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„Gebärfähigkeit heißt nicht Gebärpflicht“, stellte die Gewerkschaftsfrau Anfang Juni klar.

Feminismus

„Die Wut wächst“

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Helena Müller vom DGB Hessen-Thüringen kämpft für das Recht auf Abtreibung.

Man könne den jungen Leuten ja vieles vorwerfen – aber bestimmt nicht, dass sie politikverdrossen seien. Helena Müller, beim DGB Hessen-Thüringen für die Frauen- und Bildungsarbeit zuständig, nennt nicht nur die Fridays for Future-Demonstrationen. Auch die Frauenbewegung sei neu erstarkt. Mit ihren 27 Jahren dürfte Müller eine der jüngsten Führungskräfte bei den Gewerkschaften sein.

Sie ist aber nicht nur von Berufs wegen Expertin für Geschlechtergerechtigkeit – auch privat engagiert sie sich in der Frauenbewegung, die im Winter 2017 zusammengefunden hat: Studentinnen, Gewerkschafterinnen, Frauen von Pro Familia und anderen Verbänden agieren bunt gemischt, sehr heterogen und international als loses Bündnis. Im März diesen Jahres organisierten sie zum Internationalen Frauentag den ersten Frankfurter Frauenstreik. Plötzlich waren 3500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Straßen und forderten die Abschaffung von Kapitalismus und Patriarchat.

In ihrem Büro im fünften Stock des Frankfurter Gewerkschaftshauses erwähnt Müller noch ein anderes „Neue-Generationen-Ding“ – nämlich das Diensthandy in der Freizeit auch mal auszuschalten. Die junge Generation achte „vielleicht manchmal ein bisschen mehr auf sich“ als die älteren, und durch die Diskussion über den Fachkräftemangel seien „mehr Spielräume“ entstanden.

Es ärgert Müller, dass es mit der Parität zwischen den Geschlechtern nicht voran geht: „Wir reden ganz viel von den neuen Vätern. Dann kriegen wir Kinder und irgendwann bleibt dann doch alles an uns hängen.“ Die Väter würden abends nach Hause kommen und mit den Kindern Lego spielen. „Das macht einfach wütend.“ Die Männer müssten begreifen, dass es bei der Kindererziehung nicht nur „um Spaß und Legospielen“ gehe, sondern, dass auch der eine oder andere Arztbesuch dazu gehöre. Das müssten dann allerdings auch die Arbeitgeber akzeptieren.

Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen – diese sogenannte Sorgearbeit ist ein zentrales Thema der neuen Frauenbewegung. „Bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit gehören zusammen“, sagt Müller. Wenn es mehr Kindertagesstätten und mehr Betreuung pflegebedürftiger Menschen gebe, würde sich das „auch aufs Privatleben“ auswirken.

Der Kampf gegen die Abtreibungsparagraphen 218 und 219a stehen für Müller ganz oben auf der Agenda. Bei einer Veranstaltung am 6. Juni im Gewerkschaftshaus stellte sie klar: „Gebärfähigkeit heißt nicht Gebärpflicht.“ Keine Frau mache sich die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch leicht. Die 27-Jährige ist in verschiedenen Netzwerken unterwegs. Unter anderem unterstützt sie die Gießener Ärztin Kristina Hänel, die verurteilt wurde, weil sie für Abtreibungen geworben haben soll.

Manchmal wundert sich Müller, wie „rückständig“ das Leben in Deutschland ist. Etwa, dass die „Ehe für alle“ erst vor zwei Jahren eine Mehrheit im Bundestag fand und nun auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Müller erinnert an die Vergewaltigung in der Ehe, die erst seit Juli 1997 strafbar ist. Wie so viele andere Frauen bekämpft sie die Rechtspopulisten und ihr rückwärtsgewandtes Frauenbild. „Der Frust wächst, dass sich einfach nichts tut.“

Immerhin sei durch die Me-too-Debatte deutlich geworden, dass sich im US-amerikanischen Filmbusiness die Schauspielerinnen als Feministinnen verstehen. Frauen würden sich jetzt weniger gefallen lassen und nicht mehr alles „runterschlucken“, wenn sich ein Mann daneben benimmt. Um Übergriffe im Betrieb zu verhindern oder ihnen nachgehen, seien Betriebsräte wichtig, an die sich betroffene Frauen wenden können.

Helena Müller setzt sich als Gewerkschaftsfrau für Tarifverträge ein – auch weil sie ein Mittel für mehr Lohngerechtigkeit seien. Weil sie eine Zeitlang als Hilfskraft an der Goethe-Uni im Fachbereich Politikwissenschaft tätig war, ist Müller auch Mitglied in der GEW.

Bei den Gewerkschaften habe sich „in den letzten fünf Jahren“ viel in Sachen Familienfreundlichkeit und Geschlechtergerechtigkeit getan. Teilzeitarbeit sei zum Beispiel auch in Führungspositionen möglich. Es gebe einen erweiterten Mutterschutz und Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Eine Quote stelle sicher, dass Positionen dem Frauenanteil im DGB von 35 Prozent entsprechend besetzt werden müssen. „Wir haben viele tolle, junge Frauen“, sagt Müller, für deren Qualifizierung aber auch Zeit benötigt werde.

Der Feminismus wurde Müller „in die Wiege gelegt“. Die alleinerziehende Mutter, eine gelernte Physiotherapeutin, arbeitete als Beraterin für Frauen, die in den Beruf zurückkehren wollten. Nach ihrem frühen Tod wuchs Müller bei ihrer Tante in Kaiserslautern, einer Erzieherin, auf. Als junges Mädchen engagierte sich Müller im Jugendparlament von Kaiserslautern. Während des Studiums der Politikwissenschaften, Schwerpunkt Geschlechterforschung, trat sie in die Gewerkschaft Verdi ein, um in dem Kleidergeschäft, in dem sie jobbte, einen Betriebsrat aufzubauen.

Und so ist es zwar ungewöhnlich, eine so junge Abteilungsleiterin in den Reihen des DGB vorzufinden, aber bei diesem Werdegang erscheint es doch irgendwie auch logisch.

Müller hat seit kurzem kein Auto mehr und ist überzeugt, dass es in Frankfurt auch ohne geht. Von ihrer Wohnung im Frankfurter Nordend aus ist sie meist mit dem Fahrrad unterwegs. Mit ihrem Hund genießt sie die Natur, stöbert durch den Stadtwald und den Lohrberg. Während dieser Streifzüge, versteht sich, bleibt das Diensthandy stumm.

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