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Bei einer Jangtse-Fahrt fordern die Touristen Action am laufenden Band.
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Bei einer Jangtse-Fahrt fordern die Touristen Action am laufenden Band.

China: Alles super! Wie immer.

"Vorsicht beim Einsteigen", ruft die Frau mit der hohen Stimme in gebrochenem Englisch durch das Megaphon. "Vorsicht beim Einsteigen!" Unzählige Füße trappeln über den nassen Holzsteg, jeder will als Erster eines der Boote erreichen, die im Dutzend lang und schmal im Wasser liegen und bei dem Ansturm bedenklich zu schaukeln beginnen.

Von ELEONORE VON BOTHMER UND STEPHAN LOICHINGER

"Vorsicht beim Einsteigen", ruft die Frau mit der hohen Stimme in gebrochenem Englisch durch das Megaphon. "Vorsicht beim Einsteigen!" Unzählige Füße trappeln über den nassen Holzsteg, jeder will als Erster eines der Boote erreichen, die im Dutzend lang und schmal im Wasser liegen und bei dem Ansturm bedenklich zu schaukeln beginnen.

Es sind Hunderte von Jangtse-Reisende, die an diesem diesigen Vormittag ihre Ausflugsdampfer für zwei Stunden verlassen und wenige Flusskilometer hinter der Stadt Wushan auf hölzerne Motorboote umsteigen, um durch die so genannten Kleinsten Schluchten zu fahren. Hier rücken die bis zu 800 Meter hohen, grün bewachsenen Felswände noch näher an sie heran als in den berühmten Großen Schluchten des Jangtse zwischen den Mega-Städten Chongqing und Wuhan im südwestlichen China, fallen noch steiler links und rechts neben ihnen ins Wasser. "Vorsicht beim Einsteigen!" Nachdem die Touristen, die meisten von ihnen Chinesen, eine passende orangefarbene Rettungsweste gefunden und angelegt haben, setzen sich die Motorboote langsam und sachte schaukelnd in Bewegung. Türkises Wasser gluckert gegen den Holzrumpf.

Volkssport Fotografieren

Die Reisegesellschaft ist gut gelaunt, es wird gescherzt und gelacht. Diese Fahrt durch die Kleinsten Schluchten ist der Höhepunkt der dreitägigen Schiffstour auf dem längsten Strom Chinas, dem drittlängsten der Welt. Kein Reiseführer über das Reich der Mitte kommt ohne Fotos von dieser ebenso rauen wie schönen Gegend aus: Wie wild aufgeworfene Wellen zwängen steile Felswände den Fluss in ein schmales Bett, kein Haus schmiegt sich hier mehr an die Hänge. Hat man nicht das Pech, dass der Nebel niedrig über dem Wasser hängt, kann man sich wie in einer archaischen Landschaft fühlen. Und doch erkennen die wenigen Ausländer in der Reisegesellschaft bald, dass der wahre Reiz dieser Jangtse-Flussfahrt noch näher liegt: Es sind die Chinesen und wie sie reisen. Es geht ihnen um Action, nicht um Tiefgang.

Am Heck unseres Motorboots stößt ein kleiner Mann ein flaches Holzruder ins Wasser und strahlt unter seinem Strohhut hervor, den er tief ins von tausend Runzeln zerknitterte Gesicht gezogen hat. Es dauert nicht lange, da steht der erste chinesische Tourist an seiner Stelle, den Hut auf dem Kopf, das Ruder in der Hand, in der stolzen Positur eines Großwildjägers, der gerade einen Löwen erlegt hat, und lässt sich fotografieren. Das Lieblingsspiel der Chinesen ist eröffnet. Ein Zweiter folgt und ihm ein Dritter. Auf den anderen Booten spielt sich Ähnliches ab. Im Hintergrund ziehen Felswände und grüne Hänge unbeachtet vorbei. Die Luft ist kühl und frisch, reingewaschen vom Regen. Für einen Augenblick herrscht Stille, nur der Bootsmotor tuckert sanft.

Wer kein Chinesisch spricht, auch das merken die Ausländer bald, dem bleibt oft nicht mehr als Staunen und Mutmaßen. Die Reiseführerin spricht ein wenig Englisch, ist aber ständig beschäftigt und gerade auf einem der anderen Boote. Herr Foguang und Herr Chunhui, die beiden Geschäftsmänner aus Guangzhou, die mit uns eine Kabine auf dem Ausflugsdampfer "Min Shan" teilen, lächeln freundlich, winken, machen Fotos und signalisieren mit erhobenem Daumen: Alles super! Wie immer.

Nach einer knappen halben Stunde ist das Ende der Kleinsten Schluchten erreicht. Das muss reichen, immerhin gilt es noch andere Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Die Rückfahrt wird passend zur chinesischen Begeisterung für den Wettbewerb als Rennen angetreten. Ein Boot versucht das andere zu überholen, die Passagiere feuern die Bootsführer an. Mehr Tempo! Wir wollen die Ersten sein! Die Anlegestelle taucht wieder auf. Wollte vorher jeder der Erste auf dem Boot sein, so kann es jetzt nicht schnell genug gehen, es wieder zu verlassen. Natürlich geht es nicht ohne Gedrängel und Geschiebe. Glücklicherweise nimmt niemand dem anderen die unsanfte Behandlung übel - Drängeln gehört zum Alltag in einem Land, das fast eineinhalb Milliarden Menschen bevölkern.

Den Ausflug sollte man genossen haben. Wie lange es die Flusslandschaft mit den Kleinsten Schluchten noch geben wird, ist ungewiss. Gerade mal 130 Kilometer flussabwärts, nahe der Stadt Zigui, ist der Drei-Schluchten-Staudamm gebaut worden: ein gigantisches Projekt, drei Kilometer breit, 185 Meter hoch, das größte und umstrittenste Wasserkraftwerk der Welt. 2008 soll es in Betrieb gehen. Dann wird ein 1084 Kilometer langer Stausee ganze Landstriche unter Wasser setzen. Wenn der Jangtse geflutet wird, verschwinden etliche Dörfer und Städte. Hunderttausende Menschen sind bereits umgesiedelt worden. Die Felswände entlang des Flusses werden noch immer in die Fluten fallen, aber der Wasserspiegel wird um mehr als hundert Meter angestiegen sein. Was dann mit dem Tourismus auf dem Jangtse passiert, vermag noch keiner zu sagen.

Zurück auf dem Ausflugsdampfer "Min Shan" überfällt schläfrige Trägheit die eben noch muntere Gesellschaft. Wohin das Auge blickt, schlummert jemand. Im Bootsbauch brummen die Maschinen, Wände und Fußböden zittern. Bis zur Besichtigung des großen Staudamms am Abend bleibt Zeit. Nebel verhüllt die zackigen Hügelketten und legt sich weiß und wattig über den Fluss.

Ihre Fähigkeit, überall, zu jeder Tageszeit, in jeder erdenklichen Haltung und auch bei Lärm und in der Öffentlichkeit zu schlafen und genauso schmerzlos wieder aufzustehen, kommt den Chinesen auf dieser Reise zugute. Bis sie sich wieder in ihre Stockbetten in den Sechser- oder Viererkabinen legen können, wird es in dieser Nacht sehr spät werden. Zweierkabinen leisten sich nur die paar Ausländer an Bord dieses Ausflugsdampfers der eher unteren Kategorie, Engländer, Deutsche und Holländer.

Die Besichtigung des Staudamms beginnt, gegen Zahlung eines Aufpreises, um neun Uhr abends. Die Reisenden, auch die der anderen Dampfer, steigen um in klapprige Busse und - schlafen. Vorne spricht die Reiseführerin unablässig ins Mikrofon. Wie gern die Ausländer sie verstehen würden! So erreichen sie nach scheinbar endloser Fahrt durch die Nacht ein eingezäuntes Gelände. Sobald sie aus den Bussen gestiegen sind, dirigiert sie eine Megaphon-Stimme zu einem weißen Flachbau aus Beton.

Staudamm als Riesenmodell

Dort ist nur Platz für ein drei Meter breites Modell des Staudamms. Die Touristen beäugen alles gespannt: die große Mauer, die vielen Schleusen, den Stausee, der hier zehn Meter misst. Es bleibt nur Zeit für ein kurzes Staunen angesichts der Dimensionen des Bauwerks, bevor die Horde weitergetrieben wird. Ein kurzer Abstecher auf einen Hügel mit einem beleuchteten Denkmal, das an den Baubeginn des Staudamms gemahnt, ist Pflicht - fürs Fotoalbum. Herr Foguang und Herr Chunhui sind auch schon da. Daumen hoch. Super.

Geschwind zum Bus. Zehn Minuten fahren. Aussteigen. Kurzer Blick von einer Aussichtsplattform auf die gigantische Staumauer. Das muss genügen. Tut es auch, im der von wenigen Lampen nur schwach aufgehellten mondlosen Nacht ist wenig zu erkennen. Sieht aus wie... eine große Mauer. Wer trödelt, wird von einer jungen Reiseleiterin freundlich zur Eile ermahnt. Das Programm ist noch längst nicht zu Ende.

Elf Uhr abends, noch ein Ausflug in ein Aquarium. Mit dem Bus sind wir in wenigen Minuten dort. Ein graues Betongebäude, drinnen sprechen die Reiseführer schnell und laut. Um sie herum Menschentrauben. Tuscheschwarze Haarschöpfe und Digitalkameras, mit ausgestreckten Armen in die Luft gehalten, versperren die Sicht auf die beleuchteten Becken. Die Ausländer verteilen sich vor den übrigen, unbeachteten Bassins, wo das leuchtende Orange der Goldfische mit nacktem Beton kontrastiert. - nicht eine Pflanze sorgt für Ablenkung.

Das war nicht die letzte Attraktion des Abends. Ein paar Schritte vom Aquarium entfernt, nur eine Straße weiter, ist ein mittelalterliches Spektakel in vollem Gange. Scheinbar auf freiem Feld steht hier eine Arena mit Sitzreihen aus Beton. Auf Pferden galoppieren Akrobaten unter Flutlicht, Atemwölkchen hängen in der kühlen Nachtluft. Ein Mann erläutert das Geschehen mit blecherner Mikrofonstimme wie ein Fußballkommentator. Gezeigt wird wohl die Geschichte dieser Region, die einst ein großes Königreich war. Mehr oder weniger gebannt schauen die Chinesen zu, sie lachen und schwatzen. Als das Stück zu Ende ist, stehen sie auf und gehen. Niemand klatscht. Für Applaus bleibt keine Zeit. Die Busse warten.

Nächtliches Markttreiben

Es ist weit nach Mitternacht. Am Hafen herrscht Betriebsamkeit wie am Tag. Hühnchen werden verkauft und gebraten, vom Kamm bis zu den Füßen ist alles dran. Auch Berge von glitzernden Fischchen, dampfendes Gemüse, staubige Colaflaschen liegen auf den Holztischen. An der Anlegestelle reiht sich Liegestuhl an Liegestuhl. Friedlich macht hier der eine oder andere ein Nickerchen, zugedeckt von rosa Deckchen. Einige Männer strömen sofort zusammen, Kippe im Mundwinkel, beugen sich über eine wackelige Kiste und spielen wild gestikulierend Karten. Herr Foguang und Herr Chunhui sitzen auf zwei Holzstühlchen und winken uns zu sich herüber. Wir sitzen zusammen, lächeln, trinken einen süßen chinesischen Schnaps. Es stinkt nach moderigem Wasser und faulem Obst. Ausnahmsweise schreit gerade keine Stimme durch ein Megaphon. Es ist geradezu friedlich.

Dann wird es auch schon wieder Zeit. Gegen zwei Uhr nachts steuert das Schiff den Hafen an. Die Reiseleiter haben ihre Megaphone griffbereit, denn sie wissen, dass es gleich wieder losgeht mit dem Gedrängel und Geschiebe. "Vorsicht beim Einsteigen", schallt es durch die Nacht, "Vorsicht beim Einsteigen!"

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