagt Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) anlässlich der symbolischen Demontage einer Pumpe im sogenannten Sekundäreinspeisesystem RZ.

In den nächsten 15 Jahren wird das Atomkraftwerk zurückgebaut, so der Zeitplan. Erst dann wird die Anlage aus dem Atomgesetz entlassen. „Insbesondere die Entsorgung der radioaktiven Abfälle wird noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen“, sagt die Umweltministerin. Die abgebrannten Brennelemente müssten noch im Standortzwischenlager verbleiben, bis ein Endlager für den hochradioaktiven Abfall gefunden sei. Beim Rückbau müssten Tausende Tonnen Material, insbesondere Metall und Bauschutt, bewegt und entsorgt werden, heißt es. Der gesamte Prozess werde von der Atomaufsichtsbehörde und externen Sachverständigen begleitet und überprüft.

Im Juni 2019 gilt die Anlage als vollständig brennstofffrei. Aus den beiden Blöcken sind mehr als 99 Prozent der Radioaktivität aus der Betriebszeit entfernt. Mit der sicheren Abfertigung von insgesamt 51 Castorbehältern in knapp vier Jahren konnte die bisher größte zusammenhängende Beladekampagne in Deutschland erfolgreich abgeschlossen werden, wie RWE beim 72. Kraftwerksgespräch im November berichtet. Im Reaktorgebäude von Block A sei der Abbau der Hauptkühlmittelleitungen abgeschlossen worden. Die Zerlegung der vier Dampferzeuger sei weit fortgeschritten. Schwerpunkttätigkeit der vergangenen und auch kommenden Monate sei der Aufbau einer „Bearbeitungs- und Behandlungsfabrik“ innerhalb der Anlage. Sie soll die abgebauten Materialien und Komponenten reinigen, um sie dem Wertstoffkreislauf zuzuführen.

Zum 1. Januar 2019 geht das Standortzwischenlager mit den in Castoren verpackten Brennelementen in die Verantwortung des Bundes über.

Zum 1. Januar 2020 überträgt RWE Nuclear auch die beiden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle am Standort Biblis an die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ). „Die Zwischenlager sind auch eine wichtige Voraussetzung, um den zügigen Abbau unserer Anlage zu ermöglichen“, sagt Matthias Röhrborn, Leiter der Anlage Biblis. Grundlage für die Übertragung ist das Ende 2016 verabschiedete Gesetz zur Neuordnung der Verantwortung in der kerntechnischen Entsorgung. Demnach ist der Bund zuständig für die Umsetzung und die Finanzierung der Zwischen- und Endlagerung. jur

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