Neue Zeiten in der Bankfiliale (v. li. n. re.): Boris (Tom Böttcher), Tutz (Constantin von Jascheroff), Gitte (Vera Kasimir), Stenzel (Herbert Knaup) und Dorothea (Sanne Schnapp) bekommen ihre Informationen per Videobotschaft.
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Neue Zeiten in der Bankfiliale (v. li. n. re.): Boris (Tom Böttcher), Tutz (Constantin von Jascheroff), Gitte (Vera Kasimir), Stenzel (Herbert Knaup) und Dorothea (Sanne Schnapp) bekommen ihre Informationen per Videobotschaft.

„Stenzels Bescherung“, ARD

„Stenzels Bescherung“ in der ARD: Wunder gibt es immer wieder

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Der Film ist ein etwas braves, aber dank Herbert Knaup sehenswertes Drama über den Leiter einer Dorfbank, der zum Robin Hood wird.

Die Geschichte ist viel zu schön, um wahr zu sein, und deshalb folgt auf die Einblendung „Beruht auf wahren Begebenheiten“ auch umgehend ein einschränkendes „fast“. Marc-Andreas Bochert erzählt mit „Stenzels Bescherung“ von einem Ereignis, dessen Hintergrund trauriger Alltag in vielen Dörfern ist: Weil den Orten die Einwohner abhanden kommen, verabschieden sich nach und nach auch die verschiedenen Dienstleister, bis am Schluss nur noch eine Kneipe übrig bleibt. 

So weit ist es in dem ostdeutschen Kleinststädtchen dieses Films zwar noch nicht gekommen, aber das Schicksal der Stadtbank ist besiegelt; auch wenn Tutz (Constantin von Jascheroff), der schneidige Abgesandte aus der Frankfurter Zentrale, von Optimierung faselt. Die Kette ist an einen Investor aus Singapur verkauft worden; Tutz soll die Nebenstelle bis Weihnachten abwickeln, wie Filialleiter Volkmar Stenzel (Herbert Knaup) bei einem zufällig belauschten Telefonat erfährt; deshalb dürfen keine Kredite mehr vergeben werden.

„Stenzels Bescherung“: Die Geschichte wird als Rückblende erzählt

In einem Anfall von heroischem Trotz erfindet der ansonsten stets penible und korrekte Banker kurzerhand die Aktion „Bank hilft Nachbarschaft“ und nutzt die ruhenden Konten erbenloser Verstorbener, um die darbenden Geschäftsleuten des Städtchen unter der Hand mit Überbrückungskrediten zu versorgen: Der Bäcker braucht Geld für eine neue Knetmaschine, in einer Kfz-Werkstatt muss die Hebebühne repariert werden, und der renovierungsbedürftige Kindergarten „Pfützenhüpfer“ kann die Handwerker nicht bezahlen, weil sich der fest zugesagte Zuschuss der Stadt verzögert. Stenzel stellt nur eine einzige Bedingung: Das Geld muss bis Heiligabend zurückgezahlt werden, damit die Sache nicht auffliegt; und das geht prompt schief.

Bochert und sein Koautor Hans-Ullrich Krause erzählen die Geschichte als lange Rückblende. Die Handlung beginnt in Skandinavien, Volkmar und Barbara Stenzel (Johanna Gastdorf) sind im Wohnmobil unterwegs, um einen alten Traum ihrer verstorbenen Tochter zu erfüllen: Das Mädchen hatte sich gewünscht, vor seinem Tod die Nordlichter zu sehen. Zumindest für Volkmar endet die Reise abrupt, als sie von der Polizei gestoppt werden und er verhaftet wird. Nun friert Bochert das Bild ein, um anschließend zu erzählen, was in den sechs Wochen zuvor passiert ist.

„Stenzels Bescherung“: Ein Mann stemmt sich gegen die Globalisierung

Vordergründig wirkt „Stenzels Bescherung“ wie eine typische Robin-Hood-Geschichte: Ein Mann stemmt sich gegen die Globalisierung. Tatsächlich geht es letztlich um etwas ganz anderes, und das macht den eigentlichen Wert dieses Films aus: Im Grunde hat Stenzel nach dem Tod seiner Tochter mit dem Leben abgeschlossen. Seither funktioniert er nur noch, wie Bochert mit einigen Einstellungen des immergleichen Tagesablaufs illustriert. 

„Stenzels Bescherung“, 23.12., ARD, 20.15 Uhr. Die Sendung in der Mediathek.

Stenzel fühlt sich „wie aus dem Zug gefallen: Von einem Moment auf den nächsten gehört man nicht mehr dazu.“ Das bezieht sich zwar auf die bevorstehende Schließung der Filiale, beschreibt aber auch seinen allgemeinen Gesamtzustand sehr treffend. Die wichtigste Nebenfigur ist daher Straßensängerin Jana (Anna Fischer), die vom Durchbruch träumt. Stenzel streckt ihr das Geld für einen Termin im Tonstudio vor, damit sie ein Demoband aufnehmen kann; abends schaut er sich alte Videofilme seiner Tochter an, die ebenfalls Musik gemacht hat und heute so alt wie Jana wäre. 

Anna Fischer versieht ihre Rollen ohnehin meist mit ansteckender Lebensfreude und ist daher die perfekte Besetzung für die junge Frau, deren Bekanntschaft zu Stenzels Sinneswandel führt; nur deshalb lässt er sich auch auf ein vom türkischstämmigen Restaurantbesitzer Mahmoud (Adnan Maral) eingefädeltes Treffen mit den Geschäftsleuten ein.

„Stenzels Bescherung“: Großartig ist Herbert Knaup

Sehenswert ist „Stenzels Bescherung“ jedoch in erster Linie wegen Herbert Knaup. Es gibt nur ganz wenige Filme, bei denen die Mitwirkung des Schauspielers nicht gleichzeitig auch eine Garantie für eine bestimmte Mindestqualität war. Hier gelingt es ihm auf mitunter fast schmerzlich subtile Weise, die Gefühle des traurigen Helden zu vermitteln; dafür braucht er weder Worte noch Mimik, von feuchten Augen ganz zu schweigen. 

In der Arbeit mit seinen (Haupt-)Darstellern liegt ohnehin Bocherts große Stärke, wie er zuletzt mit seinen „Krüger“-Filmen* gezeigt hat. In dieser Trilogie spielt Horst Krause einen grantigen Berliner, der lernen muss, seine Vorurteile zu überwinden („Krüger aus Almanya“, „Krügers Odyssee“, „Küss die Hand, Krüger“; ARD-Degeto, 2015 bis 2018). Knaups Leistung lässt auch verschmerzen, dass Bochert die tragikomische Handlung verhalten bis gediegen und recht tempoarm inszeniert hat. Das erinnert an die inhaltlich zwar engagierten, in der Umsetzung aber doch recht braven Themenfilme „Inklusion“, „Toleranz“ oder „Dyslexie“ (zum Teil ebenfalls mit Krause als Koautor), die der Regisseur vor einigen Jahren im Auftrag des Bayerischen Rundfunks für ARD-alpha (früher BR-alpha) gedreht hat.

Produktionsfirma war wie bei „Stenzels Bescherung“ Tellux-Film, deren Mehrheitsgesellschafter die katholischen Bistümer sind. Optisch ist der Film mit Ausnahme der skandinavischen Szenen weitgehend ereignislos; die Handlung spielt größtenteils in der Bank, bei Stenzel daheim und in Mahmouds Restaurant, das sich am gleichen Platz wie die Bank befindet. Der Lokalbesitzer sorgt immerhin indirekt für das schöne Schlussbild des Films. Ausgerechnet der Moslem hat sich für den Platz einen großen Weihnachtsbaum gewünscht, denn: „Traditionen sind wichtig.“

Von Tilmann P. Gangloff

*fr.de ist teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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