Hochtaunus

Adoptivvater wegen Missbrauchs angeklagt – will Taten vergessen haben

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein 51-Jähriger ist wegen Missbrauchs seiner Adoptivtochter angeklagt. An die Vergewaltigung erinnert er sich nicht. Ein Arzt bescheinigt ihm eine Amnesie.

Björn Schreiber leidet an einer seltenen Krankheit. Vielleicht kann sich der 51-Jährige, der im wahren Leben anders heißt, auch gar nicht mehr daran erinnern, dass er sich Björn Schreiber nannte, wenn er – wie die Anklage es ihm vorwirft – im Internet Kinderpornos unter Gleichgesinnten tauschte. Auch von dem ihm vorgeworfenen jahrelangen sexuellen Missbrauch seiner Adoptivtochter und einer Vergewaltigung weiß er nach eigenen Angaben nichts. Die ihm in einem Arztbrief attestierte „retrograde Amnesie“ kann je nach Sichtweise Fluch oder Segen sein.

Für die heute 17 Jahre alte Adoptivtochter ist sie ein Fluch. Ihr bleibt wegen der Vergesslichkeit des Angeklagten, die ein Geständnis unmöglich macht, eine Zeugenaussage vor dem Frankfurter Landgericht nicht erspart.

Laut Anklage hat Björn Schreiber die junge Frau großgezogen; nach der Heirat mit ihrer Mutter hatte er das vier Jahre alte Mädchen adoptiert. Die Familie lebte in einem Städtchen im Taunus. Die Probleme begannen, als die Tochter 13 Jahre alt war. Immer öfter habe der Vater, wenn sie nach Hause gekommen sei, am Computer gesessen und Pornos geguckt. Die Tür zu seinem „Arbeitszimmer“ habe zunehmend weiter offen gestanden. Schließlich habe der Vater die Tochter immer öfter gebeten, ihm bei der Selbstbefriedigung zu assistieren, was diese stets abgelehnt habe.

Aus den Akten geht hervor, dass die Tochter sich damals hilfesuchend an eine Freundin wandte, auf deren Rat hin sie das Jugendamt informierte. Eine Zeit lang wohnte sie auch bei der Freundin.

In den Sommerferien 2016 sei es zu der Vergewaltigung gekommen. Der Vater habe, als die Tochter aus der Dusche gestiegen sei, das Badezimmer betreten. Auf ihre Bitte, dieses sofort zu verlassen, habe er sie niedergeschlagen, ins elterliche Schlafzimmer geschleppt und auf das dortige Wasserbett geworfen. Als sie wieder halbwegs bei Sinnen gewesen sei, habe sie den Vater weggetreten und flüchten können.

Kurz vor der Hausdurchsuchung hatte Björn Schreiber offenbar sämtliche Kinderpornodateien von der Festplatte des Computers gelöscht. Die Polizeiexperten konnten das heilen, was mit einem Gehirn nicht so einfach ist. Das von Schreiber setzte laut Akten im November 2018 aus. Seine Immer-noch-Ehefrau hatte ihn als vermisst gemeldet. Am Tag danach klingelten Polizei, Gerichtsvollzieher und Versicherungsvertreter Sturm. Ohne Wissen der Familie hatte Schreiber einen Kredit aufgenommen und Haus und Hof verpfändet. Nun stand die Zwangsräumung an.

Als der irrlaufende Familienvater gefunden und ins Krankenhaus gebracht wurde, machte er einen „desorientierten und verwirrten“ Eindruck. Er erinnere sich an alles, nur nicht an die Jahre 2014 bis 2018, bedauert Schreiber. Das ist ein Jammer, weil ausgerechnet in diesem Zeitraum die meisten angeklagten Taten liegen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Nach Ermittlungen der Polizei wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sind elf Tatverdächtige festgenommen worden. Der Fall hat große Dimensionen.

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