+
FDP-Bundesparteitag 1977 in Kiel: Heinz Herbert Karry und Hildegard Hamm-Brücher.

100. Geburtstag

100. Geburtstag: Heinz-Herbert Karry – ein hessischer Wirtschaftspolitiker alter Schule

  • schließen

Der ermordete hessische FDP-Politiker Heinz-Herbert Karry machte sich für Atomkraft und den Flughafen-Ausbau stark – und für die Parteikasse der FDP.

Heinz-Herbert Karry war ein FDP-Wirtschaftspolitiker alter Schule – und derjenige, der bis heute am längsten das Amt des hessischen Wirtschaftsministers bekleidete. In den sozial-liberalen Koalitionen der Ministerpräsidenten Albert Osswald und Holger Börner (beide SPD) amtierte Karry elf Jahre lang bis zu seinem Tod. Es waren Koalitionen, die die Atomkraft förderten, den Autobahnausbau und den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Karry war in all diesen Fragen eine treibende Kraft.

Die Startbahn West kam gegen alle Widerstände. Dagegen wurde ein Block C am Atomkraftwerk Biblis ebenso wenig gebaut wie eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstäbe. „Karry wollte unbedingt Biblis C“, erinnert sich der langjährige FDP-Abgeordnete und Ex-Justizminister Jörg-Uwe Hahn an den älteren Weggefährten. Zudem engagierte sich FDP-Mann Karry für die Außenwirtschaftspolitik. Insbesondere Geschäfte mit China lagen ihm am Herzen.

Am 11. Mai 1981 wurde der Wirtschaftsminister in seinem Haus erschossen. „Das war für uns ein unglaublicher Schock“, erinnert sich FDP-Politiker Hahn. Der damalige Jungpolitiker Hahn hatte Karry noch zwei Tage vor dem Mord bei einer Veranstaltung getroffen. „Er hatte die Jungen, Aufstrebenden danach noch auf einen Kaffee eingeladen“, erinnert er sich. Das war typisch Karry und auch nicht ganz uneigennützig: denn der Vollblut-Politiker wusste, wie man politische Netzwerke aufbaut.

Zur Person

Heinz-Herbert Karry,geboren am 6. März 1920, war Kaufmann und ein großer Schuhimporteur.

1960zog er für die FDP in den Hessischen Landtag ein, dem er bis 1978 angehörte. Als Wirtschaftsminister amtierte Karry von 1970 bis zu seiner Ermordung 1981. Seit 1974 verwaltete er als Bundesschatzmeister das Geld der FDP.

Zu einer Gedenkfeierlädt Ministerpräsident Volker Bouffier am 10. März in den Hessischen Landtag ein. 

Es war der einzige Mord an einem hessischen Politiker in der Nachkriegszeit bis zum rechtsextrem motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) 2019. Die schwarz-grüne Landesregierung und die FDP erinnern nun an Karrys Wirken. Am Freitag, seinem 100. Geburtstag, legen Staatskanzleichef Axel Wintermeyer (CDU) sowie die führenden FDP-Politiker Nicola Beer und René Rock einen Kranz an Karrys Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof nieder. Für Dienstag laden Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der FDP-Landesvorsitzende Stefan Ruppert zu einer Gedenkstunde in den Hessischen Landtag ein.

Bouffier schrieb in einer Pressemitteilung vom Donnerstag: „Karry gehört zu der Generation, die unser Land wiederaufgebaut haben. Wir haben ihnen unseren heutigen Wohlstand zu verdanken.“ Karry habe dies „trotz seiner schlimmen Erfahrungen in der NS-Zeit“ getan. Bouffier erinnerte daran, dass Karrys Vater unter den Nazis ins Konzentrationslager deportiert worden war. Karry selbst sei in der NS-Zeit als sogenannter „Halbjude“ verfolgt und zeitweise zu Zwangsarbeit verpflichtet worden. „Sein Einsatz für Demokratie und eine freie Gesellschaft stand auf einem Wertefundament, das aus seinen schmerzlichen Erfahrungen wuchs“, stellte der Ministerpräsident fest.

Der Frankfurter Freidemokrat Karry war nicht nur auf Landesebene aktiv. Er führte sieben Jahre lang als Schatzmeister die Kasse der Bundes-FDP. „Er war in der damaligen Zeit einer der bestimmenden Politiker, auch in den Regierungskoalitionen in Bonn und Wiesbaden“, berichtet sein Parteifreund Hahn. „Das hat er auch genossen.“

In welchem Umfang Karry Parteispenden an den offiziellen Büchern vorbeigeschleust hat, ist bis heute nicht aufgeklärt. Überliefert ist sein geflügeltes Wort „Geld kann gar nicht bar genug sein“. Eberhard von Brauchitsch, Manager des Flick-Konzerns und eine Schlüsselfigur der Flick-Parteispenden-Affäre, berichtete, man habe sich mit Karry und seinen Kollegen von CDU und SPD, Walther Leisler Kiep und Alfred Nau, zusammengesetzt. Immer wieder gab es Gerüchte, dass Karrys Tod mit diesen dunklen Geschäften zusammenhängen könne. Aber das wurde ebenso wenig belegt wie andere Verdachtsmomente.

Heinz-Herbert Karry ist oft als volksnaher Politiker beschrieben worden. Das stimme, sagt Jörg-Uwe Hahn: „Er ging auf die Menschen ein, er ging auf sie zu.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare