+
Bürgermeister Roland Kern hat die Stadtkasse abgegeben und ist ein letztes Mal in Ketten gelegt abgeführt worden.

Rathaussturm

Nach 53 Karnevalsorden ist Schluss in Rödermark

  • schließen

Am Samstag hat sich Bürgermeister Roland Kern in Ober-Roden ein letztes Mal den Fastnachtern ergeben. 

Da steht er oben am offenen Rathausfenster, der graubärtige Mann mit dem schwarzen Zylinder und dem zerschlissenen schwarzen Anzug, und ruft der närrischen Menge unter ihm die Zeilen zu, die er schon lange auswendig aufsagen kann: „Ihr Narrenvolk, lasst mich in Ruh, die Kass‘ un aach die Dier bleibt zu.“ Zum 14. Mal hat Bürgermeister Roland Kern (AL/Grüne) am Samstag versucht, sein Rathaus mitsamt kommunaler Finanzen vor den Eindringlingen mit Uniform und Dreispitz zu retten. Und zum 14. Mal ist aller Widerstand vergebens. In Zukunft wird Kern das Rathaus nicht mehr verteidigen müssen: Am 30. Juni scheidet er aus dem Bürgermeisteramt.

„Die Kass‘ geb her, die Tür mach uff“: Zwei Mann der Prinzengarde dringen in Kerns Refugium im ersten Stock des Rathauses ein, greifen sich die Stadtkasse und den Bürgermeister, legen ihn in goldene Ketten und führen ihn nach unten auf die Bühne auf dem Rathausplatz, wo Prinz Michael II. schon bereitsteht, um die Regentschaft an sich zu reißen. Und wieder einmal ist die Stadtkasse leer, obwohl da eigentlich was drin ist müsste, denn Rödermark hat im Vorjahr ein Plus gemacht. 100 Euro fischt der Vorsitzende des Karnevalvereins aus der grauen Schatulle heraus – Geld, das der Bürgermeister selbst für die Narren hineingelegt hat.

„Zum 21. Mal ist die Stadtkasse leer“, sagt Norbert Köhler von der Karnevalsabteilung der TG Ober-Roden. Er muss es wissen: Er ist zusammen mit Heinz Kiehl der Organisator des Rathaussturms. „Früher waren es vielleicht 100 Leute“, erinnert er sich. „Da gab es oben im Rathaus zwei Kästen Bier, und das war’s.“

In fantasievollen Kostümen waren am Samstag 1200 Teilnehmer beim Fastnachtszug mit Rathaussturm auf den Beinen.

1999 übernahm Heinz Kiehl in der TG die Sitzungspräsidentschaft – und ab da wurde alles anders. Er überzeugte Musikgruppen und andere örtliche Vereine, an einem Umzug teilzunehmen, bevor das Rathaus gestürmt wurde. „Im ersten Jahr waren es 20 Zugnummern, jetzt sind es 34“, sagt Köhler. „Viel mehr dürfen es nicht werden, sonst laufen wir uns selbst in den Hintern.“

Kern erntet am Samstag ein dreifaches „Helau“ und ein Küsschen von Prinzessin Antje I. „dafür, dass er sich all die Jahre tapfer gewehrt und all die Jahre verloren hat.“ Immerhin ist er eine Stunde später, als er nach viel Geschunkel von der Bühne geht, um drei Karnevalsorden reicher.

Der 71-Jährige müsste schon Bodybuilder sein mit einer sehr ausgeprägten Halsmuskulatur, um das viele Metall zu tragen, das er in seiner Amtszeit an Fastnacht gesammelt hat. Insgesamt 53 Orden habe er als Stadtoberhaupt umgehängt bekommen, erzählt er – „diesmal zum ersten Mal auch einen vom Kinderprinzenpaar.“ Karnevalsprinz sei er übrigens noch nie gewesen, „genauso wenig, wie manche meinen, ich wäre schon Messdiener gewesen“. Was wird ein Roland Kern an Fastnacht 2020 machen? Er muss nicht lange überlegen: Er wird die Seiten wechseln. „Ich stürme das Rathaus“, lacht er, und zieht mit seiner Gattin von dannen. Egal, welcher Partei der Nachfolger angehört – er wird es genauso wenig schaffen, die Kasse vor den gierigen Händen der Fastnachter zu schützen.

Nochmals Karneval

Am heutigen Montag geht das närrische Treiben im Rödermarker Stadtteil Urberach weiter. 1250 Teilnehmer, 23 Wagen, 33 Fußgruppen und drei Musikgruppen schlängeln sich von 14.33 Uhr an durch die Straßen.

Der närrische Zug führt von der Freiherr-vom-Stein-Straße über die Konrad-Adenauer- und die Robert-Bloch-Straße zum Vereinsheim des Kultur- und Sportvereins (KSV), Turngartenstraße 10. ann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare