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Wir nennen uns Bonusfamilie - von links: Lisa (Inez Bjørg David), Patrick (Lucas Prisor), Martin (Steve Windolf) und Katja (Anna Schäfer).

„Bonusfamilie“, Das Erste

TV-Kritik: ARD adaptiert schwedische Familienserie - und das gar nicht mal so gut

Die Adaption einer schwedischen Serie funktioniert nach dem schlichten Motto „Familie und andere Katastrophen“.

Zumindest in der westlichen Welt haben TV-Zuschauer überall ganz ähnliche Bedürfnisse und Erwartungen; deshalb haben Sender schon immer gern adaptiert, was anderswo erfolgreich war. In der Frühzeit des deutschen Fernsehens bezog sich das meist auf Quizshowkonzepte („Was bin ich?“); aber mit Einführung der Privatsender wurden auch Serien adaptiert („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“). Die Vox-Produktionen „Club der roten Bänder“, „Milk & Honey“ und „Rampensau“ sind sogar allesamt ausländischen Vorbildern nachempfunden. 

Die Serienkonzepte von ARD und ZDF waren dagegen bis auf ganz wenige Ausnahmen („Ein Herz und eine Seele“) stets Originale. „Bonusfamilie“ basiert jedoch auf einer schwedischen Vorlage. Sogar der Titel wurde übernommen. Dabei hat die Serie nichts zu bieten, was sich nicht auch deutsche Autoren hätten ausdenken können, denn die Handlung funktioniert nach dem schlichten Prinzip „Familie und andere Katastrophen“.

TV-Kritik zur ARD-Serie: Die üblichen Verdächtigen

Schon die personelle Konstellation ist denkbar einfach. Als sich Lisa (Inez Bjørg David) und Patrick (Lucas Prisor) ineinander verliebt haben und zusammengezogen sind, haben beide „Bonuskinder“ mitgebracht: Ihre zehnjährigen Söhne sind fast auf den Tag genau gleichaltrig; Lisa hat außerdem eine Teenagertochter. Die beiden Jungs müssen sich ein Zimmer teilen, sind aber wie Feuer und Wasser, denn Eddie (Fillin Mayer) ist das kleine Pendant seines eher schlicht gestrickten Vaters Martin (Steve Windolf); William (Levis Kachel) dagegen verströmt den Stallgeruch einer englischen Eliteschule.

ARD Familienserie: Etwas handlungsarm

Auf dieser Basis erzählt Antonia Rothe-Liermann von allerlei Ereignissen, die Regisseurin Isabel Braak allerdings ohne erkennbare Dramaturgie aneinandergereiht hat. Das lässt die Folgen etwas spannungsarm wirken. Selbst wenn die einzelnen Begebenheiten lebensnah sind und in einer reizvollen Mischung aus Komödie und Drama erzählt werden: Es gibt keinen Höhepunkt, auf den die jeweiligen Kapitel zusteuern. Über allem schwebt die Frage, ob es Zweitvater Patrick und Ziehkind Eddie irgendwie schaffen, sich zusammenraufen, denn der Junge ist ziemlich schwierig; gerade in seiner Hinsicht ist die Bezeichnung „Bonus“ blanker Euphemismus. Eddie nimmt seiner schwangeren Mutter übel, dass sie ihr Versprechen gebrochen hat, kein drittes Kind zu bekommen. Selbst wenn der Nachwuchs nicht geplant war: Schuldgefühle hat Lisa trotzdem. Martin ist natürlich ebenfalls nicht begeistert.

TV-Kritik "Bonusfamilie": Unterschied zum schwedischen Original

Ansonsten zerfasert die Serie jedoch in viele kleine Handlungsstränge, die aber immerhin geschickt miteinander verworben sind. So scheitert Martin zum Beispiel am Kauf einer Eigentumswohnung, weil er keinen Kredit bekommt und Patrick sein Veto einlegt, als Lisa eine Bürgschaft übernehmen will. Martin rächt sich für die Abfuhr, wenn auch ohne es zu ahnen, in dem er Eddie, der sich auf ein eigenes Zimmer gefreut hat, zum Trost eine Königsnatter schenkt. Patrick hat jedoch eine ausgeprägte Schlangenphobie, und selbstverständlich verlässt das Tier bereits am ersten Abend unerlaubt sein Terrarium. 

Der Raum, den die Drehbücher den Ex-Partnern geben, ist der deutlichste Unterschied zum schwedischen Original: Während Martin zu seiner Mutter (Swetlana Schönfeld) gezogen ist, die Trennung immer noch nicht verkraftet hat und seine Wut regelmäßig gegen Patrick richtet, führt dessen Ex-Frau Katja (Anna Schäfer) ein Karriereleben, in dem kein Platz für andere Menschen zu sein scheint. Trotzdem kommt es zu einer neuen Beziehung ein, die unfreiwillig von William eingefädelt wird: Er freundet sich mit Katjas Mitarbeiter Hendrik (Matthias Lier) an, und der nutzt die Gelegenheit, sich an die verehrte Chefin ranzumachen. Auch Martin verguckt sich in eine attraktive Kollegin (Maxine Kazis).

Sehenswert, mit komödiantischen Momenten

Das hat alles einen gewissen Unterhaltungswert, aber sehenswert ist „Bonusfamilie“ in erster Linie wegen der ausnahmslos guten schauspielerischen Leistungen. Gerade Steve Windolf hat einige wunderbare komödiantische Momente; Martins Dialoge mit seinem Arbeitskollegen Sepp (Arnel Taci) sind die witzigsten Wortwechsel der Serie. Auch bei den jungen Darstellern (Louise Sophie Arnold spielt die heranwachsende Tochter) hat Braak vorzügliche Arbeit geleistet. Ihr erster Film war die im Rahmen der NDR-Debütreihe „Nordlichter“ ausgestrahlte Komödie „Plötzlich Türke“ (2016), in der ein junger Deutscher eine kafkaeske Ämter-Odyssee erlebt, weil er plötzlich ein Mensch ohne Nationalität ist. Es folgte „Die Bestatterin - Der Tod zahlt alle Schulden“, eine sympathische Heimatkrimikomödie mit Anna Fischer als Bestatterin auf der Schwäbischen Alp (2019). Angesichts dieses mehr als gelungenen bisherigen Wirkens der Regisseurin ist die Kraftlosigkeit von „Bonusfamilie“ erstaunlich. Ungewöhnlich ist auch der Sendeplatz: Das „Erste“ zeigt die von BR, MDR und SWR koproduzierte Serie nicht auf dem eingeführten Seriensendeplatz am Dienstag, sondern in drei Doppelfolgen anstelle des Mittwochsfilms. Gemessen am Anspruch der Dramen, die die ARD dort sonst meist ausstrahlt, ist „Bonusfamilie“ jedoch eher ein Leichtgewicht, das besser auf den von der ARD-Tochter Degeto gestalteten Freitag passen würde. Allerdings hatten beispielsweise die thematisch verwandten Degeto-Filmreihen „Eltern allein zu Haus“ (2017) oder zuletzt „Väter allein zu Haus“ (2019) deutlich mehr Biss und Tempo, von „Türkisch für Anfänger“ ganz zu schweigen.

Von Tilmann P. Gangloff

Zur Sendung

„Bonusfamilie“ 20.11., ARD, 20.15 Uhr. Die Sendung in der Mediathek.

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