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Ein Albtraum: Der Lehrer Fabian Sorge (Hans Löw) muss sein Abitur nochmal machen. 

TV-Kritik zu „Eine Klasse für sich“

„Eine Klasse für sich“: eine viel zu harmlose Komödie

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In der gut gespielten, aber viel zu harmlosen Komödie mit Hans Löw muss ein Gymnasiallehrer sein Abitur nachholen.

Wäre dieser Film eine Klassenarbeit, könnte die Bewertung lauten: „Im Ansatz gut, aber das kannst Du besser!“ „Eine Klasse für sich“ erzählt die nicht ganz realistisch anmutende Geschichte eines offenbar beliebten Kölner Lehrers, dem ein Gesuch um Verbeamtung zum Fallstrick wird: Der Kollege vom Schulamt, der den Vorgang bearbeitet, entpuppt sich als einstiger Mitschüler. Er kann sich noch gut daran erinnern, dass Fabian (Hans Löw), der damals noch Mirko hieß, durchs Abitur gerasselt ist; sein Abi-Zeugnis ist eine Fälschung. Weil die Rektorin den Lehrer jedoch über die Maßen schätzt, gibt sie ihm eine zweite Chance: Wenn er das Abitur nachholt, darf er in den Schuldienst zurückkehren, weshalb er im gestandenen Alter von circa vierzig Jahren noch mal die Schulbank drücken muss.

Was zunächst nach einer Komödie im Stil des Heinz-Rühmann-Klassikers „Die Feuerzangenbowle“ (1944) klingt, entpuppt sich als Sozialdrama mit heiteren Zügen, denn das Drehbuch (Sebastian Orlac) konfrontiert Fabian in der Kollegklasse mit Mitschülern, die prototypisch für verschiedene Schicksale stehen: Die einsame Klofrau Hellen (Johanna Gastdorf) vertreibt sich ihre Arbeitszeit mit der Lektüre von Goethes „Faust“; die junge Kopftuchkurdin Bingül (Yeliz Simsek) arbeitet im Kiosk ihres Bruders, der nichts von ihren Bildungsplänen erfahren darf, hat eine Website für Online-Zocken entworfen und will Informatik studieren; Yussuf (Sami Nasser) sieht zwar nicht mehr so aus, war aber mal Profi beim 1. FC Köln, arbeitet jetzt auf dem Bau und träumt davon, Ingenieur zu werden. Fabian fällt in dieser Runde natürlich komplett aus dem Rahmen, aber für Cora (Alwara Höfels) gilt das noch viel mehr: Sie ist in einem goldenen Käfig aufgewachsen, denn ihr Vater ist kein geringerer als der Immobilien-Mogul Hambach (Peer Martiny). Der Mann ist berüchtigt für seine überhöhten Mieten und muss sich außerdem wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten, kommt aber aus Mangel an Beweisen davon. Als das Kolleg geschlossen wird, weil die Geschäftsführerin bei Hambach mit der Miete in Rückstand ist, lädt Cora die Lerngruppe kurzerhand in ihr großzügiges Elternhaus ein. Der Vater erholt sich in Spanien vom Prozess, kehrt aber natürlich just an jenem Morgen heim, als das Quintett den Weinkeller geplündert hat und nach durchzechter Nacht seinen Rausch ausschläft. 

Dünne Geschichte mit vielen Versatzstücken 

Die einzelnen Figuren sind zwar klischeehaft, aber sympathisch, was deshalb auch für die Geschichte gilt. Dass „Eine Klasse für sich“ trotzdem nicht restlos überzeugt, liegt an der allzu überschaubaren Geschichte, vielen allzu unoriginellen Versatzstücken und an der Inszenierung. Regisseurin Christine Hartmann hat schon oft bewiesen, wie gut sie ihr Metier beherrscht. Eine ihrer besten Arbeiten ist die Verfilmung von Gaby Kösters autobiografischem Schlaganfallbuch „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ (RTL 2017). Ihre letzten Filme, „Club der einsamen Herzen“ sowie ein weiterer „Tatort“ aus Köln („Kaputt“; beide 2019), waren allerdings eher enttäuschend. Die Komödie hätte viel bissiger ausfallen müssen, und das Manko des Krimis waren ausgerechnet die Darsteller; dabei hatte sich beispielsweise Hartmanns ADHS-Drama „Keine Zeit für Träume“ (2014) gerade durch die vorzügliche Führung der Schauspieler ausgezeichnet.

Dem Film fehlt ein gewisser Biss 

Zumindest dies muss sich die Regisseurin bei „Eine Klasse für sich“ nicht vorwerfen lassen; das Ensemble ist prima zusammengestellt und sehenswert. Eine wichtige Rolle spielt dabei nicht zuletzt Fabians Teenager-Sohn Luca (Victor Maria Diderich): Nachdem Fabians Schwindel aufgeflogen ist, taugt er natürlich nicht mehr als Vorbild; prompt stellt der Junge sämtliche Werte, die der Vater ihm stets gepredigt hat, in frage. Weil sich seine Eltern nur noch um sich selbst kümmern, weiß er ohnehin nicht mehr, wo er hingehört. Trotzdem fehlt „Eine Klasse für sich“ ein gewisser Biss, zumal Orlac bestimmte Handlungselemente zwar als wichtig einführt, dann aber nicht weiter vertieft. So hat Fabian angeblich große Probleme mit seiner ostdeutschen Vergangenheit. Deshalb hat er auch seinen Namen geändert, denn Mirko sei, wie Cora feststellt, „voll der Ossi-Name“. Ob das so ist, sei mal dahingestellt; vertieft wird der behauptete Identitätskonflikt ohnehin nicht.

Derartige Details gibt es einige. Recht amüsant, aber wenig glaubwürdig ist zum Beispiel die Idee, dass Fabian seinen ziemlich erwachsenen Sohn als Darth Vader überrascht („Luca, ich bin dein Vater“), und das peinlicherweise direkt vor dem Schulgebäude. Szenen wie diese, von Löw gleichermaßen witzig wie anrührend gespielt, machen Fabian zwar liebenswert, lassen den Film jedoch trotz der ohnehin nur angedeuteten seriösen wie eine Freitagskomödie im „Ersten“ wirken. Das gilt erst recht für verunglückte Kalauer: Im Fach Geschichte will Yussuf beim Thema Wiedervereinigung wissen, warum denn dauernd von „Wände“ die Rede sei, es habe sich doch um eine Mauer gehandelt; da sind die Drehbücher, die Orlac für die ZDF-Reihe „Lotta &…“ (mit Josefine Preuß) schreibt, von ganz anderem Kaliber. Hinzu kommt, dass dem Film irgendwann die Handlung ausgeht; das Gelage ist viel zu lang geraten. Am Ende läuft die Geschichte darauf hinaus, dass Fabian dem Unternehmer ein Angebot macht, das Hambach nicht ablehnen kann; aber selbst dieser Coup ist wenig plausibel eingefädelt.

„Eine Klasse für sich“, ARD, 20.15 Uhr

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