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54 alte Apfelsorten im Hessenpark

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Der Apfelbaum vor dem Gutshaus Engelbach ist einer der schönsten im Hessenpark. petter
Der Apfelbaum vor dem Gutshaus Engelbach ist einer der schönsten im Hessenpark. petter © petter

Anbau nach Bio-Richtlinien / Die meisten Früchte werden gekeltert

NEU-ANSPACH - Der Rheinische Winterrambur sieht sehr verführerisch aus mit seinen roten Bäckchen und seiner glänzenden Schale. Der Baum hängt noch voller Äpfel, also könnte man doch vielleicht gerade mal einen probieren? „Klar“, sagt Volker Weber und grinst, „aber er schmeckt nicht besonders.“ Diese alte Apfelsorte wird im Hessenpark nämlich nur verwendet, um daraus Saft zu pressen, und nicht, um sie zu essen. Es handelt sich also um einen sogenannten Kelter- oder Wirtschaftsapfel.

Diese machen im Freilichtmuseum einen großen Teil aus, wie der Fachbereichsleiter Historische Landwirtschaft erklärt, und für sie gelten auch andere Kriterien als für einen Tafelapfel. „Ein guter Mostapfel muss Säure haben, und er muss safthaltig sein“, sagt Weber und nennt neben dem Winterrambur Sorten wie den Bohnapfel und den Trierer Weinapfel. „Weil man früher keine Kühlhäuser hatte, um die Äpfel zu lagern, war es für die Menschen einfacher, sie zu verarbeiten.“

Genauso wie es im Hessenpark zum Leitbild gehört, gefährdete Haustier-Rassen und besondere Pflanzen zu erhalten, so übernimmt er diese „Arche-Funktion“ auch für alte Apfelsorten. Weber führt eine Liste, auf der auch der Standort eines jeden Baumes und dessen Verwendung verzeichnet ist. Er ist stolz, dass im Gelände inzwischen 54 Sorten bestimmt wurden, und dazu gehören viele altehrwürdige Sorten - von A wie Ananasrenette bis Z wie Zuccalmaglios Renette.

Insgesamt stehen 200 Bäume verstreut im Gelände, und der Chef-Landwirt berichtet von einer guten Ernte. Allerdings mit Einschränkungen, denn wegen des trockenen Sommers sind auch die Früchte trockener geraten. Und ein bisschen kleiner sind sie auch. Überhaupt kommen von den 54 Sorten nur 16 in den Verkauf. Die anderen werden gekeltert oder sie tragen nicht, weil sie entweder zu jung sind, die Äpfel aufgrund der Trockenheit abgeworfen haben oder alternieren, also im vergangenen Jahr getragen haben und dieses Jahr pausieren. Trotzdem: 200 Kilogramm konnten bereits beim Erntefest verarbeitet werden. Weber schätzt, dass noch über eine Tonne Kelteräpfel beim Sortieren anfallen oder vom Baum geschüttelt werden, um bei den Apfeltagen am kommenden Wochenende, 22. und 23. Oktober, gekeltert zu werden. Damit der Saft auch sicher für alle Besucher reicht, bringt die Kelterei Possmann noch mehrere Tonnen Kelteräpfel aus eigenen Beständen mit.

APFELTAGE AM WOCHENENDE

„Apfel satt“ gibt es am 22. und 23. Oktober im Hessenpark. Jeweils von 9 bis 18 Uhr dreht sich im Freilichtmuseum alles um das gesunde und beliebte Obst.

Das Programm an beiden Tagen ist bunt und vielfältig. In der Hofanlage aus Emstal-Sand werden die Äpfel gepresst und frischer Most ausgeschenkt. Im Einsatz sind zwei Keltern: eine hydraulische handbetriebene historische Presse und eine relativ moderne Packpresse mit einem elektrischen Motor. Außerdem ist am Samstag eine mobile Bandpresse an Ort und Stelle. Hier wird der Saft in eine Bag-in-Box-Verpackung abgefüllt, was ihn länger haltbar macht.

Für Kinder gibt es Mitmachaktionen, für Erwachsene Vorführungen zum Baumschnitt. Bei einer Schau werden alte Apfel- und Birnensorten gezeigt, und wer möchte, kann eigene Früchte mitbringen und bestimmen lassen. Eine Apfel-Rallye und Infostände runden das Programm ab.

Zu essen wird „Leckeres mit Erdäpfeln aus der Dämpfkolonne“ angeboten. Für Unterhaltung sorgt „Bembelator“, eine hessische Rockband. pet

Weber warnt grundsätzlich davor, Äpfel zu früh zu essen. Zwar gibt es Sorten, die auch jetzt schon schmecken wie Gravensteiner oder Goldparmäne, aber bei den meisten lohnt es sich, noch ein, zwei Monate zu warten, denn erst dann haben die Früchte ihr Aroma entwickelt. Dazu gehören beispielsweise Freiherr von Berlepsch oder der Weiße Winterglockenapfel.

Inzwischen ist die Ernte auf dem Gelände übrigens fast durch, und vor allem das Speiseobst lagert längst im Kühlhaus. „Wegen der Hitze und der Trockenheit sind wir ein bis zwei Wochen früher als sonst“, erklärt Weber und zeigt auf einen Baum, in dem nur noch in den obersten Wipfeln ein paar Äpfel hängen. „Die werden dann vor den Apfeltagen zum Keltern geschüttelt.“

Der Fachmann berichtet, dass in den großen Erwerbsobstanbauflächen Spindelbüsche und selten noch Halbstämme das Bild bestimmen. „Sie sind kleiner, wachsen schneller und tragen früher“, erklärt Weber. „Und einfacher ernten lassen sie sich auch.“ Im Freilichtmuseum allerdings gibt es nur Hochstämme, und da dauert es an die zehn Jahre, bis sie tragen. Und so stehen hier Bäume, die vor ein paar Jahren gepflanzt wurden und an denen noch nie ein Apfel hing.

Im Hessenpark wird übrigens der immer seltener werdende Streuobstbau gepflegt, bei dem die Bäume „verstreut“ in der Landschaft stehen und die Äpfel mit umweltverträglichen Bewirtschaftungsmethoden bearbeitet werden. Als Bioland-Betrieb wird im Hessenpark auch das Obst nach Bio-Richtlinien bewirtschaftet. Große Keltereien sind auf große Mengen angewiesen und kaufen ihre Äpfel natürlich von entsprechenden Betrieben, aber auch sie wissen die Äpfel von Streuobstbäumen zu schätzen, wie Weber weiß. „Allerdings fehlt es an Streuobst-Initiativen, die sich gut vermarkten.“

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