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Der Herr der Vögel auf dem Feldberg: Christian Wick ist seit Sommer 2017 Chef des Falkenhofs – und Deutschlands jüngster Falknerei-Inhaber.

Falkenhof auf dem Feldberg

Wo Adler ihre Kreise ziehen

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Die Auffang- und Zuchtstation auf dem Großen Feldberg ist Hessens älteste und höchstgelegene Falknerei. Heute startet die Saison.

Stoisch blickt Penelope von oben herab in die Runde. Selbst als ihr ein Kind nach dem anderen zaghaft über den Bauch streicht, verharrt sie reglos. Wie eine strenge, stolze Diva. „Wichtig ist, dass ihr sie immer nur vorne anfasst“, sagt Ursula Zieten zu den zehn Mädchen und Jungen, die das imposante Tier bestaunen. Bei Pferden sei das ähnlich: „Wisst ihr, was passieren kann, wenn ihr von hinten an ein Pferd herangeht?“ Ein Mädchen weiß es: „Es erschrickt und schlägt aus.“

Penelope ist allerdings kein Pferd. Penelope ist ein Sibirischer Uhu. Statt mit einem Tritt könnte sie mit einem abrupten Sprung ins Gesicht reagieren. Doch von derlei Tun ist die Uhu-Dame gerade weit entfernt. Ruhig hockt sie auf dem ledernen Handschuh von Falknerin Ursula Zieten, beäugt die kleinen Menschen vor sich und dreht nach Eulenart ab und an den Kopf um bis zu 270 Grad herum – bis sie sich plötzlich aufplustert und die Flügel auf ihre 1,70 Meter Spannweite spreizt.

Der Falkenhof ist ab sofort wieder täglich geöffnet

Cool!“ und „Ui!“ tönt es aus der Kindergeburtstagsgruppe, die an diesem Nachmittag den Falkenhof auf dem 881 Meter hohen Großen Feldberg besucht. Auch ansonsten ist viel los in Hessens ältester und höchstgelegener Falknerei, und das, obwohl die Saison erst beginnt. Vom heutigen 1. April an ist der Falkenhof nicht mehr nur freitags und am Wochenende, sondern wieder täglich für Publikum geöffnet.

Die Sonne scheint, wie üblich ist es ein paar Grad frischer auf dem Feldberg. Am Kiosk vor dem Aussichtsturm hat sich eine lange Schlange gebildet, die Gaststätte „Feldberghof“ ist seit Jahresbeginn geschlossen. Etwas versteckt dahinter duckt sich der 1965 als zweite zoologische Einrichtung dieser Art in Deutschland gegründete Falkenhof an den Hang. Die Flugdrahtanlagen mit den fünf hölzernen Schutzhäuschen gleich am Eingang sind noch leer. In den wärmeren Monaten zeigen Grete, Maya, Lea, Bonnie und Heidi hier ihre Freiflug- und Jagdkünste. Die Bussard- und Falken-Weibchen kehren erst in diesen Tagen wieder zurück auf den Feldberg und mit ihnen weitere Exemplare verschiedener Greifvogel- und Eulenarten.

„Einige Vögel habe ich momentan noch in meinen Volieren zu Hause“, sagt Christian Wick, der Inhaber des Falkenhofs. 80 Zentimeter Schnee, wie sie diesen Winter zeitweise auf dem höchsten Taunusgipfel lagen, seien manchen Tieren dann doch zu viel gewesen. Wenn wieder alle da sind, zählt der feste Stamm der Falknerei 28 Vögel, die in Volieren, Flugvorführungen und Vorträgen den Besuchern präsentiert werden: Falken, Bussarde, Adler, Eulen, Dohlen, Kookaburras, Karakaras. Hinzu kommen einheimische Schlangen wie Hornvipern oder Kreuzottern sowie ein paar Frettchen.

Ein Platz für verletzte und verwaiste Greife

Schnell noch ein Bad nehmen, bevor es losgeht.

Hinter den Kulissen ist der Falkenhof zudem Auffang- und Aufzuchtstation für verletzte oder verwaiste Greife. „Wir bekommen zum Beispiel aus dem Nest gefallene Jungvögel gebracht oder Tiere, die mit Autos oder Scheiben kollidiert sind“, sagt Wick. Die gefiederten Patienten seien zuvor alle schon tierärztlich behandelt worden, „wir sind dann immer das Reha-Zentrum, das die Vögel pflegt und aufpäppelt, um sie wieder auswildern zu können“.

Im Sommer 2017 hat Christian Wick den Falkenhof übernommen, mit gerade einmal 25 Jahren. Damit ist der heute 27-Jährige der jüngste Falknerei-Inhaber Deutschlands. Als ihn sein Vorgänger Burkhard Dinger fragte, ob er der neue Herr der Vögel auf dem Feldberg werden wolle, habe er nicht lange gezögert. „Schon als Zehnjähriger habe ich in der Auffang- und Zuchtstation geholfen, ich war fasziniert von Greifvögeln.“ Die Faszination hat nicht nachgelassen, im Gegenteil. Wick ist ausgebildeter Zootierpfleger und hat einige Jahre im Frankfurter Zoo gearbeitet. „Falkner ist kein Lehrberuf, sondern baut auf der Jägerprüfung auf.“ Um Greife frei fliegen lassen zu dürfen, braucht man Jagd- und Falknerschein. Und ein Händchen für die Tiere.

Als sich Christian Wick nähert, kreischt und flattert Steppenadler Odin munter in seiner Voliere, als wolle er einen Artgenossen begrüßen. „Die Vögel, mit denen ich arbeite, sind immer Einzeltiere“, sagt der Falkner. „Denn ich bin nicht nur ihre Vertrauensperson, sie sehen mich auch als ihren Lebenspartner an.“ Greifvögel und Eulen müssten mit der Hand aufgezogen werden, „damit sie sich an den Menschen gewöhnen und ihn nicht als größeren Fressfeind ansehen“.

Das steht demnächst einigen Schnee- oder Himalayageiern bevor, die allerdings erst noch schlüpfen müssen. Wenn sie herangewachsen sind, sollen sie das neue, begehbare Geiergehege beziehen, ein Projekt, das Wick plant, seit er vor anderthalb Jahren Inhaber des Falkenhofs geworden ist. Vor etwa drei Monaten wurde die Voliere fertiggestellt.

Frischgeschlüpfte Schneeeulen in der Falknerei

Während die Schneegeier noch auf sich warten lassen, sind die kleinen Schneeeulen in der Brutvoliere schon geschlüpft. Neben Einzeltieren hält der Falkenhof auch einige Zuchtpaare, Halsband-Zwergfalken etwa, Kookaburras, Schneeeulen. Der Schwerpunkt der Station liegt heute aber nicht mehr in der Zucht der Greife. „Wir machen nichts über künstliche Fortpflanzung“, sagt Wick. Wenn die Vögel für Nachwuchs sorgten, geschehe das auf ganz natürliche Weise.

So wie bei den australischen Kookaburras, die keine Greifvögel sind, sondern zur Familie der Eisvögel gehören. Männchen Bibo sitzt vorne in der Voliere auf einem Ast, das Weibchen brütet hinten im Nest auf den Eiern, nicht sichtbar für die Besucher. Die aber können immerhin Bibos Fütterung erleben. Oder darauf verzichten, wie das fünfjährige Mädchen, das sich rasch um die Ecke verdrückt, weil sie lieber nicht mitansehen möchte, wie sich der Kookaburra mit seinem langen Schnabel auf das tote Eintagsküken stürzt, das Wick ihm ins Gehege bringt. „Das ist eben die Natur“, belehrt der neunjährige Bruder seine entsetzte Schwester. Wobei er nicht gänzlich richtig liegt.

Schließlich leben die Vögel nicht in freier Wildbahn, sondern in einer Falknerei. Da die meisten aber regelmäßig frei fliegen können, hätten sie eigentlich genug Gelegenheit, auszubüchsen – was sie aber nur sehr selten täten, und wenn, dann kämen sie meist irgendwann von allein wieder zurück, sagt Wick. Wüstenbussard-Weibchen Lea indes hat sich voriges Jahr einen längeren Ausflug erlaubt. Nach zwei Wochen erst habe man sie im Frankfurter Westend entdeckt. Alle Vögel, die Freiflüge unternehmen, tragen Sender. Trotzdem sei der Aufwand, entflohene Vögel wiederzufinden, sehr groß. Es komme auch vor, dass ein Exemplar nicht mehr auftauche.

Ab Anfang Mai geht es mit den Flugvorführungen los

Lea ist bald wieder bei den Flugvorführungen dabei, zusammen mit Rotschwanzbussard Bonnie, Gerfalke Grete und weiteren Greifen. Wohl noch nicht im April, wahrscheinlich erst Anfang Mai werde es mit der Show losgehen, schätzt Wick. Dann können Gäste des Falkenhofs täglich um 14 Uhr die Flugkünste der Vögel bewundern und etwas über ihr Jagdverhalten erfahren – aber nur, wenn das Wetter mitspielt und die Tiere bei Laune sind. „Wenn es stark regnet, haben sie gar keine Lust zu fliegen.“ Auch allzu große und andauernde Hitze – so wie vorigen Sommer – mache vielen Vögeln zu schaffen, speziell den Schneeeulen.

Wenn die Flugschau ausfällt, gestalten Christian Wick und seine Mitarbeiter einen Vortrag mit Bussard oder Falke auf dem Arm. Oder mit Sibirischem Uhu. Penelope ist immer noch geduldig mit Falknerin Ursula Zieten und Kindergeburtstagsgruppe unterwegs auf dem Gelände. Das majestätische Tier kennt schließlich noch ganz andere Gefilde. Penelope war schon beim Film. Der Sender Vox hatte die Uhu-Dame für eine Folge der Fernsehshow „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ engagiert. Eine waschechte Diva also: Sie muss nicht viel tun, Penelope betört allein durch ihre Präsenz.

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