Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Verliebt in Paris: Natalie Portman als Francine und Melchior Beslon als Thomas turteln in Tom Tykwers Film "True" durch das 10. Arrondissement.
+
Verliebt in Paris: Natalie Portman als Francine und Melchior Beslon als Thomas turteln in Tom Tykwers Film "True" durch das 10. Arrondissement.

Paris: Die 24-Stunden-Filmkulisse

Paris beflügelt die Fantasie der Filmemacher wie keine zweite Stadt - Regisseur Tom Tykwer erzählt, warum das so ist. Als Jugendlicher bin ich schon deshalb sehr oft nach Paris gereist, weil es in Europa die Stadt mit den meisten Kinos war. Mein Gedächtnis ist gespeist mit Filmen, die dort spielen, und ich habe die Stadt immer auch sehr filmisch empfunden. Es hat mich fasziniert, dass der Übergang von Kino und Kulisse beinahe fließend ist.

Von AUFGEZEICHNET VON HARRY NUTT

Als Jugendlicher bin ich schon deshalb sehr oft nach Paris gereist, weil es in Europa die Stadt mit den meisten Kinos war. Mein Gedächtnis ist gespeist mit Filmen, die dort spielen, und ich habe die Stadt immer auch sehr filmisch empfunden. Es hat mich fasziniert, dass der Übergang von Kino und Kulisse beinahe fließend ist. Innerhalb und außerhalb des Kinos hatte ich immer das Gefühl, mich in einem cineastischen Traum zu bewegen. Meine Tage habe ich damals damit verbracht, zwischen Kino, Café und Boulevard hin und her zu gehen, ohne je bestimmte Plätze aufzusuchen.

Wenn es einen unbewusst nach Paris verschlagen würde - ganz egal in welchen Bezirk -, so wüsste man doch immer bereits eine Sekunde, nachdem man die Augen wieder aufgemacht hat, wo man sich befindet. Paris hat ein sehr homogenes Gesamtklima, was daher rührt dass es architektonisch relativ streng konzipiert, oder besser: re-konzipiert wurde. Weil Paris Anfang des 19. Jahrhunderts komplett neu gebaut wurde, setzt sich auch atmosphärisch eine gewisse Stringenz durch. Der architektonische Einfluss des Stadtplaners Baron Haussmann und des napoleonischen Stils spiegelt sich auch in den Filmen zum Beispiel der Nouvelle Vague, in der ganzen städtischen Kultur wieder. Man kann auf den Straßen spüren, dass Paris von künstlerischem Leben durchdrungen ist. Der Mythos vom Intellektuellen in den Cafés rund um den Boulevard Saint Germaine ist einerseits ein Klischee, aber zugleich ist er bis heute erlebbar.

Meine frühesten Erinnerungen gehen auf das 10. Arrondissement zurück, wo ich während meiner Paris-Aufenthalte in der Gegend südöstlich des Gare du Nord in billigen Pensionen gewohnt habe. Das ist nicht gerade eine sehr feine Gegend, aber dafür ist sie sehr vital. Es ist ein multikultureller Bezirk, in dem verschiedene ethnische Gruppen durchaus angespannt miteinander leben. Der Druck der modernen Welt tritt hier unvermindert zutage. Paris ist ja nicht nur ein Schmelztiegel, hier zeichnen sich in besonderer Weise die Druckwellen ab, die in urbanen Zentren pulsieren. Wir haben versucht, in unserem Segment des Films "Paris je t'aime" genau das abzubilden. Es ging mir darum, die Erinnerung an ein Gefühl wieder aufzuspüren. Dementsprechend sind es immer nur Augenblicke, die uns in der Filmsequenz, die im Viertel Faubourg Saint-Denis spielt, um die Ohren fliegen.

Die Besonderheit dieses Viertels kam uns auch bei unseren Dreharbeiten gelegen. Wir waren mit ein paar Koffern unterwegs und sind von Motiv zu Motiv gezogen - als sei ganz Paris ein Studio, und alles stünde nur für uns bereit. Wir hatte auch nur eine allgemeine Drehgenehmigung für Paris, aber keine für bestimmte Orte. Wenn wir in einem Café drehen wollten, haben wir die Leute direkt gefragt, ob das möglich sei. Wir haben oft gar nicht erst geprobt, sondern sofort gedreht. Das hat dem Film dann die Freiheit gegeben, die wir haben wollten, aber eben auch einen Reichtum an Pariser Eindrücken. Wir sahen in der Situation eher aus wie ein Studententeam, so dass kaum jemand auf die Idee gekommen ist, dass wir dort mit einem Star wie Natalie Portman drehten, obwohl zu der Zeit gerade ein neuer Star Wars-Film mit ihr herausgekommen war.

Das Projekt "Paris je t'aime" zeigt die Stadt in seiner atemberaubenden Vielfalt. Es gibt das afrikanische Paris in der Sequenz "Place des fetes" von Oliver Schmitz, und wenn Christopher Doyle, der Kameramann von Wong Kar-Wei, sein Paris am Port de Choisy entdeckt, dann wirkt es chinesisch. Paris schafft eine magische Atmosphäre. In den homogenen architektonischen Raum, den die Stadtplaner im 19. Jahrhundert geschaffen hatten, haben sich inzwischen zwei Jahrhunderte Leben hineingequetscht. Daraus ist eine unvergleichliche Intensität entstanden, die einerseits aus sozialer Konfrontation hervorgeht, aber auch durch überwältigende Schönheit und kulturellen Reichtum geprägt ist. Paris ist mit seinen zahlreichen Museen vom Louvre bis zum Musée d'Orsay ein Gesamtkunstwerk, und alles ist in großer Fülle vorhanden.

Die Kunstgeschichte hat sich so tief in die Menschen und in die Gebäude eingebrannt, dass sie eine besondere Ausstrahlung erzeugen. Das ist letztlich ein mythologischer Vorgang, dass die Stadt eine so große Anziehungskraft auf so viele Menschen ausübt. In Paris steckt eine Sehnsucht nach kultureller Identität, es ist, als berührte man seinen genetischen Basiscode. Das ist es wohl auch, was eine Art heimatlichen Reflex erzeugt.

Dagegen findet man in Paris heute keine Spuren mehr aus der Zeit, in der "Das Parfüm" spielt, mein letzter großer Spielfilm. Das radikale Werk des Baron Haussmann bestand ja darin, der Stadt ein neues Gesicht und eine neue Struktur zu geben. Die Boulevards sind ja erst nach der Zeit des Parfüm-Helden Jean Baptiste Grenouille entstanden - nicht zuletzt, um der Kriminalität Herr zu werden. Auch die Elektrifizierung ist ja vor allem durchgesetzt worden, um die Gauner aus der Stadt zu jagen.

Das Zuhause der Fantasie

"Das Parfum" spielt in der Zeit des Rokoko, und im Rokoko geht es ja bereits um eine Verklärung, eine Art Weichzeichnung einer Epoche, die eine Vorahnung davon hatte, dass diese Art des Lebensraums, in der die Konflikte zwischen arm und reich immer drastischer wurden, zu Ende geht. Wir haben im "Parfüm" versucht, die Stadt so zu beschreiben, wie sich für Menschen angefühlt hat, die der Unterschicht angehörten. Es gab keine Kanalisation, man stapfte durch die Kloake. Man kippte den Müll und die Essensreste auf die Straße, in deren Mitte eine Ablaufrinne war. Und so rann im Zeitlupentempo das stinkende und faulende Etwas langsam in Richtung Seine. Die Seine war ein völlig verpesteter Fluss, in dem die Kadaver umherschwammen.

Wenn man sich als Filmemacher nicht in ein Verhältnis setzt zu den Räumen, in denen man sich bewegt, verpasst man eine große Chance. Es hieße, auf eine atmosphärische Dimension zu verzichten, die für mich essenziell ist. In diesem Sinne habe ich mich immer auch auf die Städte bezogen, in denen meine Filme spielen. Paris und meine Wahlheimat Berlin sind sehr gegensätzlich. Während Paris schon architektonisch sehr statisch ist, ist Berlin eine Stadt in Bewegung. Berlin ringt immer mit seinem Äußeren, aber im Innern bedeutet es für mich doch immer auch Stabilität. Berlin ist der Ort, an dem ich mich zu Hause fühle, meine Seele gehört nach Berlin. In Paris aber fühlt sich meine Fantasie zu Hause.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare