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Erste lesbische Datingshow weltweit

Princess Charming: Ein Trash-Format tritt eine kleine „Revolution“ los

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    VonAnna-Katharina Ahnefeld
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Die Datingshow aus Deutschland ist weltweit das erste lesbische Format – und damit automatisch politisch. Das sagt viel aus über Queer-Sein im 21. Jahrhundert.

Deutschland – Sommer 2021. Eine lange Schlange hat sich in der Hitze gebildet, wartet auf den Einlass in die Münchner Veranstaltungs-Location. Es ist Christopher Street Day*. Kandidatinnen der weltweit ersten lesbischen Datingshow „Princess Charming“ sind zu Gast – wegen ihnen strömen die Massen an Menschen auf das Gelände. Wer nicht eingelassen wird, sitzt in den umliegenden Bars und Restaurants, verbringt den warmen Abend draußen. Es fehlt nur, dass jemand wie in „Princess Charming“ die Regenbogen-Flagge hisst.

Ausgelöst hat das eine Sendung, die eigentlich dem Genre des Trash-TVs zuzuordnen ist. Eine TVNOW-Produktion (RTL), die später auf Vox laufen wird. Queerness wird im Mainstream abgebildet. An einem Ort, der lange für von heteronormativen Vorstellungen abweichende Lebensformen nur eine winzige Nische, überladen mit Klischees, Stereotypen und Problematisierungen, übrig hatte. Bereits „Prince Charming“, die schwule Vorgänger-Version, hat damit gebrochen und „Princess Charming“ geradezu einen dreifachen Salto vollführt.

Kandidatin Bine (links) und „Princess“ Irina bei einem Einzeldate in Folge sieben.

„Princess Charming“: Erste lesbische Datingshow weltweit hat klaren Bildungsauftrag

Dass Queer-Sein im TV auch im Jahr 2021 politisch ist, wird bereits in Folge eins deutlich. Die Kandidat:innen (Anm. der Red.: Wir sprechen in der Gesamtbesetzung von Kandidat:innen, weil Gea non-binär ist) kommen mit Pick-Ups an der Villa auf Kreta an, jemand brüllt „Pussy Power“, die Regenbogen-Flagge wird gehisst. Am Abend vor der ersten Entscheidung hadert eine mit ihrem Körper – und wird von den Umstehenden empowert. Als zwei Kandidatinnen körperlich aneinander geraten, müssen sie sofort gehen. Der Rest sorgt sich, mit solch einem Verhalten als Community in Verbindung gebracht zu werden. „Wir sind hier alle reingegangen und wussten, dass wir etwas repräsentieren oder für etwas stehen“, äußert die spätere Finalistin Elsa.

„Es ist spannend, dass in der weiblichen Variante der Bildungsauftrag so großgeschrieben wurde und wir diverse Themen automatisch mitbehandeln und mitdenken“, sagt dazu Kandidatin Johanna gegenüber fr.de. „Für mich war es der Raum, in dem ich offener war als jemals zuvor in meinem Leben – und gleichzeitig herrschte eine Atmosphäre von ‚Wir schreiben hier gerade Geschichte‘.“ Die 27-Jährige bezeichnet das gemeinsame Erlebnis als einen Safe Space, eine Art Trainingscamp für den richtigen Umgang mit feministischen und gendergerechten Themen. „Princess Charming“ sei niemals „nur“ lesbisch gewesen.

Die 27-jährige Johanna aus Hildesheim war eine der Kandidat:innen der ersten Staffel von „Princess Charming“.

Es gehe in der Sendung nicht um ein reines Dating-Format, betont auch Dr. Anike Krämer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Gender Studies der Universität Paderborn. Statt der Eroberung der „Princess“, stehe die starke Solidarität der Teilnehmenden im Vordergrund. „Wenn man sich Statistiken zu Hassverbrechen anguckt, ist Gewalt gegen homosexuelle und lesbische Paare immer noch erhöht – gerade in diesen Kontext fand ich schön zu sehen, dass Princess Charming weibliches Begehren, lesbisches Begehren, aber nicht nur das, sondern ganz viele weitere Facetten zeigt.“

Politische Bedeutung von „Princess Charming“: Lesbisches Leben in Politik kaum Relevanz

Lesbisches Begehren im TV – auch 2021 eine Seltenheit. Im deutschen Fernsehen blieb Queer-Sein bislang ein stiefmütterlich behandeltes Thema. Zumindest nach den Untersuchungen von „Queermdb“, der Queeren Medien-Datenbank für Filme, Serien und Bücher. In der Hauptsendezeit 2021 hätten LGBTQIA+-Inhalte nur 0,6 Prozent ausgemacht, insgesamt habe die „Queerfilmquote“ bei 2,5 Prozent gelegen.

Mit Blick auf „Princess Charming“ hofft Dr. Kerstin Oldemeier daher auf einen „Aha-Effekt“. Die Lehrbeauftragte für Soziologie forscht zu Gender-und Queer-Studies und ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Grünen-Politikerin Tessa Ganserer*. „Je größer die Sichtbarkeit und die Aufmerksamkeit für eine Zielgruppe ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Finanzgeber im politischen System damit auseinandersetzen und offensichtlich wird, dass es hier seit Jahrzehnten Defizite gibt, die eigentlich sehr beschämend sein sollten“, analysiert sie. Denn: „Lesbisch und unsichtbar ist quasi miteinander verknüpft“ – das sei auch bedingt durch die patriarchale Struktur der Gesellschaft.

Wenige Menschen in der Politik hätten überhaupt auf dem Radar, dass es bei Homosexualität auch um lesbische Frauen gehe – und nicht nur um schwule Männer. Erst kürzlich sei erstmals eine Gedenkkugel für lesbische Frauen im Dritten Reich errichtet worden. In der Geschichtsforschung hätte es lange geheißen, lesbisches Leben sei nicht verfolgt worden. Schlichtweg, „weil man dazu überhaupt keine Dokumente hatte“. Doch Oldemeier ist zuversichtlich, auch aufgrund von Formaten wie „Princess Charming“: „Die Kräfte werden immer größer, lesbische Frauen, egal ob cis oder trans, werden jetzt nicht mehr nachlassen.“

„Princess Charming“: Erste lesbische Datingshow weltweit – „Jeder Sex und jedes Händchen halten, ist für euch kritisch.“

Eine, die nicht mehr nachlässt, ist Kandidatin Wiki, eine feministische Rapperin aus Hamburg. In einer Folge liefert sie mit ihrem Gedicht eine der beeindruckendsten Szenen. „Ich, ich wollte mich niemals outen. Ich wollte einfach nur durch mein Leben laufen, unpolitisch. Doch das geht nicht – denn jeder Sex und jedes Händchen halten, ist für euch kritisch.“ Auf Instagram wird im Anschluss an die Folge dieser Moment und die Zeilen vielfach geteilt. Wiki transportiert ein Gefühl, das viele Community-Member teilen: Dass das Private als queerer Mensch automatisch politisch ist. Auch die anderen Kandidat:innen setzen sich für Aufklärung ein. Johanna schreibt Texte über patriarchale Strukturen im Alltag und animiert FLINTAS zum gemeinsamen Empowerment. Gea ist non-binär und sensibilisiert für die Themen Misgendern und Transfeindlichkeit in der Community. Und Kandidatin Miri sagt, sie hätte sich früher lesbische Vorbilder im Fernsehen gewünscht – und wurde gemeinsam mit den anderen selbst zu einer Vorreiterin.

Ich, ich wollte mich niemals outen. Ich wollte einfach nur durch mein Leben laufen, unpolitisch. Doch das geht nicht – denn jeder Sex und jedes Händchen halten, ist für euch kritisch

Kandidatin Wiki, „Princess Charming“

„Princess Charming“ erzeugt so Sichtbarkeit der Vielfältigkeit und Repräsentation – abgesehen von der Tatsache, dass der Großteil der Teilnehmenden weiß ist. Und das in einer Zeit, in der Queer-Sein auch in EU-Ländern noch immer attackiert wird. Während der Fußball-EM sorgte eine Entscheidung der UEFA für Furore. Das Münchner Stadion durfte beim Spiel gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben beleuchtet werden. Es sollte ein Zeichen für Toleranz sein – und die Reaktion auf ein neues ungarisches Gesetz zur Beschränkung von Informationen über Homosexualität und Transgender. Polen richtete in den vergangenen Jahren LGBT-freie Zonen ein. Und in Deutschland nehmen seit Jahren Hass-Verbrechen gegen queere Menschen deutlich zu. In dieses Minenfeld platzt „Princess Charming“ hinein – und kann dadurch nur politisch gelesen werden.

Sichtbarkeit und Repräsentation von queerer Community – Kandidatin Johanna: „haben eine Revolution losgetreten“

Das ist allen Beteiligten bewusst. Die bekannte Youtuberin AnnikaZion hat auf ihrem Kanal die Folgen mit Respekt und Humor zusammengefasst. Die 23-Jährige ist Bestandteil der „Princess Charming“-Gang, die sich in der Öffentlichkeit, auf CSDs, Instagram zeigt und ihre Freundschaft und das Queer-Sein feiert. „Das Bedürfnis war stark da und man erlebt jetzt, dass die lesbische Community immer lauter und größer wird – und sich zeigen will“, so die Youtuberin. Die Teilnehmenden gingen respektvoll miteinander um, das Format kläre auf und leiste Bildungsarbeit. Das erreiche Menschen außerhalb der queeren Bubble.

„Man unterschätzt oft, wie anders es ist, wenn Menschen einem in der Lebensrealität nahe stehen“, sagt Julia Bomsdorf von der Lesbenberatungsstelle LeTRA in München. Zwar gebe es Filme und Serien, die queeres Leben thematisierten, jedoch seien diese meist überladen mit Klischees und Problematisierungen. „Princess Charming“ jedoch bilde die Wirklichkeit ab und schaffe Sichtbarkeit – auch für Menschen, die bislang wenig Kontakt zur LGBTQIA+*-Community hätten. Ein wichtiger Schritt in Richtung Normalisierung, ist sich Bomsdorf sicher.

Bei „Princess Charming“ stand am Ende nicht die große Liebe zwischen Irina und Lou – die kein Paar geworden sind. Doch darum allein ist es vielen Zuschauer:innen sowieso nicht gegangen. Eingebrannt hat sich der respektvolle Umgang und die Freundschaft der Teilnehmenden untereinander. „Dass love einfach love ist“, wie auf dem Instagram-Kanal der Show zu lesen ist. Und das Gefühl, „endlich“ repräsentiert zu werden. Ein weiterer Meilenstein für die queere Community. „Wir haben eine Revolution losgetreten – und am wichtigsten ist es jetzt, die breite Masse abzuholen“ , drückt es Kandidatin Johanna aus. (aka) *fr.de und BuzzFeed News sind Angebote von IPPEN:MEDIA

Rubriklistenbild: © TVNOW

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