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Ohne störende Reize bleiben Augen und Ohren offen für faszinierende Entdeckungen.

Einfach einmal abschalten

Wie der Urlaub wirklich der Entspannung dient

Um acht Uhr zur Arbeit und um 16 Uhr nach Hause? Nur wenige Menschen haben einen Job, der ihnen diese klaren Grenzen setzt. Wer sich zu Hause nicht mit seiner Arbeit beschäftigen muss, ist ein echter Glückspilz. Er arbeitet fürs Leben — und nicht umgekehrt.

Die meisten Jobs verlangen Menschen zu viel ab. Während vielerorts körperliche Strapazen im Beruf durch die Technisierung im Laufe der Jahre abgenommen haben, nimmt der psychische Druck stetig zu. Deadline hier, Meeting da, schnell noch vor dem Einschlafen die Mails checken: Es ist die ewige Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Immer mehr Menschen nehmen ihre Arbeit mit nach Hause — nicht zuletzt über ihr Smartphone. Samsung, Apple und Co. melden sich 24 Stunden lang. Mit jedem neuen Modell nehmen uns Anwendungen und Features mehr Freizeit weg. Es ist die Krux unserer Zeit, immer und überall erreichbar zu sein. Die Menschen schalten in zweifacher Hinsicht nicht mehr ab.

Selbst im Urlaub können sich viele nicht von ihrem Zwang lösen. Dabei sind diese wenigen Tage im Jahr für die meisten Arbeitnehmer sogar gesetzlich verankert als arbeitsfreie Zeit, die der Erholung dient. Auch wer selbstständig arbeitet, benötigt einen adäquaten Ausgleich zum täglichen Stress. Den Körper zur Ruhe kommen lassen, um wieder leistungsfähiger zu sein — so muss die Prämisse lauten.

Echter Urlaub ohne Störungen

Ein besonders hilfreiches Mittel zum Abschalten im Urlaub ist ein Tapetenwechsel. Bietet die Umgebung keinen Anlass zur Arbeit, verschwindet dieser Drang nach und nach von selbst. Ruhige Urlaubsorte bieten sich hier an, für die man keine weite Anreise in Kauf nehmen muss. Ein Plätzchen am Strand der Nordsee, eine ruhige Hütte in den Alpen oder die dringend nötige Auszeit im Kloster — die Auswahl ist vielfältig.

Entspannen zwischen dänischen Dünen

Strände gibt es in Deutschland, in Relation zu seinen Landesgrenzen, relativ wenige. Das Gros der Bevölkerung lebt im Inland, in Städten oder Ballungsgebieten. Hier sind Lärm, Ablenkung und Unruhe vorprogrammiert. In einer der Dünenlandschaften unseres nördlichen Nachbarn finden Ruhesuchende ihr kleines Paradies. Dänemark hat landschaftlich viel zu bieten und die Nordsee mit ihrem beeindruckenden Schauspiel aus Ebbe und Flut ersetzt den Fernseher. So gibt es beispielsweise den beliebten und traumhaften Henne Strand in Westjütland, der mit hohen Dünen von bis zu 25 Metern Höhe aufwartet und von einer großen Anzahl an idyllischen Ferienhäusern an der Nordsee umgeben ist. Damit auch die Urlaubsplanung zu Hause bereits entspannt beginnt, erfolgt die Auswahl einer passenden Unterkunft bei einer guten Tasse Kaffee — und ohne sonstige Störungen.

Eine Berghütte in der Einsamkeit

Auch im Süden Deutschlands ist die Landschaft abwechslungsreich. Die Berge der Alpen faszinieren aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht nur Flachlandbewohner. Die schroffe Landschaft sowie die unglaublichen Dimensionen versprechen vor allem eines: Ruhe. In Österreichs Vorarlberg etwa, wo sich kleine Berghütten mieten lassen, schafft es der Stress nicht über die Schwelle. Entspannte Spaziergänge in der zerklüfteten Bergwelt und die Höhenluft auf 1000 bis 2000 Metern geben Gelegenheit zum Durchatmen. Das Leben der Menschen in der Alpenregion unterscheidet sich sehr vom gehetzten Treiben andernorts. Historisch gesehen prägen hier raue Lebensbedingungen sowie die Arbeit mit Natur und Tieren den Charakter. Es finden sich sicher viele Impulse für etwas Entschleunigung.

Innere Einkehr im Kloster

Ein Klosterurlaub? Ja, das gibt es wirklich. So manches Kloster in Deutschland hat sich auf die Aufnahme von Gästen vorbereitet. In dieser Umgebung lernt jeder, wie sich in der Steuerung des eigenen Lebens ein Gang runterschalten lässt. Im Kloster Arenberg bei Koblenz etwa kann sich der getriebene Workaholic eine Portion Besinnung holen. Dabei bedeutet Klosterurlaub nicht, kategorisch auf alles verzichten zu müssen. Zum Programm gehören Wellness-Elemente wie Massagen oder Saunabesuche. Vereinzelte Angebote gibt es auch von Klöstern in anderen europäischen Regionen wie Rumänien, Spanien oder im französischen Elsass.

Zu Hause der Reizüberflutung klare Grenzen setzen

Wer nicht wegfahren möchte, muss sich an seinen freien Tagen auch daheim eine entspannte Atmosphäre schaffen. Hier ist allerdings die größte Willenskraft vonnöten. Aus allen Kanälen in der Umgebung prasseln Informationen und andere Reize permanent auf den Körper ein. Das ist teils interessant, an anderen Tagen motivierend, am Ende nur noch belastend. Wo Körper und Geist irgendwann nicht mehr in der Lage sind, alles zu verarbeiten, kommt es zu psychischer Überforderung. Bevor sich die ersten problematischen Folgen zeigen, ist ein großes STOPP-Schild notwendig. In diesem Fall muss die Devise ganz klar lauten: Weniger ist mehr.

Übermäßige Reize lassen sich schon durch kleine Schritte eindämmen. Tablet oder Handy einfach mal ausschalten und zur Seite legen? Im Grunde ist es ein einfacher Handgriff. Er fällt vielen aber unglaublich schwer, denn sie sind gewissermaßen süchtig nach ihrem Smartphone. Handysucht ist zwar noch keine anerkannte Diagnose, doch in der Zukunft zeigen sich schwarze Wolken. „Smartphone-Sucht wird bagatellisiert“, sagt Prof Dr. Dr. Manfred Spitzer, ein renommierter Psychiater und Neurowissenschaftler.

Der erste Schritt zu weniger Job in der Freizeit besteht folglich darin, den ständigen Griff zum Smartphone zu begrenzen. Was nach Feierabend dort ankommt, hat auch noch bis morgen Zeit. Dass sich ohne all unsere Kanäle die Welt trotzdem weiterdreht, beweist Florian David Fitz amüsant und eindrucksvoll in seinem neuen Film „100 Tage“. Hier müssen die beiden Protagonisten für 100 Tage sogar auf ihr gesamtes Hab und Gut verzichten. Ein Auskommen ohne Smartphone sollte damit verglichen ein Spaziergang sein. Einige Tipps und Anregungen zu einem besseren Umgang mit dem Handy helfen zu Beginn sicher weiter.

Die gesundheitlichen Folgen nicht unterschätzen

Auszeiten vom Job nehmen und sich selbst Freiräume schaffen — deren Relevanz unterstreichen aktuelle Gesundheitsdaten. Nach Angaben der Deutschen-Angestellten-Krankenkasse (DAK) erreichten unter Arbeitnehmern 2017 die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen einen neuen Höchststand. Burnout und Depressionen zählen vielfach zu den Gründen. Die Reißleine ziehen die meisten erst, wenn es längst zu spät ist. Laut Tim Hagemann, Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule für Diakonie in Bielefeld, sei es ist die Angst vor negativen Konsequenzen, die die Menschen zur permanenten Verfügung treibe. Es klingt wie Ironie. Dass dieses Bedingungsgefüge auch in die andere Richtung wahr ist, hat kaum jemand auf dem Schirm.

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