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Sandra Maischberger im Gespräch mit Gregor Gysi.

„Maischberger. Die Woche“, ARD

Maischberger: Gefangen in der Infotainment-Hölle

In ihrer vorletzten „Test-Sendung“ schwächelt das neue Konzept von „Maischberger. Die Woche“ noch mehr als sonst schon – und diesmal auch die Moderatorin.

Das wird ein schwieriges Gespräch mit dem WDR. Im Juli hatte die Maischberger-Redaktion folgendes Experiment angekündigt: sechs Probe-Folgen mit einem neuen Konzept, zwei vor und vier nach der Sommerpause. Danach will man sich mit dem Sender zusammensetzen und auswerten. Dies war die vorletzte dieser Probe-Sendungen, und während die bisherigen Ergebnisse immerhin noch durchwachsen ausgefallen sind, waren die Auflösungserscheinungen diese Woche nicht mehr zu übersehen.

Vielleicht hatte man vorzeitig eingesehen, dass der Versuch einer eierlegende Wollmilchsau-Sendung mit ein bisschen Paneldiskussion, ein bisschen Einzel-Interview, ein bisschen Publikumsbeteiligung und ein bisschen Boulevard eben doch zu viel gewollt war. Zumindest hat man diesmal die letzten beiden Segmente, zugegebenermaßen die schwächsten bisher, schonmal gekappt, zugunsten zweier weiterer Einzelinterviews – die dann aber genauso fahrig und blutleer ausfielen wie der ganze Rest der Sendung.

Die Gäste sind des Humors unverdächtig

Die ersten Probesendungen haben gezeigt, dass ein humoriges Kommentatoren-Panel, das schnippisch und stichelig ihre Gewinner und Verlierer der Woche erklärt, wirklich unterhaltsam sein kann. Ein oder zwei politisch interessierte Komiker und ein oder zwei Nachrichtenleute mit schneller Auffassungsgabe – dabei kam in den ersten Sendungen durchaus amüsantes Repartée und einige nachdenkenswerte Absurditäten heraus. Nicht so diese Woche.

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Es ist unklar, was den Panel-Gästen vorher gesagt wird – es hatte diese Woche auf jeden Fall keinerlei Wirkung. Anja Kohl ist nun mal Börsenexpertin, Susanne Gaschke ist nun mal Printjournalistin und Michel Friedman ist nun mal Michel Friedman – alle drei sind des Humors oder auch nur der Unterhaltung gänzlich unverdächtig. Aber diesmal trifft Maischberger eine Mitschuld, die ihnen keinerlei thematischen oder kreativen Spielraum lässt, sondern sie teils rabiat in enge Fragen hineinzwängt. 

Als Gaschke einmal spontan von Brasilien zur SPD überleiten will, grätscht die heute überraschend dünnhäutige Moderatorin sofort dazwischen und bringt sie aufs Thema zurück. Nach 20 Minuten seufzte sie dann irgendwann selbst: „Das klingt überhaupt nicht fröhlich, das klingt überhaupt nicht optimistisch.“ – nachdem sie ihre Gäste die ganze Zeit über Rückschläge im Klimawandel, das Ende der westlichen Demokratie und den internationalen Wirtschafts-Abschwung festgenagelt hat. War das Panel am Ende vielleicht gar nicht spontan und als lockerer Einstieg gedacht?

Das Thema bleibt unklar

Im Einzelinterview macht die immer sehr Talkshow-gewandte SPD-Ministerpräsidentin für Rheinland-Pfalz Malu Dreyer dann da weiter, wo Markus Söder letzte Woche aufgehört hatte: Vernünftig, interessant und klug wirken und die eigene Position erklären. Diese war bei Dreyer so abwegig (eine selbstbewusste, leidenschaftliche Verteidigung der SPD und ein hoffnungsvoller Blick auf die Zukunft), dass es umso erstaunlicher war, wie gut und logisch sie das vertreten konnte. Zudem kannte sie tatsächlich alle 19 Kandidaten, die sich für den SPD-Parteivorsitz bewerben, allein dafür musste man ihr schon Respekt zollen.

Doch wie bei den beiden zusätzlichen Einzelinterviews wurde auch hier nicht wirklich klar, was das Thema gerade war oder warum es eine Interviewerin vom Kaliber einer Maischberger dafür brauchte. Zu Beginn sprach sie noch mit dem Klimatologen Karsten Brandt über die Waldbrände in Brasilien – heraus kam nicht mehr als ein solider Brennpunkt-Beitrag, aus dem sich einiges an Hintergrund-Informationen, aber nichts an genuiner Einsicht oder gar aktueller Handlungskonsequenz ergab. Und abschließend sollte Gregor Gysi das Wahlverhalten der neuen Bundesländer erklären – und ging als eines der wenigen Interviews in die Fernsehgeschichte ein, das Maischberger völlig entglitt.

Gregor Gysi - befreit vom Amt, aber immer noch selbstverliebt

Gysi war launig und redselig, sichtlich befreit von jeglichem politischen Amt, aber immer noch selbstverliebt – die schlimmste Art von belanglos. Es bleibt auf ewig unklar, welche Einsichten in die Ost-Seele Maischberger sich erhofft hatte, aber bei Gysi wurde sie überhaupt nicht fündig. Viel Ostalgie und Wendegeschichten, ein Schuss politische Küchenpsychologie und einen Hang zum selbstverliebten Schwafeln – mehr gab es bei Gysi nicht zu holen.

Noch mehr als in den bisherigen Shows sah man diese Woche eine Moderatorin auf der Suche nach einer Sendung. Gefangen in der Infotainment-Hölle, zwischen referierenden Experten, die ihre Interview-Künste nicht brauchen; zwischen salbadernden Kommentatoren, von denen nicht klar ist, ob sie nun ernsthaft oder unterhaltsam sein sollen; und zwischen einem seit Jahren nicht mehr relevanten Polit-Rentner, der sich gerne reden hört. Das deutsche Fernsehen braucht Sandra Maischberger. Aber bis sie herausgefunden hat, wo und warum und wofür, das kann noch etwas dauern.

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