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Frank Plasberg präsentierte einen lauwarmen Talk. 

„Hart aber fair“, ARD

Populistendämmerung bei „Hart aber fair“ - Frank Plasbergs lauwarmer Talk

„Hart aber fair“: Ein lauwarmer Talk bei Frank Plasberg, bei dem ausgerechnet der einzige Politiker im Panel auf Prinzipien pochte.

Ist der Spuk bald vorbei? Nachdem sich jahrelang eine beängstigende Welle von rechtspopulistischen Wahlerfolgen in Ost- und Südeuropa aufgebaut hatte, wurden 2016 in den USA der pathologische Diktatoren-Fan Trump und in Großbritannien die größenwahnsinnigen Brexiteers an die Macht gespült. 

Nun ließen die letzten Wochen politisch plötzlich neuen Mut schöpfen: In Italien wurde Salvini aus der Regierung gejagt, in Österreich die offen korrupte FPÖ abgestraft – und vor allem regt sich in Großbritannien und Amerika auf einmal heftiger und teils juristischer Widerstand gegen Johnson und Trump, die beide angezählt wirken. Kehrt wieder ein wenig Vernunft in die globale Politik zurück?

Plauderton beim Thema Populismus

Wenn man den Talk-Teilnehmern dieser Rund zuhört, kriegt man vor allem einen Eindruck: Gottseidank ist das alles so weit weg und hat mit uns nichts zu tun. Die Analysten und Kommentatoren plaudern über die jüngsten Entwicklungen in der Weltpolitik wie über die neueste „Game of Thrones“-Staffel. Und alle scheinen sehr dankbar, dass es hierzulande ja keine Drachen gibt. Die einzige Erwähnung der AfD bezieht sich auf ihre Gründung und die sinnvollen Thesen, die sie angeblich irgendwann mal gehabt haben soll. 

Im Gegensatz zu den Gesprächen über deutsche Politik oder Klimapolitik, wo hier noch vor wenigen Wochen fast der Saal zermöbelt worden wäre, gehen die Temperamente heute nie über den Plauderton hinaus. Offenbar kann man sich beim Thema Populismus beruhigt zurücklehnen und sich einreden, dass das nur Probleme in einem weit, weit entfernten Land sind.

Gab es trotzdem irgendwelche Erkenntnisse? Nun, wie bei einem Autounfall in Zeitlupe war es zugleich faszinierend und abstoßend zu sehen, daß es auch in Deutschland US-Republikaner und Trump-Apologeten gibt. Ralph Freund, Vizepräsident der "US-Republicans Abroad Germany", übernahm diese gruselige Rolle, komplett mit Lob für Trumps Klarheit und Zielgerichtetheit – und mit einer Leugnung, dass es klare Beweise für ein „quid pro quo“ oder ein Unter-Druck-Setzen im Gespräch zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Zelensky gab. 

Donald Trump und die Ukraine

Erst wirkt es, als wären alle anderen Gäste derart desinteressiert, dass sie Freunds haarsträubende Behauptung nicht mal hinterfragen wollen. Es ist der CDU-Mann Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, der die Beweislage schließlich richtigstellt: Trump hatte wenige Tage vor dem Gespräch die vom US-Senat bereits beschlossene Militärhilfe ohne Begründung ausgesetzt, die für die Ukraine in ihrem bewaffneten Grenzkonflikt* mit Russland überlebensnotwendig ist. Und als er dann im Gespräch auf diese Hilfe zu sprechen kommt, beschwert er sich, dass die Großzügigkeit der USA viel zu wenig erwidert wird und fordert „einen Gefallen“ von Zelensky. Und das alles laut des offiziellen Gesprächstranskripts des Weißen Hauses. Wie viel Belege für „unter Druck setzen“ möchte Freund wohl noch haben?

Die zweite Erkenntnis ist, dass fast alle Beteiligten bereits so zynisch geworden sind, dass sie nur darüber diskutieren, ob das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump strategisch richtig und zur opportunen Zeit geschieht. Es ist erneut ausgerechnet der Berufspolitiker Röttgen, der als einziger so etwas wie Prinzipien beweist und zumindest ein Gefühl dafür gibt, dass es bei groben und offensichtlichen Gesetzesverstößen vielleicht um mehr geht als nur um taktische Geklüngel, dass es vielleicht auch eine moralische und institutionelle Pflicht gibt, nicht wegzusehen. 

Praktisch in der gleichen Minute, in der die anderen Diskutanten abwinken und beschwören, dass die US-Bevölkerung dagegen ist, kommt in anderen Nachrichtenkanälen die Meldung, dass sich die Stimmung in den Staaten seit letzter Woche um sage und schreibe 20 Prozentpunkte verändert hat: Die bisher skeptische öffentliche Meinung ist nun unentschieden, sogar mit leichten Vorteilen für das Amtsenthebungsverfahren.

Phänomene wie Trump und Johnson

Die dritte Erkenntnis ist, dass man häufiger Schriftsteller zu solchen Talkrunden einladen sollte. Während der Politikwissenschaftler Christian Hacke sich als einzigen Verdienst des Abends auf die Fahnen schreiben kann, den Begriff „fiese Möpp“ endlich wieder in den politischen Diskurs gebracht zu haben, bügelt er ansonsten ungefähr zehnmal jede Analyse der aktuellen Lage mit der Frage ab, dass man erstmal verstehen müsse, wie diese Leute überhaupt an die Macht gekommen sind. Eine Antwort oder auch nur eine weiterführende Idee dazu hat er überraschenderweise überhaupt nicht. 

Lesen Sie hier unsere TV-Kritik zu „Hart aber fair“: Unrühmlicher TV-Talk in der ARD*

Der britischer Schriftsteller James Hawkes zeigt noch mit gebrochenem Deutsch wesentlich klarere und präzisere Worte als seine Mitdiskutanten. Seine Analyse zu Johnson („Der Mann hat keine Scham.“), zu Schottland („In fünf Jahren sind die weg.“) und zur Zukunft („Herr Johnson, ich würde Sie gerne vor Gericht sehen.“) sind deutlich unterhaltsamer als die vagen Floskeln der anderen Gäste.

Also: Egal, ob die Populistendämmerung nur eine Episode bleibt oder nun zum großen internationalen Korrektiv hochkocht – mehr Schriftsteller in den Sendungen bitte. Wir brauchen für Phänomene wie Trump und Johnson neue Worte und zugleich klare Aussagen – und die Dichter sind wie prädestiniert dafür.

Von D.J. Frederiksson

„Hart aber fair“, ARD, 21.15 Uhr, Infos im Netz.

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