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Auch Frankfurter Spezialeinsatzkräfte, hier bei einer Übung im Polizeipräsidium, sollen mit Hessen-Data arbeiten.

Anti-Terrorismus-Software

Hessische Polizisten ermitteln wie im Agenten-Thriller

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Die US-Software von Palantir wird in Hessen mittlerweile auch bei Kapitalverbrechen eingesetzt.

Auf dem Smartphone-Display erscheinen sechs blaue Punkte in Rödelheim. Sie symbolisieren die Standorte der verdeckten Ermittler und gruppieren sich kreisförmig um einen roten Pfeil, der Zielperson. „So weiß der Einsatzleiter immer, wo seine Leute stecken“, erklärt Sven Heilmann. Was anmutet wie High Tech aus einem Hollywood-Agententhriller, gehört zur Mobilversion von Hessen-Data, landläufig besser bekannt als Palantir, dem Namen des US-Unternehmens, das die Analysesoftware entwickelt hat. Über das Programm wurde viel geredet, ein Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag versuchte die Hintergründe bei der Auftragserteilung des Projekts zu ergründen.

Doch was kann Hessen-Data eigentlich und wer nutzt es im Alltag? Wiesbaden hatte das Polizeipräsidium Frankfurt im April 2017 mit der Entwicklung und Einführung der Anti-Terrorismus-Software für die hessische Polizei betraut. Zwei Jahre später zieht Projektleiter Bodo Koch eine erste Bilanz: „Wir haben zwei Teilziele erreicht. Die Plattform ist in Betrieb und im Staatsschutz funktioniert sie.“

Hessen-Data zeigt, wohin die Zielperson Kontakt hatte.

Die Plattform Hessen-Data speist sich aus sieben verschiedenen Datenquellen: drei Polizei-Datenbanken, Handyauswertungen, Telefonüberwachungen, Fernschreiben und Daten aus sozialen Netzwerken. Das Programm durchsucht bei Abfragen der Ermittler nicht nur diese sieben Datenquellen, sondern erkennt auch Zusammenhänge und bereitet sie auf. Gibt ein Ermittler den Namen einer Zielperson in das System ein, werden auch Verbindungen zu möglichen anderen Zielpersonen in einer Grafik angezeigt. Wenn zu einem möglichen Gefährder eine neue Information in einer der sieben Datenquellen auftaucht, bekommt der zuständige Ermittler eine Benachrichtigung.

Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill ist von Hessen-Data begeistert: „Wir haben den gleichen Datenbestand wie früher, können ihn aber schneller und effektiver nutzen.“ Denn auf neue Informationen und etwaige Verknüpfungen haben nun alle Fahnder gemeinsam und gleichzeitig Zugriff. Projektleiter Koch ist sich sicher, dass eine Ermittlungspanne wie beim Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatzplatz mit Hessen-Data hätte verhindert werden können.

Ermittlungserfolge gibt es nicht nur im Konjunktiv. Derzeit wird vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gegen den irakischen Staatsangehörigen Deday A. verhandelt. Er soll nach Überzeugung der Generalstaatsanwaltschaft eine schwere staatsgefährdende Straftat geplant haben. Der Staatsschutz war auf den Jugendlichen aufmerksam geworden, als er im Internet postete, er wolle den us-amerikanischen Präsidenten töten. Die Ermittler maßen dem zunächst keine große Bedeutung bei, doch nach und nach kristallisierte sich eine konkrete Bedrohung im Rhein-Main-Gebiet heraus. A. agierte hochverschleiert mit acht verschiedenen Accounts. Hessen-Daten setzte die Nachrichten in der chronologisch richtigen Reihenfolge zusammen. „So konnte darin gelesen werden wie in einem Buch“, freut sich Koch.

Der Ermittler sieht, mit wem die Zielperson Kontakt hat.

Wegen der Erfolge wird das ursprünglich als Anti-Terrorismus-Software beworbene Programm mittlerweile nicht nur beim Staatsschutz eingesetzt. Auch bei schweren Kapitaldelikten und „Leuchtturmprojekten“ der organisierten Kriminalität greift die hessische Polizei laut Koch auf die Software aus Kalifornien zurück. Bei der seit Monaten grassierenden Kriminalität zum Nachteil älterer Menschen verhalf Hessen-Data schon zu einem Erfolg: Bei Ermittlungen zu Anrufern, die Senioren vorgaukeln, Polizisten zu sein und dazu überreden wollen, ihre Wertsachen abzugeben, stießen die Beamten auf eine Rufnummer, die nur zu den Anrufen an- und dann gleich wieder abgeschaltet wurde. Hessen-Data spuckte den Ermittlern aus, dass jene Nummer ein Jahr zuvor bei einer Schadensanzeige als Kontakt angegeben worden war. Auch bei einem Mordversuch im Schwanheimer Wald im September 2018 lieferte Hessen-Data Hinweise, die schließlich in Bayern zur Festnahme eines 50-Jährigen führten, der eine Joggerin gewürgt hatte, um sich an ihr zu vergehen.

Derzeit arbeiten etwa 600 Ermittler und Analysten mit Hessen-Data. 400 im Staatsschutz und 200 in der Bekämpfung sonstiger Kriminalität. Tendenz steigend. Das Projektteam von Hessen-Data ist derzeit laut Koch dabei, „Know-How in die Spezialeinheiten zu bringen“. Zunächst erhalten Fahnder, die mit Hessen-Data arbeiten sollen, eine zweitägige Basisschulung. Je nachdem, in welchem Bereich der Beamte eingesetzt ist, wird die Schulung ausgeweitet.

Natürlich ist Terrorismus und organisierte Kriminalität keine regionale Angelegenheit. Fahndungen könnten optimiert werden, wenn auch andere Bundesländer und Nachbarländer mit der Software arbeiten würden. „Es gibt Defizite, die Grenzen sind offen“, räumt Koch ein. In der Anschlagsserie des NSU etwa habe sich gezeigt, dass Daten in unterschiedlichen Bundesländern abgeheftet und dann nicht mehr verwendet wurden. Solche Ermittlungspannen sollen mit Hessen-Data nicht mehr passieren. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Polizeipräsident Bereswill.

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