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Anpacker: Ein Teil der Naxos-Projektgruppe von Fundament reiht sich im August 2011 vor der Naxoshalle auf. Diese Menschen wollen in einer der 12 Wohnungen entstehenden Wohnungen leben.

Wohnprojekte

Ins gemachte Nest kann man sich nicht setzen

Gemeinschaftliche Wohnprojekte gewinnen Fans. Sie entschieden sich bewusst, einander im Alltag zu unterstützen. Immer mehr Menschen schließen sich zu so genannten gemeinschaftlichen Wohnprojekten zusammen, manchmal als Eigentümer, manchmal als Mieter, aber immer unter einem gemeinsamen Dach.

Die Idee ist nicht neu. Bereits 1926 wurde an der Frankfurter Adickesallee das erste „Heim für die berufstätige Frau“ eröffnet, ein Wohnblock mit zwölf eigenständigen Wohnungen, aber gemeinsamer Wäscherei, Heizung und Verwaltung, in dem ausschließlich Mieterinnen lebten. Heute sind die Namen für gemeinschaftliche Wohnprojekte phantasievoller. „Lila Luftschloss“ nennt sich beispielsweise ein Haus für Frauen, doch was nach wolkigem Wunschgebilde klingt, ist in der Praxis ganz an den Bedürfnissen der Bewohnerinnen orientierte, preisgekrönte Architektur. Zwei solcher Luftschlösser, deren Fassade allerdings leuchtend rot und nicht lila angestrichen ist, existieren bereits in Frankfurt. Und voraus sichtlich wird demnächst ein drittes Bauvorhaben realisiert, wenn auch mit entscheidender Neuerung: Denn erstmals in der Geschichte der Luftschlösser werden dort nicht nur alleinerziehende, allein- oder zu zweit lebende Frauen einziehen, sondern auch zwei Männer. „Wir“ nennt sich die künftige Hausgemeinschaft, und das betont den Zusammenhalt, auch wenn sich dahinter die Abkürzung für „Wohnen Im Ruhestand“ verbirgt.

Invest in die gemeinsame Zukunft

In idyllischer Insellage, auf einer Industriebrache mitten in der Innenstadt, wird dieses neue Luftschloss entstehen, „auf Naxos“, wie man in Frankfurt sagt, wenn man von dem Gelände der ehemaligen Schleifmaschinenfabrik gleichen Namens spricht, auf dem sich auch die Bühne des Frankfurters Theatermachers Willy Praml befindet. Gleich sechs Parzellen hat die Stadt, seit einigen Jahren Eigentümerin dieser attraktiven Liegenschaft, in Erbpacht an so genannte Baugemeinschaften oder -genossenschaften vergeben. „Schnelle Kelle“ heißt eines dieser Projekte, doch blieb dieser Name bislang ein Versprechen. Denn seit Beginn der Planungen sind bereits mehr als fünf Jahre vergangen, und Birgit Buchner, Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft „Fundament“ und ebenfalls künftige Inselbewohnerin auf Naxos, hat sich schon mal gefragt, woher sie den „Elan zum Weitermachen“ nehmen solle. Denn ins gemachte Nest kann man sich nicht setzen. 

Gemeinschaftliches Wohnen ist Demokratie

„Gemeinschaftliches Wohnen, so sagt Buchner, bedeute vielmehr „Arbeit, Arbeit, Arbeit“. Und das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen gilt Frankfurt als heiß umkämpfter Immobilienmarkt, auf dem sich die Baugemeinschaften gegen die Übermacht professioneller Investoren behaupten müssen. Zwar haben Experten berechnet, dass eine Finanzierung über ein Genossenschaftsmodell sowie zahlreiche Zuschüsse, etwa für ökologisches oder seniorengerechtes Bauen, die Kosten um etwa 15 bis 25 Prozent senken können, doch gehen in diese Berechnung der große Aufwand, die viele Zeit, die die künftigen Hausbewohner in die Verwirklichung ihrer gemeinsamen Zukunft investieren, nicht mit ein.

Denn über alles, über Schnitt und Aufteilung der Wohnungen, die Gestaltung der Gemeinschaftsräume, des Gartens, der Fassade, muss basisdemokratisch entschieden werden. Auf Naxos mussten die vielen Interessenten außerdem noch einen anspruchsvollen Wettbewerb bestehen, um eine der sechs heißbegehrten Parzellen zugesprochen zu bekommen. Aber schon jetzt scheint sicher, dass die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens durch diese Großbaustelle richtig Schwung bekommen wird. 

Gegenseitige Unterstützung im Alltag

Doch was macht diese Lebensform so attraktiv und zu einem wegweisenden Modell für die Zukunft der Städte? Bundesweit gibt es mittlerweile mehr als 500 solcher Haus- und Lebensgemeinschaften. „Ich wollte es nicht dem Zufall überlassen, mit wem ich zusammenlebe, und dann zehn Jahre daran arbeiten, bis so etwas wie eine Hausgemeinschaft entsteht“, beschreibt Birgit Buchner ihre Motive. Birgit Kasper, Leiterin der Koordinations- und Beratungsstelle des Vereins „Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen“ e.V., in dem sich 2009 mit Förderung der Stadt 23 Wohnprojekte und -initiativen zusammengeschlossen haben, nennt noch andere Gründe: „Immer weniger Menschen leben in klassischen Familienstrukturen“, sagt sie. Gleichzeitig nehme die Zahl der Älteren zu, und sie alle möchten so lange wie möglich aktiv bleiben.

Sich um einander zu kümmern, sich im Alltag gegenseitig zu unterstützen, nicht alleine zu sein, sondern zu teilen, auch die eigenen Fähigkeiten und Talente – das sind die Motive, die diesen neuen Wohnstil für viele so reizvoll machen. Manche sehen im gemeinschaftlichen Wohnen bereits eine neue, alternative Form der Sozialpolitik, durch die die Kommunen entlastet würden. Um gemeinschaftliche Wohnprojekte in allen Phasen der Planung zu beraten und zu unterstützen, hat das Frankfurter Wohnungsamt einen Arbeitskreis gegründet, an dem sich Experten verschiedener Behörden beteiligen.

Spannungen rechtzeitig begegnen

Alle Bücherbestände zu einer gemeinsamen, großen Bibliothek zu verschmelzen, Sportangebote machen und Gesprächsabende veranstalten sowie Unterstützung von Migranten bieten - das ist nur eine Auswahl der Ideen, die Birgit Buchner und die anderen Mitglieder der „Fundament“-Gruppe umsetzen wollen. „So ein Elan wirkt ansteckend, bis in den Stadtteil hinein“, glaubt Birgit Kasper.

 Gleichzeitig dürfe jedoch nie vergessen werden, dass die einzelnen Bewohner womöglich ein ganz unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe oder Privatheit haben. Um aufkommenden Spannungen und Konflikten rechtzeitig zu begegnen, empfehle sie daher häufig, einen Mediator oder Berater einzuschalten. Aber das Risiko des Scheiterns hält sie für gering: „Schlimmstenfalls wird daraus nur eine ganz normale Hausgemeinschaft.“  (Barbara Goldberg/PIA)

Weitere Informationen gibt es unter www.gemeinschaftliches-wohnen.de

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