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Die Schauspieler Wolfram Koch und Margarita Broich am Set von „Funkstille“ im ehemaligen Wohnhaus von Nele Neuhaus in Kelkheim.  

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„Tatort“- Dreh in Nele Neuhaus’ alter Villa in Kelkheim

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Die Frankfurter TV-Kommissare Anna Janneke und Paul Brix ermitteln im Haus, in dem einst Krimi-Bestsellerautorin Nele Neuhaus wohnte. In der Kelkheimer Villa dreht der HR eine neue Folge der beliebten Serie.

Die weiße Villa mit den schmiedeeisernen Fenstergittern erstrahlt am gestrigen Nachmittag im Licht einer künstlichen Sonne. Vor dem Eingang in der Fasanenstraße stehen Kameraleute und Schauspieler. Gleich werden die Frankfurter Tatort-Kommissare Anna Janneke und Paul Brix, alias Margarita Broich und Wolfram Koch, an der Tür klingeln, um die amerikanische Familie Fisher zu befragen. Deren 17-jährige Tochter Emily war mit dem zwei Jahre älteren Nachbarsjungen Sebastian befreundet, der tot in einer alten Fabrikhalle gefunden wurde. Die Kommissare gehen von Mord aus.

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Ein Location-Scout habe das Haus in Kelkheim als Drehort für den neuesten Frankfurt-Tatort ausgesucht, sagt HR-Fernsehredakteurin Lili Kobbe. „Es passte, weil man durch ein Fenster ins Freie klettern kann. Das ist im Drehbuch so vorgesehen.“

„Tatort“ in Kelkheim: Im Keller stapelten sich die Bücher von Nele Neuhaus

Was der Szenenbildner, der im Auftrag des HR unterwegs war, nicht wusste: Die Villa im noblen Kelkheimer Wohngebiet Adolfshöhe, die zurzeit unbewohnt ist, hat eine besondere Geschichte: Bestseller-Autorin Nele Neuhaus war hier bis vor wenigen Jahren zu Hause. Am Küchentisch hat sie die Manuskripte ihrer ersten Taunuskrimis geschrieben, in der Garage die im Eigenverlag gedruckten Bücher gestapelt.

Beleuchter bei der Arbeit im Garten der Kelkheimer Villa. 

Jetzt sitzen die Tatort-Kommissare in einer Drehpause auf der weißen Ledercouch im Wohnzimmer, lassen sich von Fotografen ablichten und geben Journalisten Interviews. Die Bücher von Nele Neuhaus, die mittlerweile Millionen-Auflagen erreichen und in zwei Dutzend Sprachen übersetzt werden, kennen Margarita Broich und Wolfram Koch nicht „Ich lese privat überhaupt keine Krimis“, sagt Koch fast ein bisschen entschuldigend. „Das mache ich nur beruflich.“

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Für „Funkstille“ stehen Broich und Koch zum zwölften Mal als Tatort-Ermittlerduo vor der Kamera. Beide lieben es, mit dem Team des HR zu arbeiten. „Es ist immer ein bisschen wie Heimkommen“, sagt Margarita Broich. Dabei sei keiner der Frankfurt-Tatorte wie der andere. Vom Thriller „Monster von Kassel“ bis zur schwarzen Komödie „Falscher Hase“ reichte bisher die Bandbreite. „Man kann die Filme nicht in eine Schublade packen. Und das ist gut so“, sagt Wolfram Koch.

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„Tatort“ in Kelkheim: Dreh in Nele Neuhaus’ ehemaligem Wohnzimmer

Eine Menge Tatort-Erfahrung bringt auch Tessa Mittelstaedt mit, die gestern ebenfalls am Set in Kelkheim ist. 13 Jahre lang hatte die Schauspielerin eine feste Rolle als Assistentin Franziska Lüttgenjohann im Kölner Tatort. 2014 stieg sie aus. In „Funkstille“ ist sie wieder mit dabei, spielt Gretchen Fisher, die im US-Konsulat in Frankfurt arbeitet, eine Affäre mit dem Mordopfer hatte und womöglich von ihm erpresst wurde.

Unter dem Arbeitstitel „Funkstille“ dreht der Hessische Rundfunk seit 29. Oktober in Frankfurt und Umgebung einen neuen Tatort mit dem Frankfurter Ermittlerteam Janneke und Brix alias Margarita Broich und Wolfram Koch.

Regie führt Stanislaw Mucha, das Drehbuch stammt von Stephan Brüggenthies und Andrea Heller. In weiteren Hauptrollen sind Tessa Mittelstaedt, Emilia Bernsdorf, Kai Scheve, Leon Seidel, Henning Peker, Isaak Dentler, Zazie de Paris und Werner Wölbern zu sehen.

Die Ausstrahlung im Hauptabendprogramm der ARD ist für das vierte Quartal 2020 geplant. aro

Warum sie wieder zum Tatort zurückgekehrt ist? „Der Tatort ist die Königsklasse im Fernsehen, das heimelige Lagerfeuer der Fernsehnation, trotz Netflix und Streaming-Diensten“, findet Mittelstaedt. An den Frankfurter Fernsehkrimis gefalle ihr besonders die experimentelle Erzählweise. „Jeder Film ist ganz besonders.“

In Nele Neuhaus’ ehemaligem Wohnzimmer wird die Familie Fisher in der Szene, die als nächstes gedreht wird, den Frankfurter TV-Kommissaren „tea and chocolate cookies“ kredenzen. Über dem Kamin hängt eine Girlande mit dem goldenen Schriftzug „Happy Thanksgiving“. In Glasvitrinen stehen unzählige Pokale und Trophäen. Auf der Anrichte reiht sich ein Familienfoto an das andere.

Die Requisiteure des HR haben das Wohnzimmer der Fishers bis ins kleinste Detail geplant, nichts dem Zufall überlassen. Zehn Drehtage sind in der Kelkheimer Villa geplant. Noch bis 19. November sind in einem Umkreis von 100 Metern ums Haus Halteverbotsschilder aufgestellt, damit die weißen und blauen Wagen des Hessischen Rundfunks parken können.

Gegen neun Uhr morgens beginnen Produktionsleiter Robert Malzahn, Regisseur Stanislaw Mucha, Kameraleute und Schauspieler mit der Arbeit. Davor sitzen die Darsteller bereits in der Maske. Im Durchschnitt acht Stunden dauert ein Drehtag. Drei bis vier Minuten des 90-minütigen Filmes sind dann im Kasten. Nachts kann das technische Equipment des Filmteams im Vereinsheim des Kelkheimer Fanfarenclubs gelagert werden. Er freue sich, dass Kelkheim als Drehort für den Frankfurt-Tatort ausgesucht wurde, sagt Bürgermeister Albrecht Kündiger. „Wir versuchen zu helfen, wo wir können.“

In Münster haben indes die Dreharbeiten zum neuen Tatort "Limbus" begonnen, wie msl24.de* berichtet.

„Tatort“ in Kelkheim: Drehorte auch in Eschborn und Frankfurt

Kelkheim ist nicht der einzige Ort außerhalb von Frankfurt, an dem Szenen für den neuen Tatort gedreht werden. Die alte Fabrikhalle, in der der 19-jährige Sebastian in den Tod stürzt, ist der ehemalige Flugzeughangar in Eschborn. Unterwegs ist das Filmteam bis zum 1. Dezember auch in Schwalbach, wo Straßenszenen, unter anderem im Gewerbegebiet Camp-Phönix-Park, gedreht werden.

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Drehorte in Frankfurt sind das Café Rosso hinter der Alten Oper, die Büros von Energieversorger Mainova in Bockenheim, der Second-Hand-Schuhladen Aschenputtel sowie die Kleinmarkthalle. Das Polizeikommissariat ist wieder in den ehemaligen Verwaltungsgebäuden von Neckermann in Fechenheim untergebracht. Die Gerichtsmedizin in den Räumen der Goethe-Uni.

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Etwa ein halbes Jahr dauert es nach Drehschluss, bis der Fernsehfilm fertig ist. 1,4 Millionen Euro kostet eine Tatort-Folge. Bereits jetzt seien zwei weitere Frankfurt-Tatorte für 2020 in Planung, sagt Redakteurin Lili Kobbe. Margarita Broich und Wolfram Koch werden wieder als TV-Kommissare ermitteln. Merkwürdige, sperrige Filme trauten sie dem HR zu, sagen sie. Sorgen, dass das beim Publikum auf Dauer nicht ankommt, machen sich die Schauspieler nicht. „Der Tatort ist als Format so stabil, dass er gut auf sich aufpassen kann“, findet Margarita Broich.

Ein zurückhaltender, fast etwas spröder Krimi aus dem ländlichen Kärnten: Der Österreich-Tatort „Baum fällt“ in der ARD nutzt nicht sein Potenzial, findet fr.de*-Redakteurin Judith von Sternburg bei ihrer TV-Kritik.

*fr.de und msl24.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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