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Als Backpackerin allein im Iran

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Feuertempel der Zoroastrier, Yazd, Iran.
Feuertempel der Zoroastrier, Yazd, Iran. © Helena Henneken/ Gudberg Verlag

In ihrem Reisetagebuch „they would rock“ räumt Helena Henneken mit gängigen Klischees auf. Iran - das ist mehr als Sittenwächter und Atomstreit. Was die Hamburgerin auf ihrer Reise durch das Land erlebt hat.

„Iran“. Den meisten Menschen in Europa fallen dazu Stichworte ein, wie: Ahmadinedschad, Sittenwächter, Atomstreit, Scharia. Das Bild, das viele Europäer von dem vorderasiatischen Land im Kopf haben, ist alles andere als positiv. Helena Henneken wollte sich damit nicht abfinden. Die Hamburgerin, Mitte 30, wollte sich vor Ort ihr eigenes Bild machen – und reiste in den Iran. Acht Wochen. Als Frau. Allein. Was sie dabei erlebte, erzählt sie in ihrem Buch ?they would rock?.

Sicherheit

„Auch wenn ich gedanklich „Der Macht“ begegnet bin, habe ich nach fast einer Woche Iran das Gefühl, dass der Lonely Planet bezüglich der real existierenden Sicherheitslage für Touristen tatsächlich Recht hat: Ich habe mich selten in einem so fremden Land auf Anhieb so sicher gefühlt.“

Kleidung

Immer, bevor sie das Hotelzimmer verlässt, legt Helena Henneken ein Kopftuch an: „Ich hätte nicht in dieses Land reisen sollen, wenn ich mich darüber aufregen wollen würde.“ In der Öffentlichkeit tragen alle Frauen lange Hosen und Oberteile. Aber Henneken beobachtet, dass viele Kleidungsstücke figurbetont und modisch sind. Das Kopftuch legen viele Iranerinnen wie ein Accessoire locker um den Hinterkopf. Auch mit Nagellack bemalte Fingernägel sieht Henneken. „Die Geschichten von der Sittenpolizei, die „schlecht gekleidete“ Frauen auf der Straße rügt oder sogar mit aufs Revier nimmt, [...] scheinen diese Mädchen und Frauen auf jeden Fall nicht abzuschrecken.“

Schönheit

Gut geformte Nasen gelten im Iran als Schönheitsideal. Wohlhabende Iraner helfen mit einer Schönheitsoperation nach, beobachtet Henneken. Das Geschäft für Chirurgen boomt. Das Indiz einer OP: ein Pflaster auf der Nase. „Von einigen ihrer „Besitzer“ werden sie stolz wie Fashion-Items getragen, egal ob Frau oder Mann.“ Manche Frauen würden sich außerdem so perfekt schminken, dass sie für Deutsche wie Schaufensterpuppen aussähen. „Vielleicht eine natürliche Reaktion, wenn Frau ihr Haar verschleiern und Hijab tragen muss- also theoretisch ihren ganzen Körper außer dem Gesicht zu verhüllen hat.“

Frauenrechte

Im Gespräch mit einem Mullah erfährt Henneken einiges über die rechtliche Stellung der Iranerinnen:

– Eine Frau kann im schiitischen Islam einen „mullahähnlichen“ Status erreichen, darf anderen Gläubigen aber keine Weisungen erteilen und Männern nicht vorbeten.

- Mädchen können legal mit 13 Jahren, Jungen mit 15 Jahren verheiratet werden.

- Ein Mann darf mehr als eine Frau heiraten, wenn die erste Ehefrau zustimmt, Vielehen sind aber selten.

– Das zu entrichtende ,Blutgeld‘ ist für eine getötete Frau halb so hoch wie bei einem getöteten Mann.

Polizei

Von vielen Iranern hört Helena Henneken den Satz: „Wenn du die Polizei siehst, renn weg.“ Der Satz werde zwar scherzhaft ausgesprochen, sei aber sehr ernst gemeint. Im Iran wird zwischen verschiedenen Arten von Polizei unterschieden: Sicherheit, Sitte, Verkehr, Geheimdienste. Als Freund und Helfer wird keine davon angesehen.

Alkohol

Alkoholfreies Bier ist überall zu haben, in unterschiedlichen Größen und Geschmacksrichtungen. „Offensichtlich tut die iranische Industrie alles, um die Iraner das Alkoholverbot zumindest bezogen auf Bier vergessen zu lassen. […] Geschmacklich hat das süß-fruchtige Gebräu aber nur wenig mit unserem Bierverständnis zu tun.“ Echten Alkohol gibt es auch - allerdings nur illegal.

Männer und Frauen

Eine Freundin oder einen Freund zu haben, ist im Iran illegal, schreibt Henneken. Sex vor der Ehe ist gesetzlich verboten. In der Öffentlichkeit dürfen sich unverheiratete Frauen und Männer nicht zusammen zeigen. „Schon eine gemeinsame Autofahrt kann von der Polizei gestoppt werden und – wenn kein Verwandtschaftsverhältnis nachweisbar ist – zum Besuch der Polizeistation führen.“ Trotzdem umgehen viele Iraner die strengen Gesetze. Sie zeigen sich nur in Gesellschaft von Freunden als Paar und verheimlichen ihre Beziehung bis zur Hochzeit.

Junge Generation

Auf die Frage, was sie beruflich machen, antworten Henneken viele junge Iraner sie hätten keinen Job. „Und gehen dann doch zur Arbeit: als Buchhalter in der Firma der Eltern, Kassierer im Restaurant, Wochenend-Bergführer.“ Das seien aber nur Arbeiten, um sich finanziell über Wasser zu halten. „Jobs, die ihrem Studienabschluss entsprechen, haben sie nicht. Und die sind aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage gerade auch kaum zu finden. Egal, wie gut ihre Noten sind. Egal, wie sehr sie sich anstrengen.“

Deutschland

Überrascht stellt Henneken fest, dass Iraner viel über Deutschland wissen und interessiert nachfragen: „Neben Themen wie Fußball und Musik – Modern Talking! Rammstein! – verstricken sie mich oft auch in ganz andere Diskussionen: Von Goethes Inspiration durch den persischen Dichter Hafez, über die Rolle von Angela Merkel in der europäischen Wirtschaftskrise bis hin zu der Frage „So, how ist he situation between East and West Germany two decades after reunification? Do you still have any problems?““

Politik

Obwohl die meisten Iraner, die Henneken trifft, politisch informiert sind und klare Meinungen haben, gehen viele nicht wählen - um das politische System mit ihrer Stimmabgabe nicht zu unterstützen. „Es gibt kein demokratisches Parteiensystem. Stattdessen sucht der Wächterrat die wenigen Präsidentschaftskandidaten aus. […] Und vielleicht wird die Wahl dann auch noch von der Regierung manipuliert.“ Die eigentliche Macht habe sowieso der religiöse und politische Führer Chamenei – und der sei nicht demokratisch gewählt.

Offenheit

Bei einer Tasse Tee sagt ein Ladenbesitzer, Mitte 50, zu ihr: „Please tell  everyone in your country that we hate our government! And that we love all the people: Iranians, Israelis, Germans, French, Americans – we really love Americans – it doesn’t matter who! We really love all the people!“

Gastfreundschaft

Die Gastfreundschaft der Iraner ist riesengroß. Wohin sie geht, wird Henneken von fremden Menschen herzlich begrüßt und eingeladen. „Ich werde durch den Ort gereicht, von einer Familie zur nächsten: zum Mittagessen, Tee, Abendessen, Übernachten. Ganz egal, ob die Familien reich oder arm sind, ob sie in einem modernen oder traditionellen Haus mit Kuhstall im Untergeschoss wohnen, ich erhalte so viele Einladungen, dass ich gar nicht alle annehmen kann.“ Darüber führt sie genau Buch: 

- 69 Einladungen von fremden Menschen, davon 36 angenommene und 21 ausgeschlagene Einladungen zu ihnen nach Hause plus 12 angenommene Einladungen zu Essen und Tee aushäusig

- 104 „Welcome to Iran!“- Begrüßungen durch unbekannte Menschen

- 28 erhaltene Geschenke

Fazit

„Es ist für mich ein großes Rätsel, wie eine derartige Kluft zwischen dem Image eines Landes und den Erlebnissen mit den Menschen vor Ort entstehen kann. […] „If my people lived in another country, they would rock!“ Damit ist eigentlich alles gesagt. Treffender als die 16-jährige Azadeh aus Sanandaj kann ich meine Eindrücke und Erlebnisse von 59 Tagen Iran kaum auf den Punkt bringen. Wobei für mich jetzt schon gilt: The people in Iran – they rock!“

Über die Autorin

Helena Henneken, Jahrgang 1977, geboren in Paderborn, ist viel gereist, zum Beispiel von Kolumbien nach Feuerland, durch Usbekistan, Kirgisistan, Indien, Bhutan und Indonesien. Wenn sie zuhause in Hamburg ist, arbeitet sie als Coach und Kommunikationsberaterin.

Das Buch

Helena Henneken: they would rock - 59 Tage Iran, erschienen im Gudberg Verlag, 301 Seiten, 24,90 Euro.

(kkl)

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